Vorurteile, Klischees und Fehlannahmen über Zwangsstörungen

In diesem Post möchte ich Vorurteile und Klischees benennen, denen man als Zwangserkrankte(r) vielleicht begegnet und schauen, ob sie einen wahren Kern haben oder nicht. Es finden sich mitunter (schwarzer) Humor oder Zuspitzungen dabei. Dies ist jedoch nicht als Angriff gemeint, sondern mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Denn es ist klar, dass man sich nicht mit jeder auf der Welt vorhandenen körperlichen oder psychischen Erkrankung auskennen kann. Und Vorurteile, so unschön sie oft sind, sind doch menschlich.

„Alle Zwangserkrankten sind Ordnungsfanatiker, haben Angst vor Bakterien und waschen sich zig mal am Tag die Hände.“

Ordnungs- und Hygienezwänge sind die Symptome, von denen wohl am häufigsten in den Medien berichtet wird, zusammen mit Kontrollzwängen. Ich vermute, dass dieses Klischee darauf zurückzuführen ist. Aber: Nicht jeder Mensch mit Zwangsstörung ist  Monk 😉

Es gibt verschiedene Arten von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, z.B. religiöse oder sexuelle Zwangsgedanken, zwanghaftes Grüblen über alle möglichen Themen, Sammelzwänge, Wiederholungszwänge etc. Die meisten Betroffenen, die ich mit den Jahren kennengelernt habe (inklusive mir) haben nicht nur einen Zwang oder ein bestimmtes Zwangsthema, sondern verschiedene. Es ist auch gar nicht so untypisch, dass sich die Inhalte mit den Jahren verändern.

Kurz gesagt: Es gibt eine große Vielfalt an möglichen Symptomen und Kombinationen. Als wir uns damals in der Fachklinik diesbezüglich ausgetauscht haben, haben ein paar MitpatientInnen von Zwangshandlungen und damit zusammenhängenden Befürchtungen erzählt, über die ich vorher noch nie etwas gehört oder gelesen hatte und auf die ich allein auch nie gekommen wäre.

„Man merkt Betroffenen ihre Zwangserkrankung an.“

Nicht unbedingt.

Menschen mit Zwangshandlungen wie mehrfachem Kontrollieren von Elektrogeräten sind diesbezüglich sicher im Nachteil, weil ihre Zwangsrituale nach Außen hin sichtbar sind. Wer vor allem mit Zwangsgedanken oder Grübelzwängen kämpft, dem ist sein Leiden von außen dagegen schwerer oder auch gar nicht anzusehen. (Was nicht bedeutet, dass der Leidensdruck geringer ist!). Ich habe beispielsweise schon mehrfach von Gesprächspartnern gehört, man würde mir meine Erkrankung gar nicht anmerken, nachdem ich mich irgendwann als Betroffene geoutet habe.

Menschen mit aggressiven Zwangsgedanken sind gefährlich.“

NEIN, nicht mehr als du, deine Mutter, dein Nachbar oder die Verkäuferin im Supermarkt, bei der du heute bezahlt hast.

Vielleicht hilft an dieser Stelle ein Vergleich:

Während gesunde Menschen wissen, dass ihre Gedanken nur Gedanken sind und inhaltlich ungewöhnliche/erschreckende/störende Gedanken in der Regel einfach an sich vorüberziehen lassen, können Menschen mit Zwangsstörung das nicht so leicht. Sie werden von bestimmten Gedanken – nämlich denjenigen mit Bezug zu ihren persönlichen Zwangsthematiken – in eine innere Alarmsituation versetzt und bleiben sozusagen an diesen Gedanken hängen. Sie haben Angst, dass ihre beängstigenden Gedanken einen Funken Wahrheit enthalten könnten („Ich bin böse/gefährlich für andere/ein schlechter Mensch!“) und oft auch davor, diese Gedanken umzusetzen. Diese Befürchtungen erzeugen wiederum Angst, Schuldgefühle, Scham, Ekel vor sich selbst oder andere starke, unangenehme Gefühle und führen in der Regel zum Ausführen innerer oder nach außen sichtbarer Zwangshandlungen zur Beruhigung.

