Klischees und Fehlannahmen über Zwangsstörungen

In diesem Post möchte ich auf mögliche Vorurteile, Fehlannahmen und Klischees eingehen, die sich um das Thema Zwangsstörungen drehen. 

 

„Alle Zwangserkrankten sind Ordnungsfanatiker, haben Angst vor Bakterien und waschen sich zig mal am Tag die Hände.“

Ordnungs-, Putz- und Waschzwänge sind neben Kontrollzwängen wohl die Zwangshandlungsarten, die am häufigsten zur Sprache kommen, wenn in den Medien über Zwangsstörungen berichtet wird. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass viele mit dem Thema unvertraute Menschen direkt an Waschzwänge und Co. denken, wenn sie den Begriff Zwangserkrankung hören. Und tatsächlich sind diese Art von Zwängen unter Betroffenen nicht selten.

Aber: Nicht jede Zwangserkrankung äußerst sich in Ordnungs- oder Reinigungszwängen. Und für die Menschen, die tatsächlich davon betroffen sind, ist es auch kein charmanter Spleen oder eine lustige Eigenart, sondern es steht echter Leidensdruck dahinter.

Es gibt verschiedene Formen von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, z.B. religiöse, aggressive oder sexuelle Zwangsgedanken, zwanghaftes Grübeln über alle möglichen Themen, Sammelzwänge, Zählzwänge, Wiederholungszwänge und mehr.

Die meisten Betroffenen, die ich mit den Jahren kennengelernt habe, haben nicht nur einen Zwang oder ein bestimmtes Zwangsthema, sondern verschiedene. Es ist auch nicht untypisch, dass sich die Inhalte mit den Jahren verändern. Kurz gesagt: Es gibt eine große Vielfalt an möglichen Symptomen und Symptomkombinationen.

 

„Man merkt Betroffenen ihre Zwangserkrankung an.“

Nicht unbedingt.

Menschen mit Zwangshandlungen wie dem mehrfachen Kontrollieren von Elektrogeräten sind da sicher im Nachteil, weil ihre Zwangsrituale nach außen hin sichtbar sind. Wer vor allem mit Zwangsgedanken oder mentalen Zwangshandlungen kämpft, dem ist seine Erkrankung von außen dagegen meist schwerer oder gar nicht anzusehen. (Was nicht bedeutet, dass der Leidensdruck geringer ist.) Mir haben beispielsweise schon mehrfach Gesprächspartner erstaunt gesagt, man würde mir meine Zwangsstörung gar nicht anmerken, nachdem ich mich irgendwann als Betroffene geoutet hatte.

 

Menschen mit aggressiven Zwangsgedanken sind gefährlich.“

NEIN, nicht mehr als du, deine Mutter, dein Nachbar oder die Verkäuferin im Supermarkt, bei der du heute bezahlt hast 😉

Vielleicht hilft an dieser Stelle ein Vergleich:

Während gesunde Menschen wissen, dass ihre Gedanken eben nur
Gedanken sind und inhaltlich seltsame/erschreckende/störende Gedanken einfach an sich vorüberziehen lassen können, können Menschen mit Zwangsstörung das nicht so leicht. Sie werden von bestimmten Gedanken – nämlich denjenigen mit Bezug zu ihren persönlichen Zwangsthematiken – in eine innere Alarmsituation versetzt und bleiben sozusagen an den Gedanken hängen. Oft versuchen sie dann, diese Gedanken zu unterdrücken oder zu kontrollieren – was aber nicht funktioniert und im Gegenteil noch zu einer Verstärkung der Symptome führen kann.

Die für sie unangenehmen Gedanken werden von Betroffenen als gefährlich bewertet. Das erzeugt wiederum Angst, Schuldgefühl Ekel oder andere starke Gefühle und führt in der Regel zum Ausführen innerer oder nach außen sichtbarer Zwangshandlungen zur Beruhigung.

Für Ängste, Scham oder Schuldgefühle besteht aber kein Anlass, denn: Laut Studien unterscheiden sich die Gedankeninhalte von Menschen mit Zwangsstörungen und solchen ohne nicht wirklich.  Der Hauptunterschied liegt im beschriebenem Aspekt des „Hängen Bleibens“ an den Gedanken.

Außerdem gibt es meines Wissens nach bisher keine Berichte über Fälle, in denen ein Betroffener von aggressiven Zwangsgedanken diese auch umgesetzt hätte. Laut meiner ehemaligen Psychiaterin sollen Menschen, die unter dieser Art von Zwangsgedanken leiden, im Gegenteil oft besonders friedliche Zeitgenossen sein.

Aggressive Zwangsgedanken sind nichts weiter als ein Symptom einer Erkrankung – in diesem Fall einer Zwangserkrankung -, genauso wie Schnupfen ein Symptom einer Erkältung ist. Ein Symptom, für das man als Betroffene*r nichts kann, das man sich nicht ausgesucht hat und das auch nichts über den Wert als Mensch aussagt!

– – — — — —

 

Und damit sind wir am Ende dieses Posts angelangt. Kennt ihr noch weitere Vorurteile, Klischees oder Fehlannahmen über Zwangsstörungen?

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