Zu schön, um wahr zu sein? Zukunftsgedanken

„Ich hatte eine Patientin mit schweren Waschzwängen, der es heute sehr gut geht. Sie hat manchmal noch Zwangsgedanken, aber die machen ihr keine Angst mehr. Sie fühlt sich völlig gesund und kann damit sehr gut leben“, erzählt mir mein Psychiater. „Vielleicht sind Sie in 10 Jahren ganz gesund“, sagt er ein andernmal. „Oder“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu, „Sie haben dann andere Probleme.“

———————————————

„Es wäre schön, wenn wir die Zwänge reduzieren könnten“, sage ich zu meiner  Therapeutin, als wir über meine Therapieziele sprechen.

– „Aber vielleicht gehen Sie auch ganz weg“, entgegnet sie mir.

„Ganz?“, frage ich skeptisch. Das kann ich mir nicht vorstellen.

– „Ja“, antwortet sie und ihre freundliche Stimme klingt ungewohnt nachdrücklich. „Ganz.“

„Machen Sie mir keine falsche Hoffnung“, denke ich und werde seltsamerweise wütend dabei.

————————————————

„Je länger eine Zwangsstörung besteht, um so schwerer ist es, sie weg zu bekommen,“ sagte meine erste Ärztin mir einige Jahre zuvor. „Ich habe eine siebzigjährige Patientin, die lebt seit Jahrzehnten damit, da kann man nicht mehr viel machen außer sich in Akzeptanz üben.“

Ich frage damals nichts, wie sie meine Chancen sieht. Wir sprechen auch über meine Depression. Ich erkläre ihr, dass es mich wahnnsinnig enttäuscht und traurig macht, nach der ersten eine erneute schwere depressive Episode bekommen zu haben.

„Nun,“ sagt sie, „du weißt ja, mehrere deiner nahen Verwandten leiden auch unter Depressionen. Du hast eben eine gewisse genetische Disposition dazu, die mit hineinspielt.“

Ich glaube, sie will mich trösten damit, weil ich mir Vorwürfe mache, wieder krank geworden zu sein und mich schuldig fühle.

– „Wie soll ich das aushalten, wenn die Depression doch mein Leben lang immer wieder zurückkommen kann?“, denke ich später in Erinnerung an dieses Gespräch. „So will ich nicht leben, das schaffe ich nicht!“ Ich verfluche die Genetik und versinke in Panik.

————————————————

„Es kann sein, dass wir Sie entlassen und Sie sind zwangsfrei, es kann aber auch genauso gut sein, dass wir Sie entlassen und Sie haben immer noch Zwänge, aber weniger, mit denen Sie dann aber besser umgehen können. Dann ist das unser Therapieerfolg.“ Mein Klinikarzt merkt, dass ich nicht begeistert ausschaue und fügt hinzu: „Ja nun, wir können hier nicht zaubern. Denken Sie daran, wie lange Ihre Erkrankung schon besteht.“

-„14 Jahre.“

„Genau.“

————————————————

„Zwangsstörungen verlaufen nicht selten phasenhaft und treten dann in stressreichen Lebensphasen wieder hervor“, lese ich in verschiedenen Ratgebern zum Thema. Mein Vater, ebenfalls von Zwängen betroffen, erzählt mir dagegen, dass es mit dem Alter bei ihm besser wurde und er aktuell fast zwangsfrei ist. Das macht mir Mut.

————————————————

„Patienten, die in der Vergangenheit bereits drei oder mehr schwere depressive Episoden hatten, haben ein hohes Risiko für weitere Episoden“, lese ich so oder ähnlich formuliert in einem Behandlungsleitfaden für Patienten mit Depressionen. Auch anderswo lese ich von einer hohen Rezidivwahrscheinlichkeit für Fälle wie meinen und stelle fest, dass ich auch mehrere der dort genannten anderen Risikofaktoren für einen Rückfall erfülle. Ich spreche das irgendwann in der Klinik an, weil es mich so verunsichert und deprimiert.

