Was ich mir für die Zukunft wünsche – Behandlungssituation Zwangserkrankter

„Rund zwei Millionen Deutsche sind von Zwängen betroffen (…). Damit ist die Zwangserkrankung (…) die vierthäufigste seelische Störung. Diese Häufigkeit steht im großen Gegensatz zu den noch geringen Kenntnissen vieler Therapeuten und zu der geringen Zahl von ambulanten und stationären Behandlungseinrichtungen, die sich auf die Zwangserkrankung spezialisiert haben.“

Dieses Zitat kann ich aus eigener Erfahrung und im Hinblick auf das, was ich von meinen zwangserkrankten Bekannten weiss, leider bestätigen.

Es schwer, eine(n) Psychotherapeuten(in) zu finden, der/die wirklich Expertise in der Behandlung von Zwangsstörungen hat, auf dem Land sicher noch mehr als in größeren Städten. Auch Kliniken mit zwangsspezifischen Therapieangeboten sind rar gesät.

In diesem Bereich sollte sich dringend etwas ändern. Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass die Behandlungsangebote für Zwangserkrankte zunehmen, ähnlich wie es z.B. bei Angeboten für Borderline in den letzten Jahren der Fall war. Dass mehr ambulante Therapeuten/-innen dazu bereit sind, die bei Zwänglern sehr hilfreichen, aber auch zeitaufwendigen Expositionsübungen durchzuführen und sich im Themenfeld fortzubilden. Dass es an mehr Kliniken krankheitsspezifische stationäre und teilstationäre Therapieangebote gibt, damit Zwangserkrankte, bei denen ambulante Behandlung nicht ausreicht, nicht wie aktuell oft der Fall ans andere Ende Deutschlands in eine Klinik gehen müssen, wo sie dann wegen der großen Entfernung kaum die Möglichkeit haben, von Freunden und Familie besucht zu werden, ein Wochenende zur Belastungserprobung daheim zu verbringen oder ggf. Expositionsübungen mit dem Therapeuten zuhause durchzuführen.

Die Deutsche Gesellschaft für Zwangserkrankungen engagiert sich seit mehr als 20 Jahren ehrenamtlich dafür, Zwangserkrankungen öffentlich bekannter zu machen und die Behandlungsbedingungen zu verbessern. Dafür haben sich Betroffene, Angehörige und Fachleute zusammengetan. Dieses Engagement finde ich großartig und hoffe sehr, dass es weiter Früchte tragen wird.

Ich hoffe auch, durch meinen Blog vielleicht einen winzig kleinen Teil dazu beizutragen, dass das Leiden unter Zwängen in unserer Gesellschaft weniger verschwiegen wird und sich die Behandlungsbedingungen verbessern. Vielleicht erreichen wir ja hier irgendwann den Stand der USA, wo OCD (so die englischsprachige Bezeichnung für Zwangssstörungen) allgemein bekannter ist als hier.

P.S.: Mein Tipp für Leidensgenossen:

Einige Kliniken bieten inzwischen Spezialsprechstunden für Zwangserkrankte an, was dann in der Regel über die psychiatrische Institutsambulanz (kurz: PIA) läuft. Ich bin von meinem niedergelassenen Psychiater hin in so eine Ambulanz gewechselt und dort seitdem regelmäßig in Behandlung. Ich merke definitiv einen positiven Unterschied, was die Erfahrung der Behandler/-innen mit dem Thema angeht und fühle mich bisher gut aufgehoben. Außerdem habe ich häufigere und längere Termine.

(Zitat aus Zwänge bewältigen! Ein Mutmachbuch von Burkhard Ciupka-Schön)

14 Kommentare zu „Was ich mir für die Zukunft wünsche – Behandlungssituation Zwangserkrankter

  1. Dem Wunsch schließe ich mich an. Schöner Artikel. ich denke auf jeden Fall, dass dein Blog einen Beitrag leistet, anderen Mut und generell das Thema bekannter zu machen. Ich kenne es auch aus meiner ehemaligen Selbsthilfegruppe, dass einige in Kliniken am anderen Ende Deutschlands waren, weil man dort spezialisierter war. Wäre natürlich zu begrüßen, wenn das in Zukunft nicht mehr nötig wäre, ich bin da aber optimistisch. LG!

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    1. Danke 😊 Ich würde mich freuen, wenn unsere Blogs vielleicht mit der Zeit andere Betroffene inspirieren, auch über ihre Erfahrungen zu Bloggen oder sich anderswo auszutauschen …
      Darf ich fragen, wie du es in der Selbsthilfegruppe fandest? Ich hatte es letztes Jahr mal mit einer probiert und es war für mich eine eher durchwachsene Erfahrung.

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      1. Die Selbsthilfegruppe war nicht ganz mein Fall, obwohl sich die Leute Mühe gaben, hatte ich nicht das Gefühl, das es mir viel bringt. Woran das genau lag, weiß ich nicht. Mit etwas „bizarreren“ Zwangsgedanken konnte man dort nicht viel anfangen. Ich bin nicht lange dabei geblieben.

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      2. Oh, meine Erfahrungen waren ähnlich gelagert. Danke dir für’s Berichten!
        Die meisten in der Gruppe, wo ich war, litten unter allgemein bekannteren Zwängen – Waschen und Kontrollieren vor allem. Meine Baustellen sind anders gelagert. Mit meinen teils bizarren Zwangsgedanken und zwanghaften Grübeleien habe ich mich dort eher fehl am Platz gefühlt und hätte mir mehr Leute mit ähnlicher Problematik gewünscht gegen dieses Einsamkeitsgefühl, das mich manchmal heute noch beschleicht.