Für Scham oder Schuldgefühle besteht aber kein Anlass, denn:
Laut Studien unterscheiden sich die Gedankeninhalte von Menschen mit Zwangsstörungen und solchen ohne nicht wirklich. Der große Unterschied besteht nur im beschriebenem Aspekt des „Hängen Bleibens“ an den Gedanken.

In der Therapie lernt man als Betroffene(r), dass es unmöglich ist, die eigenen Gedanken zu kontrollieren und das zu versuchen die unangenehmen Gedanken nur noch verstärkt.

Mir selbst haben Achtsamkeitsansätze und Akzeptanz sehr geholfen, mich von meinen Zwangsgedanken besser lösen zu können und sie zu akzeptieren – als Symptom einer Krankheit, genauso wie Schnupfen bei einer Erkältung, das nichts über mich als Menschen aussagt.

„Eine Zwangsstörung hat man sein Leben lang.“

Zwangserkrankungen sollen unbehandelt tatsächlich zur Chronifizierung neigen und auch mit Behandlung bleibt meist eine gewisse Restsymptomatik zurück.

Aber: Ich habe in der Stadtbibliothek einmal ein Buch von einer Dame entdeckt, der es nach jahrzehntelangem Krankheitsverlauf gelang, komplett symptomfrei zu werden.
Bei einer ehemaligen Mitpatientin von mir war der Verlauf schubweise. Sie hatte mit einigen Jahren Abstand dazwischen Zwangsschübe, die sich nach erfolgreicher Behandlung zurückbildeten.
Bei mir selbst ist es so, dass ich aktuell noch Zwänge habe, mit denen ich aber im Alltag meist ganz gut zurecht komme; manche Tage sind sogar komplett zwangsfrei. In stressigen Phasen schießt meine Symptomatik dann gerne mal hoch, um wieder abzusinken, wenn sich mein Anspannungslevel beruhigt hat.

Generell kann man sagen, je schneller die Behandlung erfolgt, um so besser, denn dann gibt man dem Zwang weniger Zeit, es sich bequem zu machen und sich auszubreiten.

Früher galten Zwangsstörungen als schwer zu behandeln, heute ist dem zum Glück nicht mehr so.

„Zwangserkrankte sind schwer in ihrer Lebensführung beeinträchtigt, weil sie den ganzen Tag am Rumzwängeln sind.“

Ich kenne zwangserkrankte Menschen mit glücklicher Partnerschaft/Kind(ern)/ abgeschlossenem Studium/Vollzeitjob etc.

Natürlich gibt es auch andere Beispiele: eingeschränkte Arbeitsfähigkeit oder vorübergehende/dauerhafte Erwerbsunfähigkeit; Beziehungen, die unter der Erkrankung zerbrechen; soziale Isolation dadurch, dass man es aufgrund der Zwänge nicht mehr schafft, sein Zuhause zu verlassen …

Manchmal bestehen die Beeinträchtigungen auch nur in einem oder bestimmten Lebensbereich(en). Zum Beispiel klappt es mit der Arbeit gut, dafür zwängelt man dann daheim viel oder umgekehrt.

Das lässt sich aber ebenso wenig wie bei anderen Erkrankungen verallgemeinern. Solltest du oder jemand, der dir nahe steht, gerade die Diagnose bekommen haben, heißt das nicht, dass du nicht trotzdem ein erfülltes und glückliches Leben führen kannst! Die Genesungsbegleiterin in mir würde jetzt Recovery und Empowerment als Stichworte in den Raum werfen.

Und damit sind wir am Ende dieses Posts angelangt. Kennt ihr noch weitere Vorurteile, Klischees, Fehlannahmen über Zwangsstörungen?

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