Was ist eigentlich eine Zwangserkrankung/Zwangsstörung?

(Nachdem ich im ersten Post versucht habe, einen Eindruck davon zu geben, wie es im Kopf eines Zwangserkrankten aussehen kann, also quasi eher das Erleben im Mittelpunkt stand, soll es heute um die sachliche Ebene gehen: Was ist das, eine Zwangserkrankung?

 Ich versuche, die mir bekannten Informationen nach bestem Gewissen basierend auf dem wiederzugeben, was ich zum Thema in Ratgebern gelesen habe, aus eigener Erfahrung weiß und von meinen Behandlern gelernt habe.  Etwaige Fehler gehen dabei natürlich rein auf meine Kappe. Für Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge bin ich dankbar. Also, los geht´s!)

1. Was ist das überhaupt, eine Zwangserkrankung?

Bei einer Zwangserkrankung oder auch Zwangsstörung handelt es sich um eine psychische Erkrankung, von der schätzungsweise 2-3 Prozent der Bevölkerung betroffen sind. Die im englischen Sprachraum verwendete Bezeichnung OCD („Obsesssive compulsive disorder“) weist meiner Meinung nach schon sehr gut darauf hin, worum es genau geht, nämlich um aufdringliche („obsessive“) Gedanken und zwanghafte („compulsive)“ Handlungen, die so ausgeprägt sind, dass sie zu einer Störung („disorder“) führen.  Der Erkrankungsbeginn  kann schon im Kindesalter oder in der frühen Jugend liegen. Männer und Frauen sind etwas gleich häufig betroffen.

Zwangsgedanken

Zwangsgedanken sind Gedanken, die sich einem immer wieder aufdrängen und als sehr unangenehm bis hin zu quälend empfunden werden. In der Literatur werden sie darum öfters auch als aufdringliche Gedanken bezeichnet. Diese Gedanken können um verschiedene Themenfelder kreisen, so gibt es zum Beispiel aggressive Zwangsgedanken („Ich könnte beim Kochen jemanden mit dem Messer erstechen, obwohl ich das gar nicht will!„) Zwangsgedanken religiösen Inhalts („Jetzt habe ich gerade etwas Sündiges über Jesus gedacht, Gott wird mich bestrafen!“), sexuellen Inhalts (Angst, andere Menschen sexuell zu belästigen, die Sorge um die eigene sexuelle Orientierung z.B) und zwanghaftes Grübeln über verschiedenste Inhalte. Zwangsgedanken können auch in Form von Bildern oder Impulsen auftreten. Prinzipiell kann jeder Gedanke zum Zwangsgedanken werden. Man ist sich bewusst, dass diese aufdringlichen Gedanken einem selbst entspringen, erlebt sie also nicht als von außen eingegeben (ein Unterscheidungsmerkmal zu Psychosen). Man hat aber trotzdem das Gefühl, diesen Gedanken hilflos gegenüberzustehen. Dass sie dem eigenen Wertesystem völlig entgegenstehen, macht diese Gedanken so quälend. Das Gemeine auch: Je mehr man versucht, aufdringliche Gedanken zu unterdrücken, um so stärker werden sie.

Zwangshandlungen

Zwangshandlungen sind Handlungen, die der Betroffene sich gezwungen fühlt ausüben. Ihnen gehen in der Regel Zwangsgedanken zuvor. Beispielsweise führt der aufdringliche Gedanke „Ich könnte mich beim Einkaufen mit einem gefährlichen Erreger infiziert haben“ zur Zwangshandlung, sich 20 mal die Hände zu waschen.

Es gibt verschiedene Arten von Zwangshandlungen: Wasch- und Reinigungzwänge, Ordnungszwänge, Kontrollzwänge, Sammelzwänge, Zählzwänge und Wiederholungszwänge. Zwangshandlungen dienen dazu, die durch Zwangsgedanken aufgekommene Angst und/oder andere belastende Emotionen zu beruhigen (der Fachbegriff hierfür wäre: zu neutralisieren).

