Eins, zwei, drei, vier Eckstein

… alles muss geordnet sein.

Die letzten Tage bin ich immer wieder wie ein aufgescheuchtes Huhn durch die Wohnung gelaufen und habe zwanghaft anfangen, Dinge zu ordnen, milimitergenau gerade zurücken, an einen anderen Platz und dann doch wieder umzustellen, um dann wieder … Eigentlich recht witzig, wenn man bedenkt, dass ich ansonsten dezent chaotisch bin.

Als Teenager, bevor die Zwangsstörung diagnostiziert wurde, konnte ich an manchen Tagen sehr viel Zeit mit der Frage verbringen, an welcher Stelle meines Zimmers ich ein neues Poster aufhängen wollte. Das hört sich harmlos an und ist es theoretisch auch. Wären dann nur nicht diese quälende Unruhe und Anspannung gewesen, die mich befallen hatten, kaum das ich fertig mit Aufhängen war und die mich dazu trieben, das ganze Procedere zu wiederholen bis zum Abwinken. Wenn ich irgendwann dann doch endgültig für diesen Tag damit aufhörte, war ich nicht zufrieden mit dem Ergebnis – denn dieses seltsamen Gefühl war immer noch da, das Gefühl, meine Handlung falsch gemacht, nicht richtig abgeschlossen zu haben, das laut Fachliteratur typisch für Menschen mit Zwangsstörungen ist.

Anders als damals weiß ich heute, dass dieses Verhalten zur Zwangserkrankung gehört. Dieses Wissen macht es  leichter, denn so kann ich mir sagen, dass es eine Erklärung für meine unlogischen Verhaltensweisen gibt, dass es anderen Menschen auch so geht. Das lässt mich weniger an meinem Verstand zweifeln. Ärgerlich und wütend auf mich werde ich aber trotzdem immer wieder noch, weil es Zeit und Kraft frisst. Ich tue etwas, von dem ich weiß, dass es besser wäre, es zu lassen, weil es mir nichts bringt und sinnlos ist, kann aber nicht damit aufhören.

Inzwischen kann ich aber zum Glück anders als damals sehen, was dahinter steht. Die Zwänge sind für mich nicht mehr wie früher etwas vollkommen Sinnloses, sondern ich verstehe sie heute eher als Ausdrucksweise meiner Seele, mit Stressphasen oder Ängsten und anderen starken Gefühlen umzugehen. Das Ordnen macht mich kurzeitig in Phasen innerer Anspannung ruhiger, ist aber längerfristig gesehen wie jede andere Zwangshandlung auch mit mehr Kosten als Nutzen verbunden.

Diese Erkenntnis versuche ich neuerdings zu nutzen, um mir gegenüber milder und verständnisvoller als in der Vergangenheit zu sein. Denn sich selbst innerlich dafür schlecht zu machen, dass man gerade viel Zeit an seine Zwangshandlungen verloren hat, macht auch nichts besser, im Gegenteil.

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3 Kommentare zu „Eins, zwei, drei, vier Eckstein

  1. Sobald du merkst, dass du dich selbst wieder schlecht redest, versuch dagegen zu lenken. Vielleicht findest du ja morgen auf meinen Blog, dann kommt ein post zu genau dem Thema online womit ich mich heute selbst auseinander gesetzt habe 🙂

    Liebe Grüße
    Chantal

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