Eine Instant-Lösung zum Mitnehmen, bitte!

So schnell kann’s gehen: gestern noch ausgeglichen, zuversichtlich und fröhlich, heute ängstlich, angespannt, deprimiert und wütend.

Was war los?
Kurz gesagt: Behördenirrsinn, das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden und durch’s Sozialsystem zu fallen.

Die längere Version:

Die Dame vom Jobcenter, mit der ich vor ein paar Tagen schon mal telefoniert hatte, rief mich heute zurück, um über eine mögliche Terminvorverlegung zu reden. Dabei kamen wir auch auf das Thema Urlaubssemester zu sprechen und damit nahm das Unheil seinen Lauf.

Sie erwähnte in einem Nebensatz, dass ich bei Wiederaufnahme des Studiums nach dem Urlaubssemester keinen weiteren Anspruch auf Leistungen hätte.

Daraufhin erwiderte ich, dass es ja die sogenannte Härtefallregelung für längerfristig erkrankte Studenten gebe, bei denen ohne finanzielle Unterstützung der Studiumsabbruch droht. Und ich auch im Bekanntenkreis jemanden habe, bei der dies genehmigt wurde. Dass ich daran denke, nach dem Urlaubssemester einen Antrag zu stellen, um diese Regelung in Anspruch zu nehmen.

Woraufhin die Dame meinte, diese Regelung gebe es tatsächlich, aber die Bestimmungen dazu seien sehr konkret mit wenig Ermessensspielraum. Heißt, ich müsste alle vorgeschriebene Kriterien erfüllen, um für mein restliches Masterstudium eine Finanzierung vom Jobcenter in Form eines zinslosen Darlehens zu erhalten. Einige der Kriterien erfülle ich definitiv, andere wahrscheinlich nicht.

Und jetzt?

Ich weiß, das neue Semester ist noch ein paar Monate hin. Vorerst bin ich noch krank geschrieben und vom Studium beurlaubt und damit nach Auszug meines Manns auf jeden Fall auch leistungsberechtigt. Und ich habe ja auch noch die Genesungsbegleiter-Ausbildung offen, die ein Herzenswunsch von mir wäre. Plus die Unsicherheit, ob ich mein Studium überhaupt noch abschließen möchte/kräftemäßig kann.

Trotzdem sind meine (finanziellen) Ängste gerade stark und mein Anspannungslevel entsprechend hoch. Ich habe keinen Baföganspruch mehr, möchte nicht noch einen weiteren Studienkredit aufnehmen und schaffe es momentan gesundheitlich nicht, so viel wie früher neben dem Studium zu jobben. Am liebsten hätte ich direkt jetzt und hier eine Lösung für das Problem. Was natürlich nicht realistisch ist.

Einmal tief Durchatmen bitte!

… und der Ausgang der Geschicht‘

… und dann stellte sich heraus, dass meine Therapeutin mich nicht vergessen, sondern wohl einfach überlesen hatte, dass ich eine neue Handynummer habe und sich auf der ausgeschalten alten statt auf der neuen Nummer gemeldet hat. Was ich dann erst zwei Tage später bemerkte, als ich aus einer Ahnung heraus nachschaute. Urgh. Leider waren in der Zwischenzeit schon alle Therapietermine für diese Woche belegt, aber ich kann nächste Woche wieder kommen.

Im Nachhinein ist mir mein letzter Blogeintrag jetzt peinlich. Überreagiert trifft es wohl ziemlich gut. Aber andererseits zeigt er wohl auch, wie tief meine (Verlust-)Ängste leider noch sind. Warum das so ist, darüber schreibe ich vielleicht mal in einem eigenen Post.

Die Leiden der jungen Wartenden

Liebe Frau …,

normalerweise haben wir ja unseren 2 Wochen-Rythmus bei den Therapiestunden. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände (ich zwei Mal krank, Sie terminlich ausgelastet und danach länger im Urlaub) haben wir uns inzwischen rund 7 Wochen nicht mehr gesehen.

Sie meinten bei unserem letzten Telefonat vor ihrem Urlaub, diese Woche würden Sie wieder anfangen zu arbeiten und sich dann bei mir melden zur Terminvereinbarung. Sie sagten mir auch, Sie notieren sich das extra, nachdem ich Ihnen erklärt habe, wie wichtig es mir wäre, nach Ihrem Urlaub nicht noch weitere zwei Wochen auf einen neuen Termin warten zu müssen.