Magisches Denken

Nicht selten sind Zwänge mit so genanntem magischen Denken verknüpft. Ein Beispiel: Ich will mir gerade ein bestimmtes T-Shirt anziehen, als der Gedanke in meinem Kopf auftaucht, mein Freund könnte heute auf dem Weg zur Arbeit verunglücken. Logisch gesehen besteht hier kein Sinnzusammenhang. Ich weiß, das Anziehen dieses einen  T-Shirts hat keinen Einfluss darauf, wie der Tag meines Freundes verlaufen wird. Meine Angst bei diesem Gedanken, ist aber so groß, dass ich schließlich ein anderes T-Shirt anziehe, um der Angst vor dem Verlust meines Freundes und den Schuldgefühlen, ich könnte verantwortlich für seinen Tod sein, zu entkommen.

  2. Die Verknüpfung mit Angst & Co.

Zwangsgedanken erzeugen im Betroffenen Angst und/oder andere unangenehme Emotionen wie Schuld, Scham oder Ekel. Beispielsweise tritt der Gedanke „Ich könnte vergessen haben, den Herd auszumachen, dann fackelt das Haus ab und ich bin schuld, wenn meine Nachbarn dann sterben“ auf, was dann starke Angst im Betroffenen weckt. Um diese zu beruhigen greift er auf seine vertrauten Zwangshandlungen zurück,in diesem Fall das mehrfache Kontrollieren. Das Problem ist allerdings, dass der dadurch eingetretene Beruhigungseffekt nur kurzzeitig währt: Irgendwann kommt der nächste Zwangsgedanke, und wieder greift der Betroffene dann auf seine Zwangsrituale zurück, um die Oberhand über seine negativen Gefühle zu gewinnen.

 3.  Auswirkungen auf das seelische Befinden und den Alltag

Dadurch lernt er jedoch nicht, sich seinen Ängsten auf gesünderem Wege zu stellen und verliert letztlich Zeit und Lebensqualität an seine Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Ein Teufelskreis entsteht. So breiten sich die Zwänge, wenn sich nicht zeitnah und konsequent behandelt werden, dann leider im Laufe der Jahre oft weiter aus. Neue Zwänge kommen womöglich hinzu, alte verschwinden vielleicht, die Erkrankung wird chronisch.

All das geht meist mit einem Abbau des Selbstwertgefühls einher, manchmal auch mit Zweifeln an der eigenen Zurechnungsfähigkeit („Werde ich jetzt verrückt?“). Nicht zu vergessen auch die Auswirkungen im sozialen Bereich: Familie, Freunde und Partner/in fragen sich vielleicht, warum der Angehörige/Freund ewig viel Zeit im Bad verbringt oder warum er immer wieder nach Verlassen des Hauses zurück will und davon nicht abzubringen ist. Dadurch kann es zu Streitigkeiten mit dem Umfeld kommen. Aus Scham schweigen aber viele Menschen, die unter Zwängen leiden, aber gegenüber Familie, Freunden und Kollegen über ihre Probleme oder können diese vielleicht auch gar nicht erklären, weil sie nicht wissen, dass das das, was sie so quält, eine behandelbare Erkankung ist.

Nicht so selten werden Angehörige auch in die Zwänge miteinbezogen, z.B. in dem der Zwangserkrankte sie bittet, an seiner statt zu kontrollieren, ob auch wirklich alle Elektrogeräte in der Wohnung aus sind oder sich zur Beruhigung seiner aggressiven Zwangsgedanken von ihnen immer wieder versichern lässt, dass er ein guter Mensch ist, der anderen niemals etwas Schlimmes antun würde. So vermeidet er die von ihm gefürchtete Situation, indem die Verantwortung auf das Umfeld übertragen wird.

Das Alltagsleben wie z.B. der Haushalt oder Unternehmungen mit Familie, Partner und Freunden können leiden oder sogar ganz zum Stillstand kommen, weil die Zwänge so viel Zeit und Raum in Anspruch nehmen. Auch auf der Arbeit, in der Schule oder Uni kann es Probleme geben, wenn das gewohnte Pensum aufgrund der Zwänge nicht mehr geschafft wird, im schlimmsten Fall kommt es sogar zur Arbeitsunfähigkeit. Es entwickelt sich aus alldem vielleicht Isolation durch wegbrechende soziale Kontakte, finanzielle Sorgen, man hält sich mitunter immer mehr oder schließlich nur noch zuhause auf … Kurzum: Die Erkrankung kann Auswirkungen auf verschiedene Lebensbereiche haben.