„Sie sind jung und motiviert und Sie haben gute Ressourcen“, antwortet man mir von verschiedenen Seiten. „Sie haben gute Chancen, wieder ganz gesund zu werden. Außerdem haben Sie jetzt gerade erst mit der Therapie begonnen. Das braucht Zeit.“

„Denken Sie nicht so viel daran und tun Sie die Dinge, die Ihnen gut tun, einfach weiter“,  rät mir mein Klinikarzt, als ich meine Rückfallangst später noch einmal anspreche. Wir sprechen darüber, dass diese Angst mich sonst lähmen könnte, wenn ich ihr zu viel Macht über mein Leben einräume.

~~~~~~~~~~~~~~~

Ich bin verwirrt und hoffnungsvoll und ängstlich und pessimistisch zugleich und sehne mich nach absoluter Klarheit, die es nicht geben kann in dieser Frage. Ein Teil von mir, ganz kindlich und verängstigt, möchte von seinen Ärzten und seiner Therapeutin hören, dass es irgendwann vorbei sein wird, all diese Momente des Kämpfens um Normalität und die Angst vor Verschlechterung,  davor, jede Verbesserung, die eintritt, nicht behalten zu dürfen. Dieser Teil meiner Selbst möchte nur hören, dass irgendwann alles gut sein wird.

Vielleicht, überlege ich heute, nach einem schönen Tag mit einer Freundin gestern, an dem wir viel Sonne getankt und gute Gespräche geführt haben, hilft mir die Frage gar nicht weiter, ob ich irgendwann wieder ganz gesund sein werde oder nicht. Zweifellos wäre das so schön. Es ist ein Traum und die Vorstellung, es nicht zu schaffen, eine große Angst. Noch größer ist die Angst vor weiteren Rückfällen.

Aber vielleicht setze ich mich mit der Vorstellung, dieses Ziel unbedingt für ein glücklicheres Leben erreichen zu müssen, auch zu sehr unter Druck und verhindere dadurch, die Gegenwart zu genießen. Auch in Zeiten, in denen ich nicht (ganz) gesund bin, gibt und gab es lebenswerte und bereichernde Momente. Und vielleicht hat diese Erkenntnis anzunehmen auch gar nichts mit Resignation vor dem Kranksein zu tun, wie ich lange dachte.

9 Kommentare zu „Zu schön, um wahr zu sein? Zukunftsgedanken

  1. Ich kenne diese Gefühle auch. Vielleicht ist dieser Gedanke hilfreich: ob wir „krank“ oder „gesund“ sind bestimmt sich nicht unbedingt immer über eine Abweichung von einer Norm, sondern auch darüber, ob wir selbst durch einen Zustand eine starke Einschränkung oder eben ein Leiden empfinden. Dann hätte dieser Zustand einen Krankheitswert. Aber man muss nicht unbedingt die Norm erfüllen, um sich gesund – oder gesund genug – zu fühlen.

    Als junger Erwachsener hatte ich mit einer sozialen Phobie zu kämpfen (hab ich glaube ich schon mal geschrieben). Ich hab sie über Verhaltenstherapie / Expositionsübungen in den Griff bekommen, das ist mittlerweile bestimmt 20 Jahre her. Ich kann immer noch sehr genau spüren, wann die Ängste anspringen. Das sind immer noch sehr ähnliche Situationen wie damals. Aber der Unterschied heute ist, dass ich das registriere und der Kopf sich einschalten kann. Der sagt mir dann: Du hast da jetzt eine Angstreaktion, aber wir haben gelernt, wie man das durchbricht: am besten, indem wir uns der Situation aussetzen. Und dann tue ich das in der Regel auch. Mir gibt es Sicherheit zu wissen, dass ich das schon mal überwunden habe und dass es machbar war – auch wenn es sehr schwer war. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich das wieder schaffen würde.
