Am Leben festhalten

Nun ist die erste Klinikwoche ins Land gegangen und ich bin zur Belastungserprobung von heute auf morgen daheim.

Die ersten Tage hatte ich noch große Ängste in Bezug auf das soziale Drumherum (viele fremde Menschen in Form von Mitpatienten und Personal). Ich rang oft mit dem Wunsch, um Verlegung auf die mir von damals bekannte Station zu bitten, um wenigstens vertraute Gesichter um mich zu haben in all der Angst. Ich bin generell ein eher schüchterner Mensch, in depressiven Episoden verstärkt sich dieses Verhalten dann noch. Das Pflegepersonal um etwas zu bitten oder mich zum Mittagessen an einen vollen Tisch dazuzusetzen, das fällt mir schwer. Die Vorstellung, meine Lieblings-Stationsteammitglieder von damals durch eine Verlegung wieder zu sehen, gab mir da etwas Kraft. Die Gespräche mit einem unserer Stationstherapeuten haben mir jetzt aber geholfen, was das angeht. Es ging darum, mir gerade in der Krankheitsphase nicht noch so viel Druck zu machen. Sondern zu akzeptieren, das bestimmte Dinge mir momentan eben schwerer fallen als sonst und mir deswegen keine Selbstvorwürfe zu machen. Unser Gespräch machte mir klar, dass es gerade um mich und meine Gesundheit geht und nicht darum, was andere von mir denken könnten, wenn ich mich so viel zurückziehe. Die Gespräche taten mir gut. Inzwischen klappt es auch schon deutlich besser mit den sozialen Ängsten.

Die Mitpatienten sind nett. Trotz Altersunterschied (ich bin aktuell eine der jüngsten) und verschiedener Lebenserfahrungen sitzen wir doch alle im selben Boot. Es ist viel gegenseitiges Verständnis da und eine Ruhe, wie ich sie auf der gemischten Station meines ersten Aufenthalts nicht erlebt habe. Ich bin froh, mit einer Mitpatientin besonders gut auszukommen. Unsere Gespräche lenken uns beide ab und manchmal hilft es auch sehr, einfach nur schweigend im Gemeinschaftsraum zusammen zu sitzen.

Vor wenigen Tagen haben wir dann auch mit der Medikamentenumstellung begonnen. Ich bekomme nun ein anderes Antidepressivum (Fluoxetin), das besser gegen die Kombination aus Depression, und Zwangserkrankung wirken soll, die ich habe, als mein altes Medikament (Citalopram), das vor allem in der reinen Depressionsbehandlung eingesetzt wird. Es ist das gleiche, auf das mein ambulanter Arzt schon überlegt hatte, mich umzustellen. Noch kann ich zur Wirkung nichts sagen, denn wie das leider so ist, merke ich momentan in der Anfangsphase nur Nebenwirkungen statt Wirkungen. Die Umstellung erlebe ich körperlich als anstrengend, aber auch als weniger schlimm als die letzte. Toi, toi, toi.

Die Therapien empfinde ich als hilfreich, gerade das Kreative kommt mir entgegen. Dabei kann ich mich ausdrücken, meinen Emotionen und Gedanken freien Lauf lassen. Wobei ich mir wünschte, dass mehr psychotherapeutische Gesprächsgruppen dabei wären (z.B. zum Thema Rückfallvorbeugung von depressive Episoden). Meine Bezugsschwester ist nett und engagiert. Meine zuständige Therapeutin dort habe ich noch nicht kennen gelernt. Ich hoffe, das passiert nächste Woche.

Oft gehe ich vor oder nach den Therapien spazieren, weil ich merke, dass die frische Luft mir gut tut und die Bewegung dazu beiträgt, die Angst runterzuschrauben. Es hilft mir auch generell, einfach eine zeitlang in der Natur zu sein.

Ich bin sehr, sehr müde im Moment, schlafe tagsüber zwischen den Therapien immer wieder mal und/oder ziehe mich aufs Zimmer zurück, weil mir all die Geräusche und anderen Eindrücke um mich herum zu viel werden. Die Nächte sind momentan trotz medikamentöser Unterstützung unruhig. Oft habe ich tagsüber das Gefühl, meine Gelenke und Muskeln bestünden aus Blei. Kleine Bewegungen strengen dann an und der Körper schmerzt.

Die Panikattacken lassen sich durch das Bedarfsmedikament zum Glück recht gut in Schach halten. Die Stimmung schwankt munter vor sich hin. Mal fühle ich mich eine zeitlang einfach nur leer, wie erstarrt/versteinert und wäre am liebsten nicht mehr existent, ein andern mal bin ich sehr melancholisch und schwermütig oder weine spontan los. An anderen Tagen dagegen kann ich in guten Phasen mit den Mitpatienten über einen Witz lachen. Dann spüre ich Entspannung beim Malen oder Freude angesichts eines Spaziergangs durch den Park im Sonnenschein, vermisse meine geliebten Menschen, mein Zuhause und meine Arbeit und denke vorsichtig an die Zukunft.

Mein Motto im Moment: Am Leben festhalten. Nicht aufgeben. Meine Motivation dazu sind momentan vor allem meine Freunde, mein Partner und meine Familie, für mich selbst weiterleben zu wollen fällt mir aktuell noch schwer. Aber erfahrungsgemäß kommt auch das wieder. Irgendwann …

6 Kommentare zu „Am Leben festhalten

  1. Ich freue mich für Dich, liebe Nelia, dass Du gute Hilfe zu bekommen scheinst. Gut ist es auch, verständnisvolle Mitpatienten zu haben, von denen niemand erwartet, dass man sich verstellt. Klar, alles ist schwer und es steht noch viel vor Dir. Dafür wünsche ich Dir weiterhin viel viel Kraft..

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  2. Danke dir. Kraft klingt gut, es ist genau das, was ich gerade brauche, versehen mit etwas Mut. Ich wünsche dir ebenfalls alles Liebe und weiterhin ebenfalls Kraft und Mut!

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  3. Denke ganz fest an Dich.
    Schön, dass du Dich durch die Leidensgenossen nicht so allein fühlst.
    Dein Motto gefällt mir „sich am Leben festhalten“.
    Buddha sagte mal „der Sinn des Lebens ist Glücklichsein“,
    versuche an den tollen Momenten festzuhalten, malen, spazieren, Zeit mit deinen Lieben, das Lachen…
    Wünsch dir alles Liebe und hoffe dir geht es bald besser ❤

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    1. Ich danke dir ♥ „Da drinnen“ denke ich auch oft an euch alle und frage mich, wie es den Einzelnen geht. Am Wochenende kann ich mir dann immer Gewissheit verschaffen, wenn ich nicht mehr auf das stark eingeschränkte Klinik W-Lan und mein unfähiges uralt Handy angewiesen bin 😉 Danke, das ist ein sehr schöner Ratschlag, an dem ich mich zu orientieren versuche ♥

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