Vorurteile, Klischees und Fehlannahmen über Zwangsstörungen

In diesem Post möchte ich auf mögliche Vorurteile, Fehlannahmen und Klischees eingehen, die sich um das Thema Zwangsstörungen drehen. Es finden sich mitunter (schwarzer) Humor oder Zuspitzungen dabei. Dies ist jedoch nicht als Angriff gemeint, sondern mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Denn es ist klar, dass man sich nicht mit jeder auf der Welt vorhandenen körperlichen oder psychischen Erkrankung auskennen kann. Und Vorurteile, so unschön sie oft sind, sind doch menschlich.

„Alle Zwangserkrankten sind Ordnungsfanatiker, haben Angst vor Bakterien und waschen sich zig mal am Tag die Hände.“

Ordnungs-, Putz- und Hygienezwänge sind neben Kontrollzwängen wohl die  Art von Zwängen, die am häufigsten zur Sprache kommen, wenn in den Medien dann doch einmal über das Thema Zwangsstörungen berichtet wird. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass viele mit dem Thema unvertraute Menschen meiner Beobachtung nach direkt an Waschzwänge und Co. denken, wenn sie den Begriff Zwangserkrankung hören. 

Aber: Nicht jeder Mensch mit Zwangsstörung ist wie Adrian Monk 😉

Es gibt verschiedene Arten von Zwangsgedanken und Zwangshandlungen, z.B. religiöse, aggressive oder um Sexualität kreisende Zwangsgedanken, zwanghaftes Grüblen über alle möglichen Themen, bildhafte Vorstellungen, Sammelzwänge, Zählzwänge, Wiederholungszwänge und mehr.

Die meisten Betroffenen, die ich mit den Jahren kennengelernt habe inklusive mir haben nicht nur einen  Zwang oder ein bestimmtes Zwangsthema, sondern verschiedene. Es ist auch nicht untypisch, dass sich die Inhalte mit den Jahren verändern.

Kurz gesagt: Es gibt eine große Vielfalt an möglichen Symptomen und Symptomkombinationen.

Als wir uns damals in der Fachklinik diesbezüglich ausgetauscht haben, haben ein paar MitpatientInnen von ihren Zwangshandlungen und damit zusammenhängenden Befürchtungen erzählt, über die ich vorher noch nie etwas gehört oder gelesen hatte und auf die ich von allein auch nie gekommen wäre.

„Man merkt Betroffenen ihre Zwangserkrankung an.“

Nicht unbedingt.

Menschen mit Zwangshandlungen wie mehrfachem Kontrollieren von Elektrogeräten sind da sicher im Nachteil, weil ihre Zwangsrituale nach Außen hin sichtbar sind. Wer vor allem mit Zwangsgedanken oder Grübelzwängen kämpft, dem ist sein Leiden von außen dagegen schwerer oder auch gar nicht anzusehen. Was nicht bedeutet, dass der Leidensdruck geringer ist! Ich habe beispielsweise schon mehrfach erstaunt von Gesprächspartnern gehört, man würde mir meine Erkrankung gar nicht anmerken, nachdem ich mich irgendwann geoutet hatte.

Menschen mit aggressiven Zwangsgedanken sind gefährlich.“

NEIN, nicht mehr als du, deine
Mutter, dein Nachbar oder die Verkäuferin im Supermarkt, bei der du heute bezahlt hast.

Vielleicht hilft an dieser Stelle ein Vergleich:

Während gesunde Menschen wissen, dass ihre Gedanken eben nur
Gedanken sind und inhaltlich komische/sie erschreckende/störende Gedanken in der Regel einfach an sich vorüberziehen lassen können, können Menschen mit Zwangsstörung das nicht so leicht. Sie werden von bestimmten Gedanken – nämlich denjenigen mit Bezug zu ihren persönlichen Zwangsthematiken – in eine innere Alarmsituation versetzt und bleiben sozusagen an den Gedanken hängen. Oft versuchen sie, diese Gedanken zu unterdrücken, was aber nicht funktioniert und im Gegenteil noch zu einer Verstärkung des Ganzen führen kann.

Die unangenehmen Gedanken werden vom Zwangserkrankten automatisch als gefährlich bewertet. Das erzeugt wiederum Angst, Schuldgefühle, Scham, Ekel oder andere starke, unangenehme Gefühle und führt in der Regel zum Ausführen innerer oder nach außen sichtbarer Zwangshandlungen zur Beruhigung dieser Gefühle.

Für Ängste, Scham oder Schuldgefühle besteht aber kein Anlass, denn:

Laut Studien unterscheiden sich die Gedankeninhalte von Menschen mit Zwangsstörungen und solchen ohne nicht wirklich. Der Unterschied besteht nur im beschriebenem Aspekt des „Hängen Bleibens“ an den Gedanken.

Außerdem gibt es in der Forschung und aus der klinischer Praxis bisher KEINE Berichte über Fälle, in denen ein Mensch mit aggressiven Zwangsgedanken diese auch umgesetzt hätte. Laut meiner ehemaligen Psychiaterin sollen Menschen, die unter dieser Art von Zwangsgedanken leiden, im Gegenteil oft besonders friedliche Zeitgenossen sein.

Mir selbst haben neben dem sogenannten Metakognitiven Training Achtsamkeitsübungen und Akzeptanz geholfen, meine Zwangsgedanken zuerst als solche zu erkennen, um mich dann im zweiten Schritt besser von ihnen lösen zu können und sie (notgedrungen) zu akzeptieren – als Symptom einer Krankheit, genauso wie Schnupfen bei einer Erkältung, das nichts über mich als Menschen aussagt!


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Und damit sind wir am Ende dieses Posts angelangt. Kennt ihr noch weitere Vorurteile, Klischees oder Fehlannahmen über Zwangsstörungen?

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