Über aggressive Zwangsgedanken

Wie die meisten von einer Zwangsstörung Betroffenen leide ich sowohl unter Zwangsgedanken als auch unter Zwangshandlungen. Als mit Abstand am schlimmsten habe ich dabei lange die aggressiven Zwangsgedanken erlebt.

Meine Erkrankung begann rückblickend ungefähr im Alter von 13, 14 Jahren und blieb leider, da ich mich aus Unwissenheit (Was ist da überhaupt gerade los mit mir?) niemandem anvertraute, mehrere Jahre unbehandelt. In dieser Zeit breiteten sich meine Zwänge auf immer mehr Lebens- und Gedankenbereiche aus. Aggressive Zwangsgedanken kamen dann irgendwann nach ein paar Jahren hinzu. Manchmal werden sie getriggert durch einen Auslöser, zum Beispiel Nachrichten über Gewalttaten in der Zeitung, dem Lesen eines Krimis oder in Gesprächen mit anderen. Manchmal tauchen sie auch einfach so auf. Das kann dann zum Beispiel so aussehen:

Nelia liest in der Zeitung. Sie stößt dabei auf eine Meldung über eine Frau, die ihren Partner im Affekt erstochen hat.

Zwang: Wie schrecklich! Und DU könntest so etwas auch tun!

Nelia: Warum sollte ich soetwas tun? Ich lehne Gewalt  ab und ich habe noch nie jemanden angegriffen. Ich bin ein ruhiger, friedlicher Mensch!

Zwang: Bist du dir sicher? Zu hundert Prozent? Kannst du dir vertrauen? Diese Frau da im Bericht dachte bestimmt auch nicht, dass sie irgendwann mal auf ihren Partner losgehen wird …

N:  Okay, da hast du Recht.

Nelia schießen nun schreckliche Bilder durch den Kopf, wie sie ihren Partner schwer verletzt oder tötet. Sie schämt sich unendlich dafür und versucht, diese Gedanken zu unterdrücken, was diese aber nur noch verstärkt.

Z: Ja genau, ich habe Recht. Und schau dir an, was du jetzt denkst! Würde ein guter, moralischer Mensch so etwas denken?

N: ….

Nelias Herzschlag beschleunigt sich; Angst kommt in ihr auf. Sie fühlt sich wie der schrecklichste Mensch der Welt und hat starke Schuldgefühle.

Z: Jetzt sagst du nichts mehr, oder? Weil du weisst, dass ich Recht habe. Wenn du so etwas Schlimmes auch nur denkst, dann ist das ein Indiz dafür, dass du es auch irgendwann tun könntest. Du bist gefährlich für andere Menschen. Dein Partner und alle anderen wären besser dran ohne dich. Wenn du verantwortungsbewusst wärest, würdest du sie verlassen und allein leben. Vielleicht sollte man dich besser gleich ganz´auf einer geschlossenen Station wegsperren, dann bist du für niemanden eine Gefahr mehr!

Es fiel mir lange sehr schwer, darüber zu sprechen, weil die Scham und die Angst vor Ablehnung hier noch viel höher waren als bei meinen anderen Zwangsgedanken oder Zwangshandlungen. Werde ich verrückt? Bin ich gefährlich, ein Psychopath? Ich muss ein Monster sein! Diese und ähnliche Gedanken kamen (und kommen teils noch) auf und sorgten dafür, dass ich damals auch vor meiner ersten Psychiaterin erst nicht in Worte fassen wollte, was mir alles aufgrund der Zwangserkrankung durch den Kopf schoss. In den schlimmsten Phasen führten diese aggressiven Zwangsgedanken und die damit verbundenen Ängste, die Scham, die starken Schuldgefühle und die parallele schwere Depression bei mir zu Suizidgedanken.

Würden die Fachleute mich nicht wegsperren, wenn sie hörten, was ich dachte? Ja genau, ich musste furchtbar, gefährlich, eine Zumutung für andere sein. So dachte ich damals. Manchmal verfalle ich immer noch in diese Gedankenmuster, aber ich kann mich heute besser davon distanzieren als früher und sie als Symptom meiner Zwangserkrankung erkennen und einordnen.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie unendlich erleichtert ich war, als ich nach meinem Zusammenbruch damals bei meiner Ärztin landete und sie mir eröffnete, dass auch andere unter dieser Art von Gedanken leiden. Dass ich eine Erkrankung habe, die circa 3 Prozent der Menschen in Deutschland quält und dass diese Gedanken zu haben überhaupt nicht bedeutet, gefährlich, unmoralisch oder verrückt zu sein, sondern einfach ein Gehirn zu haben, dass Informationen wie Wissenschaftler vermuten, anders filtert als bei Menschen ohne Zwangsstörung. Dass Gedanken, die gesunde Menschen ebenfalls haben und denen sie keine große Bedeutung beimessen, weil sie wissen, dass sie sie niemals umsetzen würden, bei Zwangserkrankten eine Art innere Alarmsituation auslösen und zu ständigen (Selbst-)Zweifeln fühlen, ob man nicht vielleicht doch, irgendwann, irgendwie …

Mit dieser Eröffnung kam dann allerdings leider nicht die Erleichterung für immer und ewig. Woher wollte meine Ärztin sicher sein, dass ich nicht doch ein Risiko für andere war? Ich wollte hundertprozentige Gewissheit darüber, dass ich nicht gefährlich war, quasi eine lebenslange Garantie darüber, dass ich niemals so etwas Schreckliches tun würde. Aber wie soll man so etwas beweisen? (Fun Fact: die Suche nach absoluter Sicherheit und das ewige Zweifeln sind typisch für Zwangserkrankte.) An guten Tagen konnte ich den Worten meiner Psychiaterin als Expertin vertrauen und ließ mich davon beruhigen, an schlechten Tagen zweifelte ich trotzdem an mir, hatte Schuldgefühle wegen meiner Zwangsgedanken und verurteilte mich.

Diese Selbstzweifel und Schuldgefühle begleiteten mich unterschiedlich stark ausgeprägt, in der darauf folgenden Zeit. Einige Jahre später stellte die Teilnahme an einem stationären Therapieprogramm für Menschen mit Zwangsstörungen dann einen weiteren positiven Wendepunkt dar.

Zwar habe ich heute manchmal noch Gedanken dieser Art, aber sie kommen viel seltener als damals vor, sind weniger intensiv und ich kann sie besser händeln.

Heute möchte ich lernen darüber zu sprechen und zu schreiben, auch wenn die Scham immer noch da ist. Ich will mich dazu äußern in der Hoffnung, anderen Betroffenen dadurch vielleicht Mut zu machen, um eher eine Behandlung zu beginnen, als ich es damals getan habe.

Ich bedanke mich bei Serotoninja, der ebenfalls unter dieser Form von Zwangsgedanken leidet und es in seinem Blog schafft, ehrlich und in klaren, direkten Worten darüber zu berichten. Das hat mir Mut gemacht, ebenfalls das Thema  aggressive Zwangsgedanken anzusprechen. Wenn ihr mögt, schaut doch mal vorbei bei ihm, ein sehr lesenswerter Blog!

3 Kommentare zu „Über aggressive Zwangsgedanken

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