In der Zwischenzeit habe ich eine neue Handynummer und verwende die alte nicht mehr. Deswegen habe ich Ihnen an Ihrem ersten Tag zurück eine SMS geschrieben, damit Sie die neue Nummer abspeichern können. Aber ehrlich gesagt, ich habe auch geschrieben, um mich indirekt in Erinnerung zu rufen bzw. unsere Abmachung. Denn ich weiss, Sie sind manchmal etwas vergesslich und verpeilt 😉

Ich würde so gerne schnellstmöglich wieder mit Ihnen reden. Meine anstrengenden Gedanken und Gefühle mit Ihnen reflektieren, bestimmte Symptome einordnen, die mich verunsichern, mir von Ihnen Mut machen lassen. Dinge besprechen, über die ich mit anderen Menschen ungern reden mag und auch mit Ihnen lachen und ein bisschen Smalltalk machen.

Die letzten zwei Wochen waren von verstärkter Symptomatik geprägt. Momentan habe ich Angst, abzurutschen in eine neue depressive Episode oder vielleicht schon drin zu stecken in der Anfangsphase. Da sind/waren vermehrt Entfremdungserleben, Gereiztheit, Erschöpfung, selbstabwertende und lebensmüde Gedanken, Angst und Panik, das Gefühl, innerlich zu erstarren bzw. einzufrieren.

Als ich zu einem regulären Termin in der Ambulanz war, hat die Ärztin dort mir netterweise einen Überbrückungstermin angeboten, als sie mitbekam, dass ich gerade keine gute Phase habe und meine Therapeutin im Urlaub ist. Dieses Angebot hat mich gleich etwas aufgebaut. Leider wurde der Termin dann aber kurzfristig abgesagt und einen neuen, zeitnahen Termin konnten sie mir wegen Auslastung nicht geben.

Dazu kommt, worüber wir schon öfters gesprochen haben: meine Trennungs- bzw. Verlustängste. Rein rational weiß ich, Sie sind nur im Urlaub und nicht für immer verschwunden. Sie werden sich irgendwann in den nächsten Tagen bei mir melden; das haben Sie bisher immer. Ich kann mich auf Sie verlassen.

Aber emotional, da schaut es leider anders aus. Da fühle ich mich im Stich gelassen, weil wir uns jetzt länger nicht mehr gesehen haben und Sie mich bisher noch nicht wie besprochen angeschrieben oder auf meine SMS reagiert haben.

Mein inneres Kind ist traurig und wütend. Es fühlt sich allein gelassen, ist neidisch auf Ihre anderen Patienten, die Sie vor dem Urlaub anders als ich noch gesehen haben oder die jetzt vielleicht schon einen neuen Termin haben.

„Kindisch“ – „Übertrieben“ – „Bist du etwa von deiner Therapeutin abhängig?“ -„Schwach“ -„Früher bist du auch jahrelang ohne Therapeuten klar gekommen!“ – „Egoistisch, egozentrisch“ – „Gönnst du ihr den Urlaub nicht oder anderen Patienten einen Termin?“, kommentiert mein innerer Kritiker.

Selbstmitgefühl, das würden Sie sich sicher gerade von mir für mich wünschen – statt Selbstabwertung, die alles nur noch verschlimmert. Und Verständnis für meine Gefühle. Dass ich meinen inneren Kritiker zu entmachten versuche. Hach ja.

Mit Selbstliebe und Co. habe ich es nicht so, aber ich will versuchen, zumindest dieses mich selbst Fertig Machen zu lassen. Weil ich weiß, dass es alte Gefühle und Gedanken sind, die sich da momentan in den Vordergrund drängen – und dass die Realität eine andere ist. Nämlich die, dass Sie mich nicht vergessen haben, ich Ihnen auch nicht egal bin und dass sich ganz sicher irgendwann in den nächsten Tagen melden werden. Und falls nicht, dass Sie dann einen guten Grund dafür haben (z.B. Krankheit oder persönliche Probleme). Darauf will ich vertrauen.

In der Hoffnung, dass wir uns ganz bald wieder sehen,

Nelia

(Diesen Text habe ich nicht abgeschickt.)