Wie unter Strom und vibrierend vor Leben

So fühl(t)e ich mich die letzten Tage über. Es war viel los:

… meine erste richtige Arbeitswoche im neuen Studentenjob. Obwohl ich schon seit einigen Jahren in diesem Bereich arbeite, war ich doch nervös und hatte einige Auseinandersetzungen mit dem Angstmonster, dass mir einreden wollte, ich würde das alles ganz sicher nicht hinbekommen. Habe ich aber. Pah, nimm das, Angst! Im Moment bin ich dabei, mich in die Arbeitsabläufe einzufinden und zu schauen, wie ich mich am besten organisiere, da ich nun auch Aufgaben übernehme, für die bei meinen alten Arbeitgebern Mitarbeiter aus anderen Bereichen zuständig waren. Darum wundert euch nicht, wenn es die nächste Zeit hier vielleicht etwas ruhiger wird als sonst.

… der defekte Laptop, der mir einiges an Stress bescherte, da ich für den Job immer ein paar Dinge von zuhause aus via Internet erledigen muss. Dank der lieben coeurdesouriceau  zeichnet sich hier nun aber Hilfe ab. Vielen lieben Dank!

… Termine bei meinem Arzt und meiner Therapeutin. Beide Termine waren gut und hilfreich, haben mich aber auch etwas aufgewühlt. Wir haben nun beschlossen, dass ein Aufenthalt in einer auf Zwangsstörungen spezialisierten Klinik mich auf meinem Weg weiterbringen könnte. Meine Aufgabe ist es jetzt, Kliniken rauszusuchen und mich über das Aufnahmeprocedere schlau zu machen. Inzwischen habe ich mir auch schon eine Liste zusammengestellt und werde irgendwann die nächsten Wochen meinen Favoriten anrufen und Infos einholen. Da ich ja erst vor kurzem in der Tagesklinik war, die Zwänge momentan schwach ausgeprägt sind und ich jetzt erst einmal meinen ganz normalen Alltag genießen und mit dem Studium weiter vorankommen will, peile ich die ganze Kliniksache nicht vor den nächsten Semesterferien (also Frühjahr 2018) an.

… auch in Sachen Ehrenamt hat sich nach längerem Stillstand etwas getan. Daneben habe ich Freunden bei ihren Bewerbungen geholfen, angefangen, meinen bevorstehenden Geburtstag zu planen und muss noch Univeranstaltungen vorbereiten …

Einerseits finde ich es großartig und bin dankbar dafür, dass mein Leben jetzt wieder so richtig in Fahrt kommt, andererseits merke ich aber auch, dass ich gut auf mich achten muss, um nicht wieder in meine alten Muster zurückzufallen, die die Depression und Co. begünstigen.

In den letzten Tagen hatte ich öfters wieder das Gefühl, auf meiner Brust läge ein Stein, der mich am Atmen hindert. Dazu kam das Empfinden, unter Strom zu stehen, von Rastlosigkeit und Unruhe. Für mich inzwischen vertraute Warnzeichen meines Körpers und meiner Seele, langsamer und bedachter zu machen und mich nicht so sehr unter Druck zu setzen, wie ich es oft automatisch tue.

Das heißt konkret:

  • Bewusst Pausen machen, auch wenn ich das Gefühl habe, dass noch so viel zu tun ist. Ab einer bestimmten Uhrzeit bewusst Feierabend machen, dann wird nichts mehr gemacht für Arbeit, Uni oder Blog
  • Zwischendurch Achtsamkeitsübungen und PMR einbauen, bevor Angst und Anspannung die Chance haben, überzuschießen
  • Weiter regelmäßig Sport machen (die letzten Wochen sah es damit leider sehr mau aus)
  • Genug trinken, auf den Koffeinkonsum achten (zu viel Kaffee kann bei mirdie Angst verstärken). Weniger Stressessen, mir statt zu viel Süßkram mehr frisches Obst und Gemüse gönnen
  • Versuchen, mitfühlend und freundlich mit mir umzugehen statt in alter Manier verständnislos und hart

 

 

 

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Gänseblümchen der Woche (15)

  • inspiriert vor allem durch Annie habe ich jetzt auch angefangen, mir ein Bullet Journal zu gestalten und sehr viel Spaß dabei 😊
  • ein Päckchen von meiner Mutter gefüllt mit einem Paket von meinem Lieblingskaffee, Süßigkeiten und einer witzigen Karte
  • ein gutes Telefonat mit meiner Patentante
  • In den letzten Tagen hatte ich nach längerer Ruhephase wieder die ein oder andere Panikattacke. Letztens habe ich es trotzdem geschafft, in einer angespannten Situation bis zum Ende zu bleiben und nicht Hals über Kopf zu flüchten, wie mein Körper es mir in diesem Moment einreden wollte.
  • Mir etwas gegönnt: einen Poncho in meiner Lieblingsfarbe für kleines Geld, schöne Sticker für mein Bullet Journal und die neue Duschgelsorte von Treaclemoon (Pflaume. Ich liebe es!)