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  2. Ja, da muss wirklich mehr getan werden. V.a. im ländlichen Raum sehen Behandlungsangebote für spezielle Personengruppen mau aus. Es ist toll und hilfreich dass Du mit Deinem Blog an die Öffentlichkeit gehst.

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    1. Vielen Dank! Ich habe Freunde und Familie in ländlichen Gegenden und weiss von ihnen, dass es dort noch schwieriger ist, eine(n) Psychotherapeuten(in) zu finden als ohnehin schon. Nach speziellen Schwerpunkten wagt man da kaum noch zu fragen leider.

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  3. Ich schließe mich eurer Meinung absolut an. Ich denke hier geht es auch um das Thema gesellschaftliche Akzeptanz der Zwänge. Ähnlich der Depressionen, Angst-Panikattacken, Burnout, ist es leichter, das Thema klein zu halten als sich den vorhandenen Lösungen zu widmen. Aber ja, mit Blogs wie unseren gibt es kleine Schritte in die richtige Richtung.

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    1. Hallo, ich denke auch, in puncto gesellschaftliche Akzeptanz psychischer Erkrankungen liegt noch Arbeit vor uns, obwohl es zum Glück in den letzten Jahren schon spürbar besser geworden ist.

      Liken

  4. Ich wünsche für dich mit! Ich leide zwar nicht unter Zwängen und lebe auch nicht in Deutschland, aber ich kenne einige Menschen mit Zwangserkrankung und kann ungefähr erahnen, wie gross der Leidensdruck sein muss, gerade in sehr akuten Phasen. In der Klinik, in der ich war, gab es ein spezielles Therapieangebot für Zwänge, und einige der Pflegepersonen hatten eine Zusatzausbildung auf dem Gebiet. Was ich so von meinen Mitpatienten gehört habe, war das alles sehr hilfreich, und einige von ihnen sind heute ‚zwangsfrei‘. So weit ich weiss, sind Zwangserkrankungen relativ gut behandelbar, wenn die Betroffenen denn an die richtigen Leute/Institutionen geraten. Scheint, als würde es da noch einen grossen Mangel geben. Ich wünsche allen Betroffenen, dass sich das in Zukunft ändert.

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    1. Vielen lieben Dank! Ich habe mich gerade echt gefreut über deine Worte. Witzigerweise passt es auch gerade wie die Faust auf’s Auge, dass du von Klinik schreibst … Mit meinem Doc und meiner Therapeutin habe ich nämlich heute den Plan geschmiedet, mich für die nächsten Semesterferien um einen Platz in einer Klinik mit Spezialstation für Zwangssstörungen zu bemühen…
      Lieben Gruß

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      1. Gerne. Ich weiss selbst, wie mühsam es ist, den richtigen Behandlungsplatz zu finden (obwohl die Angebote für Essstörungen vergleichsweise zahlreich sind – viele davon sind einfach Müll). Und wünsche dir von Herzen, dass du eine gute Klinik findest, wo dir wirklich weitergeholfen wird und man sich die Zeit nimmt für die Expositionen. Die sind zwar richtig, richtig anstrengend (gibt’s für Essstörungen und Borderline ja auch), aber sie lohnen sich. Und wie sie sich lohnen!
        Ganz viel Kraft für dich.
        Alles Liebe
        Elín

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      2. Danke!!
        Meine Tante hat Borderline in Kombi mit Depression und Bulimie gehabt … Dadurch habe ich ein paar Dinge aufgeschnappt. Leider ist der Kontakt zu dieser Familienseite irgendwann eingerostet. Das Letzte, was ich von ihr weiss, ist, dass die Bulimie wohl überwunden ist und sie einen netten Mann und Sohn hat. Dass man bei Borderline auch Expositionen macht, finde ich interessant, ich kannte es bisher nur von Zwangs-und Angstpatienten. Bei meinem ersten stationären Aufenthalt hatte ich zum Glück eine mega motivierte junge Therapeutin, die sich sehr gut mit Zwangserkrankungen auskannte. Die Exposition mit ihr war hart, aber hat mir einiges gebracht und macht mir Mut, in der Zukunft vllt. an den damaligen Erfolg anknüpfen zu können…

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      3. Borderline und Bulimie ist eine ‚häufige‘ Kombination, ja. Schön, dass sie es geschafft hat, die Bulimie zu überwinden.
        Die Expositionen bei Borderline sind zwar weniger ‚eindeutig‘ also solche erkennbar als bei Zwangserkrankungen, aber trotzdem sehr hilfreich. Je nachdem, was gerade sehr drängt. Wenn zum Beispiel das Gefühl sehr stark ist, nichts wert zu sein und nichts verdient zu haben, kann es schon eine Expo sein, den Verkäufer in einem Geschäft nach einem bestimmten Lebensmittel zu fragen und die Sätze auszuhalten, die der eigene Kopf da zusammenspinnt (das nur als sehr banales Beispiel).
        Hehe, das kenne ich – ich hatte während meines Klinikaufenthalts auch eine ganz wunderbare Therapeutin. Und habe das Glück, dass das auch auf meine ambulante Therapeutin zutrifft.
        Das wünsche ich dir für den nächsten Aufenthalt wieder. Bestimmt wirst du dann an deine Erfolge anknüpfen können. Und sie noch vermehren;).

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