Die 3 rückt näher

Nur noch wenige Wochen, dann werde ich 30.

Ob ich mich so alt fühle? Nein 😉

Ich erinnere mich jedoch, dass es mir mit 18 ähnlich ging. Gefühlt auf einmal war da diese beeindruckende Zahl, mit der ich viele Vorstellungen verband, von denen manche sich im Nachhinein als zutreffend herausstellten, andere nicht. Vorstellungen von mehr innerer Reife, Lebenserfahrung, erwachsen Sein.

Wenn ich überlege, wie ich mir früher mein dreißigjähriges Ich vorgestellt habe, dann sah das in etwa so aus:

  • mein Studium abgeschlossen und Vollzeit berufstätig. In einem Job, der auch Bezug zu meinen Studienfach hat, bei dem ich das Gefühl habe, etwas Sinnvolles mit meiner Arbeit zu tun und finanziell zurecht komme. Ich wollte nie Großverdienerin werden, aber eben auch nich mit finanziellen Sorgen zu kämpfen haben. Stattdessen ein geregeltes Einkommen, vielleicht eine schöne helle Altbauwohnung und ein Haustier. Genug Geld für Hobbys haben und Unternehmungen mit Freunden.
  • in einer festen Beziehung und vielleicht schon verlobt. Kinder geplant
  • meine Freunde sicher an meiner Seite und ein gutes Verhältnis zu meiner Familie
  • vielleicht irgendwann am Traum „ein eigenes Buch veröffentlichen“ arbeiten

… und natürlich in mir ruhend und gesund.

In der Realität:

  • habe ich einen Bachelorabschluss, dafür aber deutlich länger gebraucht als die Regelstudienzeit und bin noch am Master dran, während der Großteil meiner ehemaligen Mitschüler schon seit ein paar Jahren mit Uni oder Ausbildung fertig ist, arbeitet und teils schon Kinder hat. Dieser Umstand hat mein Selbstwertgefühl lange stark angegriffen und ist weiterhin ein Lieblingsthema meines inneren Kritikers, um mich gepflegt fertig zu machen. Aber: Es ist schon besser geworden als früher. Ich verstehe nämlich immer mehr, dass es mir wenig bringt, dem hinterherzutrauern, was ich gerne gehabt hätte (einen guten Abschluss in der Regelzeit oder zumindest nicht mit mehr als 1, 2 Extrasemestern). Außer eben jede Menge Frustration, Selbsthass, Neid usw. – und damit Futter für die Depression. Ich tue mir einen großen Gefallen, wenn ich mich nicht mehr dafür verurteile, länger gebraucht zu haben als andere, zumal es ja auch Gründe dafür gab. Und auch nicht mehr auf Diskussionen mit meinem Umfeld über dieses Thema einsteige, die eh nur bewirken, dass ich mich am Ende schlecht fühle. Es ist, wie es ist. Ich habe immerhin schon einen Abschluss und nächstes Jahr um diese Zeit werde ich hoffentlich an meiner Masterarbeit sitzen. Und wenn nicht, wird die Welt davon aus nicht untergehen.
  • Was das Arbeiten angeht: Nein, ich arbeite nicht Vollzeit, Überraschung. Aber ich habe seit kurzem einen Studentenjob in einem der Bereiche, in denen ich mir lange gewünscht habe zu arbeiten. Und ich mag meine Arbeit. Ich bekomme viel Input und habe größtenteils sehr nette Kollegen, plus die Chance auf längerfristige Tätigkeit dort.
  • Statt vielleicht-möglicherweise-eventuell verlobt zu sein, habe ich ein paar Jährchen früher geheiratet als immer gedacht. Es war eine schöne Hochzeit. Wer die Beiträge der letzten Monate gelesen hat, weiß, dass es einige Tiefs und Krisen gab und aktuell für mich noch vieles unsicher und unklar ist. Aber ich kann auch zurückschauen auf viele schöne Momente in diesen Jahren. Diese Auf und Abs haben mich geprägt und gehören jetzt zu mir und meinen Lebenserfahrungen – egal, wie es am Ende ausgehen wird.
  • Mutter zu werden … Das wünsche ich mir immer noch irgendwann, es ist sogar einer meiner größten Wünsche, ein echter Herzenswunsch. Gleichzeitig zweifele ich aber auch immer wieder an mir und meiner Eignung dazu. Bin ich irgendwann gesund bzw. stabil genug dafür? Werde ich eine Partnerschaft haben, die genug gefestigt ist, um gemeinsam diesen großen Schritt zu wagen? Eine einigermaßen sichere Finanzlage? Was, wenn mein Kind meine Erkrankungen erben sollte? Kann ich auch ohne Kind glücklich werden? Und kann ich meinem potentiellen Kind vorleben, was es braucht, um sich hoffentlich zu einem seelisch gesunden Menschen zu entwickeln: Vertrauen in sich selbst, Zuversicht, Selbstliebe, Gelassenheit? Ich wünsche es mir so sehr …
  • Freundschaft, einer der großen Pluspunkte in meiner Liste. Ich bin so froh und dankbar, meine Freunde zu haben und einige nette Bekannte noch dazu. Mit meiner Familie verstehe ich mich gut, auch wenn unser Verhältnis nicht mehr so eng ist wie damals (was aber vielleicht auch ganz gut so ist).
  • Hobbys. Ich lese heute noch genau so gerne wie früher, wenn auch nicht mehr im gleichen Tempo und mit der gleichen Häufigkeit. Ich schreibe auch immer noch, auch wenn es inzwischen vor allem Blogposts sind oder zwischendurch mal ein Gedicht statt wie früher Kurzromane. Aber ich habe mir vorgenommen, meinen ersten Romanversuch irgendwann noch mal in Ruhe zu überarbeiten, weil mir die Geschichte noch immer etwas bedeutet. Und wenn ich ganz mutig bin, ihn vielleicht danach noch einmal an einen Verlag zu schicken oder es mit Self Publishing zu versuchen …

