Das Problem mit der Stille

Früher, bevor ich krank wurde, konnte ich Stille als introvertierter Mensch gut aushalten. Heute ist das anders – zwar nicht immer, aber für meinen Geschmack doch oft genug.

Heutzutage scheint es mir, als würden in der Stille meine Zwangsgedanken, Ängste, belastende Erinnerungen, generell all meine Gefühle um so lauter werden. Deshalb habe ich seit längerem Probleme damit, zuhause Ruhepausen ohne irgendeine Form der Ablenkung einzulegen oder z.B. Leerlauf auf der Arbeit auszuhalten. Den Sonntag mag ich aus genau diesem Grund von allen Wochentagen übrigens am wenigsten: zu viel Stille.

Tja, und dann ist da die aktuelle Corona-Situation, die durch die Einschränkungen des sozialen Lebens ein Mehr an Stille mit sich bringt. Momentan plagt mich die Angst, in den kommenden Monaten vielleicht wieder abzurutschen in eine Depression so wie im Frühjahr – nun, da sowohl Ausbildung als auch Praktikum beendet sind und ich erst einmal viel freie Zeit habe. Das Praktikum hat mir so gut gefallen, dass ich die Kollegen und die Arbeit mit den Patienten sehr vermisse und am liebsten weiter dort wäre. Und auch die feste Tagesstruktur und die sozialen Kontakte, die es mit sich brachte, taten mir gut. Natürlich kann ich mir zuhause auch selbst eine Tagesstruktur etablieren und bin auch dabei, aber: It´s not the same.

Ich hasse es, nichts zu tun zu haben; mir geht es erfahrungsgemäß immer besser, wenn ich das Gefühl habe, z.B. durch eine entsprechende Arbeit oder ein Ehrenamt zu etwas beizutragen, das größer ist als ich selbst, etwas zu tun, was meinem Leben Sinn gibt. Mein großes Ziel der letzten Monate, der Ausbildungsabschluss, ist nun erreicht. Für das nächste Ziel, eine passende Stelle, heißt es momentan Abwarten, denn die wichtigsten Bewerbungen sind versandt. Ungewissheit, ach, wie ich dich liebe.

Die letzten Tage ging es mir nicht gut; Zwangsgedanken und sich aufbauende Panikattacken mit gedrückter Stimmung. Ich steuere mit bewährten Strategien dagegen und wünsche mir gleichzeitig, dass es einfach aufhört, ich wieder die fröhliche, tatkräftige Version meiner Selbst von vor kurzem bin statt die melancholische, ängstliche, andere.

Da sitze ich also jetzt mit der Stille und Leere und alldem, was in ihr widerhallt und übe mich im – ja, worin eigentlich? Wohl im Aushalten meiner Gefühle und meiner selbst.

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5 Kommentare zu „Das Problem mit der Stille

  1. Und auch für diese Situation empfehle ich Selbstmitgefühl. Es ist völlig verständlich und auch in Ordnung, dass du gerade haderst und Ängste hast. Ein wichtiger Abschnitt ist zu Ende. Das verlangt einem viel ab. Gerade dann, wenn es noch unsicher ist, wie es weitergeht.

    Ich mache gerade einfach Dinge, egal, ob sie dann einen Zweck erfüllen oder nicht. Wenn das Machen Spaß macht, dann ist es richtig. Nicht alles muss sinnvoll sein (daran übe ich mich auch noch).

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    1. Danke dir!
      Selbstmitgefühl wäre momentan sicherlich sehr hilfreich! Ich übe mich darin, aber es fällt mir meistens noch schwer. Doch erste Fortschritte sind da. Du kennst das ja …
      Danke für die Erinnerung 💚

      Gefällt 3 Personen

  2. Wie gut ich das nachvollziehen kann! Ich bin ja in Rente und es fällt mir zunehmend schwerer, mich jeden Tag neu aufzurappeln und die Stille auszuhalten. Mein soziales Leben findet nur noch am Telefon oder in Form von kurzen Besuchen oder gemeinsamen Spaziergängen statt. Die Zeit vor dem Fernseher wird immer länger…..Ich gebe mir eine Tagesstruktur und ich kann mich auch gut beschäftigen, aber mir fehlt zunehmend die körperliche Nähe zu meinen Leuten. Und mir fehlen Abwechslung und die Vorfreude auf zukünftige Ereignisse, die mich aus dem Haus locken. Die nahende Weihnachtszeit könnte von mir aus 2020 ausfallen. Es ist nicht leicht, alleine zu leben und die Zeit der Pandemie gut auszuhalten.
    Und trotzdem: es wird sich lohnen, durchzuhalten. Sich immer wieder an die Strategien zu erinnern, die helfen, das Leben ab und zu so richtig doll zu genießen und aus diesen schönen Momenten Kraft zu schöpfen. Für mich gibt es keine Alternative, denn ich will mich den Leuten nicht anschließen, die alle Regeln ignorieren und auf Kosten der Allgemeinheit ihren Drang nach Freiheit und was sie sonst noch antreibt, ausleben. Liebe Nelia, Du bist nicht allein, auch wenn es sich in stillen Momenten so anfühlen mag! Vielleicht klappt es bald mit Deinem Wunsch- Beruf und dann startest Du wieder durch! Ich drücke die Daumen ganz fest, schicke Dir liebe Grüße (💝) und einen festen Knuddler (🦁)! Regine

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