All das macht nachvollziehbar, dass Depressionen bei Zwangserkrankten eine häufige komorbide (d.h. gleichzeitig bestehende) Erkrankung sind. Andere öfters parallel bestehende psychische Erkrankungen sind Angsterkrankungen (generalisierte Angststörung, Panikstörung mit oder ohne Agoraphobie, soziale Phobie), Suchterkrankungen, Magersucht und sogenannte Erkrankungen des Zwangsspektrums wie Trichotillomanie und Dermatillomanie/Skin Picking.

Leider ist die Scham für die Zwänge oft so groß, dass Betroffene teils jahrelang damit warten, einen Arzt und/oder Psychotherapeuten aufzusuchen und sich Hilfe zu holen. Laut Studien dauert es zur Zeit im Schnitt um die 7 Jahre, bis fachgerechte Hilfe erhalten wird.

4. Zu den Behandlungsmöglichkeiten

Bei ausgeprägteren Zwangsstörungen wird in den S3-Behandlungsleitlinien aktuell eine Kombinationstherapie aus Medikament (meist ein Antidepressivum aus der Wirkstoffklasse der SSRIs, dann in höherer Dosierung als bei Depressionen) und kognitiver Verhaltentherapie empfohlen. Ist die Erkrankung noch nicht allzu ausgeprägt, reicht mitunter auch eine alleinige Psychotherapie aus.

Wichtig ist, dass sich der/die Betroffene nicht allein auf die medikamentöse Behandlung verlässt, denn ohne begleitende Psychotherapie ist die Rückfallquote nach Absetzen der Medikamente sehr hoch.

Im Rahmen der Verhaltenstherapie lernt der/die Erkrankte dann viele verschiedene Dinge. Es geht darum, ein Entstehungsmodell für die Zwangsproblematik im Hinblick auf die eigene Biographie zu erarbeiten, zu schauen, welche Funktion die Zwänge im eigenen Leben haben, Auslöser durch Selbstbeobachtung zu entdecken und vieles mehr. Einen zentralen Stellenwert in der Therapie von Zwangsstörungen nehmen die so genannten Expositionsübungen mit Reaktionsverhinderung ein, bei denen der/die Patient/in zunächst in Begleitung des Therapeuten, später dann mehr und mehr in Eigenregie, wiederholt mit den Auslösern seiner Zwänge konfrontiert wird und lernt, durch diese Konfrontation auftretende unangenehme Gefühle wie Angst, Anspannung und Ekel auszuhalten, ohne auf seine Zwangshandlungen zur Beruhigung zurückzugreifen.

Advertisements

14 Kommentare zu „Was ist eigentlich eine Zwangserkrankung/Zwangsstörung?

      1. Dabei ist etwas wertvolles herausgekommen und das sollte Dir dann auch gesagt werden, finde ich 🙂

        Für mich hat es großen Wert, weil ich mich bisher mit dem Thema kaum auseinandergesetzt habe. Andere Aspekte meiner Erkrankung standen immer Vordergrund. Ich fühle mich von Dir kompetent und mit Gefühl an das Thema Zwänge heran geführt, danke dafür 🙂

        Gefällt 1 Person

  1. Ich bin mir nicht sicher, da die Depressionen bei mir lange nicht diagnostiziert wurden, ich habe sie halt so mit mir rumgeschleppt. Gefühlt schon immer. Massiv sind die Zwänge erstmals vor ein 2,5 Jahren aufgetreten. Rückblickend muss ich aber sagen, dass ich die Tendenzen schon als Kind hatte. Die Depressionen waren aber vermutlich zuerst da.