    Wahrscheinlich ist das nicht so ganz auf Zwänge übertragbar, aber vielleicht entwickelt sich da für Dich so ein ähnlicher Mechanismus. Ich würde mich heute mit Blick auf die Angst als „geheilt“ bezeichnen. Sie ist nicht weg, aber sie hat keine Macht mehr über mich. Sie hebt ab und zu mal die Hand und sagt „hey, ich bin auch noch da“, aber mehr als ein kurzes Schulterzucken ruft sie bei mir eigentlich nicht mehr hervor.
    Liebe Grüße, Tomi 🙂

    Gefällt 3 Personen

    1. Ich finde den Gedanken, dass weniger die Abweichung von der Norm als das individuelle Empfinden eine Rolle spielen, sehr hilfreich für mich. Das ist eine Perspektive, aus der ich das Ganze noch nicht betrachtet habe. Danke dir!

      Lieber Tomi, finde, du kannst sehr stolz auf dich sein, dass du es geschaffst hast, deine Sozialphobie zu überwinden. Zu hören, dass es möglich ist, mit regelmäßigen Üben und Therapie so eine Veränderung zu erzielen, das macht mir Mut. Ich denke, man kann das, was du über deine Gedanken heute dazu schreibst, wenn sie sich mal wieder meldet, auch auf die Zwänge übertragen. So ähnlich hat es mir mein Arzt erklärt – man hat dann in Zukunft vllt noch Zwangsgedanken zwischendurch, aber sie machen einem keine Angst mehr und schränken einen dadurch nicht im Leben ein. Das wäre so schön.

      Herzliche Grüße,
      Nebleherz 🙂

      Gefällt 2 Personen

  2. Ich kann deine Gefühle und Ängste so gut nachvollziehen – aus meiner eigenen Geschichte und Erkrankung heraus. Ich sehne mich auch so sehr danach, ganz gesund zu werden und nie mehr Depressionen zu haben. Ich denke, jeder will gesund sein und es ist ganz ein natürlicher Wunsch. Was mir wichtig vorkommt, ist, nicht zu weit in die Zukunft zu denken. Wir wissen ohnehin nicht, was kommen wird und müssen uns nicht über etwas den Kopf zerbrechen, das außerhalb unserer Reichweite liegt. Das, was wir heute in der Therapie und im Alltag tun und lernen, schafft aber eine gute Basis für die Zukunft. Ich denke, im Heute zu leben ist gegen diese Ängste sehr hilfreich. Und was ich mir auch immer wieder sage: sei froh, dass du heute lebst, wo es so gute Medikamente und Therapiemöglichkeiten gibt. Vor zig Jahren war man sehr auf sich alleine gestellt mit Depressionen und co. – und ich möchte mir gar nicht ausmalen wie es den Menschen damals ging. Das ist zwar ein schwacher Trost, aber immerhin einer. Und hey, wir sind viele – und über das Bloggen darüber helfen und stützen wir uns gegenseitig. Ich bin an deiner Seite, sei virtuell umarmt! 😊

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Judi, nichtzu weit in die Zukunft zu denken und zu planen, zu überlegen, was wäre wenn (wozu Depressive ja gerne neigen), finde ich einen weisen Gedanken. Auch unabhängig von einer Erkrankung wissen wir schließlich nie, was der nächste Tag, die nächste Woche oder das nächste Jahr bringen mögen bzw. wann alles für uns vorbei ist. Ich bewundere darum Menschen, die es schaffen, ganz in der Gegenwart zu leben. Durch Meditations- und Achtsamkeitsübungen hoffe ich, selbst ein wenig zu dieser Gelassenheit zu finde, gerade weil ich ein Mensch bin, der sehr viel über Vergangenes oder Zukunftsmöglichkeiten grübelt.
      Du hast Recht, wir sind nicht allein zum Glück. Ich merke immer wieder, wie gut mir der Austausch mit anderen, Gleichgesinnten durchs Bloggen tut! Eine Umarmung zurück ♥

      Gefällt 2 Personen

  3. Da geht es uns diese Woche wohl sehr ähnlich… Ich kann absolut nachvollziehen, dass du dir diese Gedanken machst. Mir geht es genau so. Und ich habe auch verschiedene Rückmeldungen von Ärzten und Therapeuten bekommen. Und frage mich, was davon stimmt eigentlich? Wollen die einen mich vielleicht motivieren, in dem sie mir keine Heilung versprechen? Wollen die anderen mich vielleicht motivieren, in dem sie mir erzählen, dass die Symptome komplett verschwinden können? Wer sagt eigentlich die Wahrheit?

