Freie Zeit …

… en masse in den nächsten Wochen. Meine Praktikumsstelle hat sich gerade gemeldet und entschieden, auf unbestimmte Zeit alle Praktika zu streichen zum Schutz von Personal, Patienten und Praktikanten. Für den Modulunterricht Ende der Woche gab es bisher keine Absage, aber ich denke, die wird noch kommen.

Ich hoffe nur, dass die ambulante Therapie und die Ergo wie gewohnt weiterlaufen können. (Klingt das egoistisch?) Ansonsten fürchte ich um mein inneres Gleichgewicht, denn zu viel alleine Sein und freie Zeit führen bei mir erfahrungsgemäß zu vermehrt Zwängen und/oder depressiven Stimmungseinbrüchen.

Na ja, zum Glück hält einen ja nichts davon ab, raus spazieren zu gehen, Sonnenschein zu tanken und die erwachende Natur zu genießen. Ich denke, gerade in Zeiten wie diesen kann das eine wichtige Ressource sein. Vor allem angesichts der definitiv kontraproduktiven Massenhysterie in Supermärkten und auf diversen sozialen Medien 🙄

Was eine mögliche Infektion angeht, sorge ich mich weniger um mich selbst als um meine herzkranke Mama und meinen lungenkranken Papa. Beide arbeiten in Berufen, auf die nicht verzichtet werden kann und zumindest Mama hat auf der Arbeit viel Menschenkontakt.

Lasst uns hoffen, dass unsere Leben in nicht allzu weiter Zukunft normal weiterlaufen und bis dahin: Bleibt mir alle gesund!

Auszüge aus meinem Praktikumsbericht

Ich hatte vor einer Weile geschrieben, dass ich noch ein wenig über mein erstes Praktikum im Rahmen der Ausbildung erzählen wollte. Darum folgen hier nun Auszüge aus meinem Praktikumsbericht, die euch hoffentlich einen kleinen Einblick geben.

Wahl der Praktikumsstelle

Für das erste Praktikum war es mir wichtig, mir einen Bereich auszusuchen, den ich aus meinen eigenen Patientenerfahrungen kenne und in dem ich vor allem auf Menschen mit gleichen oder verwandten Diagnosen wie meinen treffe. Diese Vertrautheit, dachte ich, würde es mir ein Stück leichter machen, mich in meine neue Rolle einzufinden. Deswegen habe ich ein Praktikum im vollstationären oder tagesklinischen Bereich angestrebt und bin schließlich auf der Depressionsstation einer kleineren psychiatrischen und psychotherapeutischen Klinik gelandet.

Wie lief das Praktikum genau ab?

Ich war an drei Tagen die Woche im Schnitt 5h pro Tag vor Ort, durfte an so gut wie allen Therapien und Gruppen teilnehmen und habe versucht, meine Perspektive als „Erfahrungsexpertin“ dabei einzubringen. Das Gleiche habe ich gegenüber dem Team versucht, wenn es um Themen, bei denen die Ansichten der Pflege und Betroffener gerne mal stark von einander abweichen.

Auch in Teambesprechungen, Übergaben und Fallbesprechungen wurde ich voll einbezogen und habe ein Mal an der Visite teilgenommen. Währenddessen durfte ich auch meinen Eindruck zu den jeweiligen Patienten schildern. Ebenfalls wurde mir die Dokumentation gezeigt und erörtert.

Ich übernahm hin und wieder Botengänge und kümmerte mich, soweit möglich, um kleinere Anliegen der Patienten, um in stressigen Phasen das Personal zu entlasten. Daneben habe ich meinen ausgelernten EX IN-Kollegen bei ihrer Arbeit über die Schulter geschaut.

Zwischendurch habe ich mich manchmal auch einfach mal ins Aufenthaltszimmer zu den Patienten gesetzt, um mich mit ihnen zu unterhalten, sie besser kennenzulernen, Mut zu machen und die Arbeit eines Genesungsbegleiters vorzustellen.

Wenn ich gerade Leerlauf hatte, was leider öfters vorkam, habe ich mir gerne die Fachbücher und diverse Unterlagen geschnappt, um mehr über die verschiedenen Möglichkeiten der Depressionsbehandlung zu lernen.

Wie ich habe ich mich während des Praktikums gefühlt?

Die Rolle als Genesungsbegleiterin hat sich für mich vor allem die ersten Wochen über neu und ungewohnt angefühlt. Gleichzeitig war ich im Vorfeld aber auch auf eine positive Weise aufgeregt, hatte viele Ideen für eigene Angebote, die ich gerne mit den Patienten ausprobieren würde und freute mich auf das Praktikum.

Die Mitarbeiter der Station haben mich dann freundlich aufgenommen und in ihre Mitte integriert. Bei Fragen durfte ich mich jederzeit an alle aus dem Team wenden.

An meinem zweiten Tag habe ich mich den Patienten in der Morgenrunde vorgestellt und dabei auch kurz das EX IN-Konzept erklärt. Meinem Eindruck nach dachten die meisten trotzdem, ich würde zur Pflege gehören und haben entsprechend überrascht reagiert, wenn ich mich in unseren Gesprächen als selbst betroffen outete. Nach der Klarstellung kamen dann aber interessierte Nachfragen zum Ablauf der Ausbildung, meinen Krankheitserfahrungen und meiner aktuellen Situation und wir tauschten uns diesbezüglich aus. Das war eine schöne Erfahrung.