    Gefällt 1 Person

  2. Mir hat es schon ein wenig geholfen, dass ich zwei Freundinnen habe, die eigene Erfahrungen mit dem Thema haben. Die haben mich auf die ein oder andere meiner Verhaltensweisen aufmerksam gemacht. Ich scheine da selber zumindest in einigen Bereichen blind für mich selber zu sein, trotz aller Selbstreflexionsfähigkeit.

    Worauf zielt die Frage ab, ob Zwang oder Depression zuerst auftraten?

    Gefällt 1 Person

    1. Ah, Freunde mit Erfahrung sind Gold wert 😊 Ich habe meinen Vater, der auch Zwänge hat, aber es ist halt mein Vater 😉 Ansonsten ist da noch zum Glück eine liebe Ex-Mitpatientin aus der Klinikzeit, mit der ich mich über das Thema austauschen kann.
      Die Frage hatte ich aus Interesse gestellt, da man uns in der Klinik damals erklärte, dass, wenn die Zwänge zuerst da waren und dann die Depression dazu kam, die Zwangsstörung quasi die grundlegende Erkrankung sei und vice versa.

      Gefällt 1 Person

  3. Das ist gerade eine gute Situation, um Dir eine Frage zum Thema zu stellen. (ich hoffe, das ist okay für Dich.) Ich kann gerade kaum aushalten, dass ich nicht weiß, warum Du die Frage danach gestellt hast, was von beidem zuerst da war. Natürlich weil es mich inhaltlich interessiert. Peinlicherweise ist der stärkere Grund aber, dass es so eine kommunikative Lücke in unserem Dialog gibt. Mir fehlt eine wichtige Information. Die muss ich wissen. Das muss da stehen. Ich fahre heute nachmittag bis morgen weg. Wenn ich mobiles Internet hätte, würde ich pausenlos nachsehen, ob Du mir die Frage beantwortest hast. Da ich es nicht habe, würde es mich wahnsinnig machen, ich könnte (kann jetzt schon) schwer an etwas anderes denken, und hätte Problem, das Thema loszulassen. Wahrscheinlich würde ich auch viel später losfahren als geplant, weil ich immer noch auf eine Reaktion hoffe, die Lücke füllt. Da müssten schon sehr starke Reize her, um mich abzulenken. Wenn ich morgen nach Hause zurück komme, würde ich sofort als erstes den Rechner hochfahren, um nachzusehen, ob Du endlich was dazu geschrieben hast. Geht das schon in Richtung zwanghaftes Verhalten? Oder ist das eher einem anderen Bereich zuzuordnen? Mir ist das gerade ziemlich peinlich :-/ … Aber vielleicht dient es ja auch dem Ziel hier zu verdeutlichen, was Zwangsstörungen überhaupt sind. 🙂

    Gefällt 1 Person

    1. Hey ja klar, frag, was du magst! Soweit mir die Fragen nicht unangenehm wären (was sie bisher definitiv nicht sind 😉😊) antworte ich und freue mich über Austausch. Hab heut aber Unilerntag, deshalb kann es manchmal etwas mit dem Antworten dauern.

      Gefällt 1 Person

    2. Hmm, das klingt für mich ein bisschen nach zwanghaftem Grübeln (kenne ich nur zu gut!). Etwas unbedingt wissen wollen und nicht eher zur Ruhe kommen, bis man die Antwort hat.
      Also, gefragt hatte ich das nur, weil mich aufgrund meiner persönlichen Erfahrungen dafür interessiert, wie es anderen Betroffenen ging: Zuerst Depression oder Zwangsstörung? Wir hatten in der Therapie mal kurz darüber gesprochen, dass in Fällen, wo zuerst die Zwänge da waren und dann die Depression, die Depression meist auf Resignation gegenüber den Zwängen gründen soll, wohingegen in Fällen, wo erst die Depression da war und dann später die Zwänge, die Zwänge eher als Depressionsrsymptom verstanden werden können und automatisch weggehen können/sich bessern, wenn die Depression zurückgeht. Aber keine Ahnung, wie die aktuellen Forschungsmeinungen in dieser Frage sind … Es gibt da wohl auch andere Ansichten.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s