Was ich mir für die Zukunft wünsche #Behandlungssituation Zwangserkrankter

„Rund zwei Millionen Deutsche sind von Zwängen betroffen (…). Damit ist die Zwangserkrankung (…) die vierthäufigste seelische Störung. Diese Häufigkeit steht im großen Gegensatz zu den noch geringen Kenntnissen vieler Therapeuten und zu der geringen Zahl von ambulanten und stationären Behandlungseinrichtungen, die sich auf die Zwangserkrankung spezialisiert haben.“

Dieses Zitat kann ich aus eigener Erfahrung und im Hinblick auf das, was ich von meinen zwangserkrankten Bekannten weiss, leider bestätigen.

Es schwer, eine(n) Psychotherapeuten(in) zu finden, der/die wirklich Expertise in der Behandlung von Zwangserkrankungen hat, auf dem Land sicher noch mehr als in größeren Städten.

Auch Kliniken mit zwangsspezifischen Therapieangeboten sind rar gesät. Eine liebe ehemalige Mitpatientin wartet z.B. nun schon wochenlang auf einen stationären Behandlungsplatz in so einer spezialisierten Klinik. Der ihr ursprünglich genannte Zeitraum bis zur Aufnahme ist inzwischen überschritten und doch wird sie trotz hohen Leidensdrucks immer wieder vertröstet …

In diesem Bereich sollte sich dringend etwas ändern. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass die Behandlungsangebote für Zwangserkrankte zunehmen. Dass mehr ambulante Therapeuten/-innen dazu bereit sind, die bei Zwänglern sehr hilfreichen, aber auch zeitaufwendigen Expositionsübungen durchzuführen und sich im Themenfeld Zwangserkrankunen fortzubilden. Dass es an mehr Kliniken krankheitsspezifische stationäre und teilstationäre Therapieangebote gibt, damit Zwangserkrankte, bei denen ambulante Behandlung gerade nicht ausreicht, nicht wie oft der Fall ans andere Ende Deutschlands in eine Klinik gehen müssen, wo sie dann wegen der großen Entfernung kaum die Möglichkeit haben, von Freunden und Familie besucht zu werden, ein Wochenende zur Belastungserprobung daheim zu verbringen oder ggf. Expositionsübungen mit dem Therapeuten zuhause durchzuführen.

Die Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen engagiert sich seit mehr als 20 Jahren ehrenamtlich dafür, Zwangserkrankungen öffentlich bekannter zu machen und die Behandlungsbedingungen zu verbessern. Dafür haben sich (ehemalige) Betroffene, Angehörige und Fachleute zusammengetan. Dieses Engagement finde ich ganz großartig und hoffe sehr, dass es weiter Früchte tragen wird. Ich hoffe auch, durch meinen Blog vielleicht einen winzig kleinen Teil dazu beitragen zu können, dass das Leiden unter Zwängen weniger verschwiegen wird und sich die Behandlungsbedingungen verbessern. Vielleicht erreichen wir ja hier irgendwann den Stand der USA, wo OCD (so die englischsprachige Bezeichnung für Zwangssstörungen) allgemein bekannter ist als hier.

P.S.: Mein Tipp für Leidensgenossen:

Einige Kliniken bieten inzwischen Spezialsprechstunden für Zwangserkrankte an, was dann in der Regel über die psychiatrische Institutsambulanz (oder kurz: PIA) läuft. Ich bin von meinem niedergelassenen Psychiater hin in so eine Ambulanz gewechselt und dort seitdem regelmäßig in Behandlung. Ich merke definitiv einen positiven Unterschied, was die Erfahrung der Behandler/-innen mit dem Thema angeht und fühle mich bisher gut aufgehoben. Bei Interesse googelt doch mal, ob es solche Angebote vielleicht auch in eurem Umkreis gibt 🙂

(Zitat aus Zwänge bewältigen! Ein Mutmachbuch von Burkhard Ciupka-Schön)