Auf das gesamte Praktikum bezogen habe ich insbesondere festgestellt, dass es für mich als Genesungsbegleiterin nicht immer so einfach ist wie gedacht, sozusagen zwischen den Stühlen zu stehen.

Ein anderes wichtiges Thema für mich war das emotionale Abgrenzen. Gerade in den ersten Wochen fiel es mir nach Feierabend noch schwer, zuhause zu entspannen und von den Erlebnissen und Eindrücken im Praktikum bewusst abzuschalten. Stattdessen dachte ich öfters an einzelne Patientengeschichten, die mich besonders bewegt hatten, las Dinge in Fachbüchern nach oder ging bestimmte Gespräche mit meinen Praktikumskollegen bzw. den Patienten im Kopf noch einmal durch. Je länger das Praktikum dauerte, um so besser schaffte ich es aber, nach Feierabend die Arbeit Arbeit sein zu lassen. Dabei half mir der Austausch mit Menschen aus meinem Umfeld, die selbst im psychiatrischen Kontext arbeiten.

Im Laufe der Zeit habe ich trotzdem immer wieder mal gemerkt, dass es bestimmte Themen gibt (Suizidversuche und Beziehungsgewalt z.B.), bei denen es mir schwerer als bei anderen fällt, sie nicht zu nah an mich heranzulassen. Ich habe aber auch durch Beobachtung und Gespräche mit meinen Praktikumskollegen Strategien kennengelernt, damit besser umzugehen und möchte in Zukunft weiter daran arbeiten.

Überhaupt konnte ich allein durch´s Zuhören und Beobachten bei Teambesprechungen und formlosen Gesprächen im Schwesternzimmer viel für mich lernen und mitnehmen, sozusagen hinter die Kulissen schauen. Das war wirklich spannend!

Mein Fazit

Rückblickend habe ich den Eindruck, dass mein Praktikum eher eine Hospitation als ein Selbst aktiv Werden war. Das lag zum Einen sicher an meiner eigenen Unsicherheit darüber, was ich mir als Praktikantin nach erst vier Unterrichtsmodulen schon zutrauen kann und was nicht, zum Anderen auch an äußeren Faktoren.

Mein Praktikumsbetreuer erklärte mir nämlich bereits in unserem ersten Gespräch, dass seiner Erfahrung nach viele EX IN-Praktikanten mit tollen Ideen ins Praktikum gestartet und dann am Ende frustriert gewesen seien, weil sich diese nicht umsetzen ließen. Dies liege daran, dass auf der Depressionsstation im Vergleich zu anderen Stationen der Klinik die Patienten fitter seien  in dem Sinn, dass sie z.B. kaum Unterstützung bei Außenterminen brauchen und sich allein in ihrer freien Zeit beschäftigen können. Das sehe beispielsweise auf der Akutstation anders aus. Andere aus dem Team meinten zu mir, dass die Patienten außerdem oft schon durch ihre recht hohe Anzahl an Therapien ausgelastet seien und deswegen womöglich wenig Interesse an zusätzlichen Angeboten haben. Sicherlich spielen in diesem Zusammenhang auch Antriebslosigkeit und schnelle Erschöpfung als typische Depressionssymptome eine Rolle. Das alles versuchte ich mir vor Augen zu halten, als ich z.B. einmal deprimiert und enttäuscht war, als niemand zu einer Gruppe kam, die ich an diesem Tag anbieten wollte oder mein Angebot zu Einzelgesprächen annahm.

Trotzdem kann ich sagen, dass mir das Praktikum Spaß gemacht hat und lehrreich war. Ich habe z. B. beobachten können, wie unterschiedlich sich eine Depression trotz aller Gemeinsamkeiten auf Symptom-Ebene beim Einzelnen äußern kann und wie individuell die Genesungswege verlaufen. Auch über andere Krankheitsbilder habe ich Neues gelernt, weil fast alle Patienten neben der Depression noch eine oder mehrere andere psychische Erkrankungen hatten.

Einige Momente im Verlauf des Praktikums haben mich auch auf menschlicher Ebene berührt – z.B., als eine Patientin, zu der ich einen guten Draht hatte, mir ein kleines selbstgenähtes Täschchen geschenkt hat, oder mitzuerleben, wie ein schwerst depressiver Mann in den Wochen auf Station allmählich seine Energie und Zuversicht zurückgewinnt.

Außerdem habe ich erkannt, dass Diagnosen für meine Aufgabe als Genesungsbegleiterin eine kleinere Rolle spielen als gedacht. Denn unsere Ängste, Unsicherheiten und Hoffnungen als Betroffene sind doch oftmals ähnlich, auch wenn die Diagnosen vielleicht verschieden sind. Nur weil mein Gegenüber und ich die gleiche Diagnose haben, heißt das eben nicht automatisch, dass wir einen guten Draht zueinander haben oder ich diesen Menschen besser unterstützen kann als jemanden mit anderem, mir persönlich fremden Krankheitsbild.