Wie ein Profi …

Am Abend des Vortages nicht sein Standard- Bedarfsmedikament nehmen, mit dem man inzwischen Erfahrung hat und die (Neben-)Wirkungen darum gut einschätzen kann, sondern einfach mal in voller Dosis das andere Bedarfsmedikament nehmen, mit dem man weniger Erfahrung hat, von dem man aber weiss, dass es stärker ist und nur in Ausnahmefällen genommen werden sollte.

Wie schnell baut sich das eigentlich ab? Ach egal, bis zur Arbeit morgen Mittag sicherlich. Was jetzt zählt, ist dem inneren Chaos und den dunklen Gedanken etwas entgegenzusetzen, denn die nichtmedikamentösen Regulierungsversuche die letzten Stunden über haben nicht angeschlagen. Nun gut, Medi wirkt bald, Anspannung verschwindet, das düstere Kopfkino stoppt, Müdigkeit überrollt, schlafen. Läuft!

Nächster Tag: Innen drin alles friedlich, sehr gut. Bei dem Versuch, sich für die Arbeit fertig zu machen, dann aber kaum aus dem Bett kommen, da immer noch benommen und schwindlig. Auf den letzten Drücker noch die U-Bahn ins Büro erwischen und sich dort im Halbschlaf durch die Arbeitszeit schleppen. Unnötige Fehler und Konzentrationsschwierigkeiten gibt’s gratis dazu, weil der Geist zwar immer noch ruhig ist, aber gleichzeitig auch irgendwie betäubt.

Like a Pro halt #kopfauftischplatte#

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Angemeldet!

Geschafft – ich habe meine Anmeldeunterlagen für die stationäre Therapie in einer auf Zwangsstörungen spezialisierten Klinik abgeschickt und warte nun auf Rückmeldung. Zuvor hatte ich das Ausfüllen der Formulare wochenlang vor mir hergeschoben … Es war mal wieder typisch für mich: Ich weiß, dass mir eine bestimmte Sache gut tut/tun wird, schiebe sie dann aber trotzdem aus Angst immer wieder auf. Mit einem Anstupser von Seiten meiner Therapeutin in unserer letzten Stunde hat es nun aber geklappt.

Dabei kam auch die Frage auf: Wovor habe ich da eigentlich Angst?

Gute Frage, die ich gar nicht so einfach beantworten kann. Ich vermute, da kommt Verschiedenes zusammen:

  • meine generelle Ängstlichkeit in Bezug auf fremde Menschen und neue soziale Situationen
  • dass sich die Klinik relativ entfernt von meinem Wohnort befindet und mich mein Mann, meine Familie und meine Freunde dann nicht mal einfach so eben besuchen können oder ich sie. Die Fahrtkosten werden auch zu hoch sein, um jedes therapiefreie Wochenende zuhause zu verbringen. Der regelmäßige Kontakt mit meinen Lieblingsmenschen ist etwas, dass mir bei meinen beiden vorausgegangenen stationären Behandlungen oft Mut und Kraft gegeben hat. Darum sehe ich dem Wegfallen davon mit einigem Bauchgrummeln entgegen.
  • widersprüchliche Gefühle und Gedanken in Bezug auf die Therapie dort. Einerseits die blödsinnige Befürchtung, nicht krank genug zu sein (dass die Mitarbeiter denken könnten, was ich dort will, gibt es doch noch Patienten mit schlimmer ausgeprägten Zwängen als bei mir. „Hey, Erde an Nelia: Du hast eine seit 15 Jahren bestehende Zwangserkrankung, eine Angsterkrankung, Trichotillomanie und vier schwere depressive Episoden hinter dir – warum glaubst du, dass das nicht reicht?!“). Andererseits aber auch die (ebenfalls blödsinnige, da ich weiß, dass sie nicht zutrifft) Angst, dass man mir wieder sagen könnte, meine Zwangsstörung besteht schon so lange, dass ich sie nie mehr ganz los werden kann. Oder, dass der Aufenthalt nicht die Verbesserung bringen wird, die ich mir insgeheim trotz aller Angst erhoffe. Wenn es mir dort in der Spezialklinik nichts bringen sollte, wie traurig wäre das denn bitte? Es würde mich sicher ziemlich demotivieren. Wenn, wenn wenn –
  • Und, um es noch widersprüchlicher zu machen: Einerseits will ich die Zwangserkrankung, die Depression und Co. loswerden, andererseits habe ich aber auch genau davor Angst. Die Vorstellung eines zwangsfreien, depressionsfreien Lebens ist wunderschön – und gleichzeitig beängstigend, weil ich so ein Leben nun schon seit Jahren nicht mehr hatte bzw. wenn dann nur phasenweise und es mir darum gar nicht so recht ausmalen kann. Was bleibt von mir, wenn meine Erkrankungen wegfallen? Bin ich überhaupt stark und mutig genug, um meine Gefühle und das unvermeidliche Auf und Ab des Lebens ohne Zwänge, Trichotillomanie und meine anderen ungesunden Bewältigungsstrategien zu händeln?
  • Angst vor den Expositionsübungen, von denen ich weiss, dass sie dort ein wichtiges Fundament der Therapie bilden und mir aller Wahrscheinlichkeit nach sehr helfen werden (das haben sie in der Vergangenheit nämlich schon), aber eben auch mordsanstrengend sind, da man mit seinen Ängsten und schlimmsten Zwangsgedanken konfrontiert wird.

Im Nachhinein fällt mir selber auf, in diesem Post steckt verdächtig oft das Wort Angst … Stimmt, da war ja was, hallo Angsterkrankung.

Das liest sich jetzt alles wohl eher recht negativ. Aber ich kann ehrlich sagen, dass ich trotz aller Angst auch mit einiger Hoffnung und Motivation hoffentlich im nächsten Jahr dort hingehen werde.

Hoffnung und Motivation auf/für noch mehr Lebensqualität, mehr Leichtigkeit und weniger Schwere in meinem Leben. Dem Willen zu lernen, wie ich mir selbst noch mehr helfen kann. Ich möchte lernen, mich selbst anzunehmen, so wie ich eben bin und zu mögen. Ich möchte glücklicher werden, noch mehr leben statt zu überleben. Tschakka!

Gänseblümchen der Woche (23)

  • Meiner ernsthaft erkrankten Tante geht es zum Glück besser.
  • Ich habe mir den sehr atmosphärischen St. Martins-Umzug in unserem Stadtteil angeschaut.
  • Einen neuen leckeren Weihnachtstee entdeckt.
  • Mir einen Adventskalendar gekauft, trotz meines Alters 😉
  • Verdammt gutes aktuelles Buch: „Vier Farben der Magie“ von V. E. Schwab
  • Einladung zu einer Verlobungsfeier
  • Die zauberhafte Nachbarskatze ließ sich jetzt das erste Mal von mir streicheln.