    Seit wann machst du denn diese Therapie und wie lange wird sie voraussichtlich noch gehen?

    Liebe Grüße

    Alice

    Gefällt 2 Personen

  4. Hallo Alice,
    fandest du es auch so verunsichernd, mit verschiedenen Ansichten konfrontiert zu werden? Mich hat das längere Zeit wirklich durcheinander gebracht, bis ich irgendwann versuchen wollte, es einfach so zu akzeptieren. In meine Zukunft sehen können ja weder die Optimistischeren noch die Vorsichtigeren mit ihren Prognosen. Trotzdem beschäftigt mich das Ganze manchmal weiterhin, obwohl ich natürlich weiß, dass es keine Gewissheit geben kann. Argh.

    Also, bisher war ich 6,5 Jahre in rein psychiatrischer Behandlung, medikamentös mit ein paar Gesprächen dazu (meine damalige Ärztin hielt leider wohl nicht so viel von Therapie). Letztes Jahr war ich dann für mehrere Wochen stationär und im Anschluss daran begann die ambulante Verhaltenstherapie. Wie war das bei dir?

    Liebe Grüße
    Nebelherz

    Gefällt 1 Person

  5. Ja, mich verunsichert das nach wie vor sehr. Einerseits denke ich, dass die „Fachleute“ sich gut auskennen. Andererseits habe ich schon oft genug genug Ärzte erlebt, die falsche Diagnosen gestellt haben, eine falsche Behandlung durchgeführt haben, ect. Und gerade wenn man von verschiedenen Ärzten gegenteilige Aussagen erhält… Ich habe keine Ahnung mehr, auf welche Aussage ich mich verlassen kann.

    Ich hatte verschiedene ambulante Therapien. Allerdings ohne großen Erfolg. Seit längerer Zeit nehme ich Medikamente. Allerdings haben wir da bisher auch noch nicht die richtige Mischung gefunden. Ich hatte eigentlich auch wieder nach einem ambulanten Therapieplatz gesucht, diesmal ein anderes Therapieverfahren. Aber keine Chance auf einen Platz. Und als ich dann richtig zusammen brach, bin ich in die Tagklinik gegangen.

    Hast du denn insgesamt das Gefühl, dass es dir inzwischen besser geht?

    Liebe Grüße

    Alice

    Gefällt 1 Person

  6. Urgh, falsche Diagnosen zu bekommen stelle ich mir krass vor, finde ich total nachvollziehbar, dass nach so einer Erfahrung das Vertrauen nicht mehr so ist wie vorher! Hast du aktuell einen ambulanten Arzt oder eine Ärztin, der du Vertrauen kannst?

    Ok, das klingt wirklich hart. Ich denke an dich und wünsche dir, dass sich schnell gute Hilfsmöglichkeiten auftun! ♥

    Von den Zwängen her geht es mir aktuell auf jeden Fall besser. Ich hatte das Glück, in der Klinik an einem speziellen Therapieprogramm für Zwangserkrankungen teilnehmen zu können und habe davon auf jeden Fall profitiert. Über diese Verbesserung bin ich echt froh und dankbar dafür. Die gegenwärtige depressive Episode ist sich seit dem Zusammenbruch Ende letztes Jahr am Rückbilden. Ich merke sie noch, aber deutlich schwächer als zuvor und ich hoffe, dass sie irgendwann noch ganz verschwindet. Am meisten habe ich davor Angst, dass sie irgendwann wieder kommt. Bisher hatte ich leider einen phasenhaften Verlauf, also nach zwei symptomarmen oder auch mal ganz depressionsfreien Phaswn kam dann immer die nächste Episode. Ich hoffe sehr, dass wir mit der Therapie daran etwas ändern können. Es schwankt aber immer irgendwie – mal sind die Zwänge stärker, mal die Depression, mal die Angst …

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s