Und der Rest? Dass ich mit 30 seit knapp 10 chronisch krank Sein würde, hatte mein damaliges Ich nicht erwartet. Was vielleicht etwas blauäugig war angesichts unserer psychiatrischen Familienanamnese.

Aber lieber eine gesunde Zukunft erwartend, als ständig in Angst vor Krankheiten, die in der Familie kursieren und einen selbst vielleicht, vielleicht aber auch nicht irgendwann erwischen können.

Ich würde lügen, wenn ich jetzt schreibe, dass es mir nichts mehr ausmacht, krank (geworden) zu sein. Oder dass ich dankbar wäre für meine Krankheiten, weil ich dadurch „so viel habe lernen dürfen“. Nope. Wenn ich ehrlich bin: Die Dinge, die ich durch meine Erkrankungen gelernt habe – über mich, das Leben, was auch immer – hätte ich gerne auf angenehmere Weise gelernt.

Aber das bedeutet nicht, dass ich nicht froh darüber bin, was ich alles gelernt habe. Es geht mir nur um das wie.

Doch wenn ich eines in den letzten Jahren verstanden habe, dann, dass das Leben – so platt der Spruch sich auch liest – kein Wunschkonzert/Ponyhof/usw. (setzt hier ein, welche Metapher auch immer ihr am meisten mögt) ist. Sondern ein Auf und Ab und nicht immer fair oder sinnhaft. Manchmal ist das Leben sogar verdammt unfair und ich zweifle, ob es überhaupt einen Sinn gibt. Also, kurz gesagt, meine persönliche Lage könnte besser, aber auch noch schlimmer sein. Was sie zum Glück aber nicht ist.

Ich habe für mich festgestellt, dass ich mich besser damit fühle, wenn ich Dinge akzeptiere, die ich nicht oder zumindest nicht innerhalb der nächsten Zeit ändern kann. Denn alles andere kostet mich viel Energie. Und die ist kostbar. Im Alltagstrott und in Tiefs oder Krisen ist das manchmal leichter gesagt als getan, doch ich mache allmählich und schrittweise Fortschritte.

Ich bin neugierig auf die Person, die vielleicht in weiteren 10 Jahren kurz vor ihrem 40. Geburtstag stehen wird und sich dann erinnert, wie sie sich mit 30 ihr Leben mit 40 vorgestellt hat.

Ich hoffe, diese Person wird dann mehr oder weniger mit sich im Reinen sein, noch weiter mit ihren (Lebens-) Träumen und Zielen vorangekommen. Dass sie sich nicht mehr so oft mit anderen vergleicht und sich dabei selbst abwertet. Dass sie sich nicht mehr so leicht verunsichern lässt, sondern mehr Vertrauen in sich, ihre Gefühle, Bedürfnisse und Entscheidungen hat. Und dass sie sich nicht mehr so stark über Leistung und Anerkennung von Außen definiert.

Ich hoffe, diese Person wird nicht nur den anderen, sondern auch sich selbst Mitgefühl, Verständnis und Liebe entgegen bringen können.

2 Kommentare zu „Die 3 rückt näher

  1. Dein Text fasziniert mich. Er ist sehr reflektiert und reflektierend geschrieben. Das Tollste und Schönste aber ist: Du hast es geschafft, Deinen „letzen 10 Jahren“ trotz vieler Schwierigkeiten, Nackenschläge, quälender Augenblicke und Verzweiflungssituationen, so viel Positives abzugewinnen. – Das ist ebenso beeindruclend wie STARK, liebe Nelia.

    Kann uns sollte ich mir eine Scheibe abschneiden, davon …

    Liebe Grüße an Dich!

    Gefällt 3 Personen

    1. Lieber Sternenflüsterer,
      danke für deine lieben Worte! Ich werde mir deinen Kommentar als Screenshot für schlechte Phasen abspeichern, denn ich finde ihn sehr motivierend und Mut machend. Und es hat mich berührt, was du schreibst, dass ich anderen Menschen/dir tatsächlich in irgendetwas ein Vorbild sein soll, so sehe ich mich selbst nämlich kaum …

      Liebe Grüße
      Nelia

      Gefällt 2 Personen

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