Unterwegs in fremden Therapie-Gewässern / Frage an euch

Seit einiger Zeit bin ich hier in fremden Therapie-Gewässern unterwegs, d.h. in denen der DBT.

Hintergrund ist, dass ich vor allem im Rahmen der Trichotillomanie manchmal Probleme mit der Impulskontrolle habe und – auch davon abgesehen – mit der Regulation bestimmter Gefühle. Diese Emotionen ängstigen oder verunsichern mich so, dass ich auf die Zwänge oder die Trichotillomanie zurückgreife, um sie zu unterdrücken bzw. irgendwie zu kanalisieren. Oder es treten Derealisation/Depersonalisierung auf. Versuche ich, die Zwänge oder das Haare Ziehen zu unterlassen und stattdessen meine Gefühle zuzulassen und anzunehmen, kommt es mir dann oft so vor, als würde ich in meinen Gefühlen ertrinken. Quasi nicht ich habe das Gefühl, sondern das Gefühl hat mich. Was dann wiederum Angst und Hilflosigkeitsempfinden auslöst …

Darum arbeite ich mit meiner Co-Therapeutin gerade am Emotionen Regulieren, wozu sie gern auf Übungen, Arbeitsblätter usw. aus der DBT zurückgreift.

Meine Frage/Bitte an die DBT-Erfahrenen unter euch wäre:

Habt ihr vielleicht Buchempfehlungen, Auszüge aus euren Therapieunterlagen etc. oder Übungs-Tipps für mich? Darüber würde ich mich sehr freuen (es eilt auch nicht!) 😊

Zu Achtsamkeit und Skills fühle ich mich schon gut informiert. Spannend für mich wären vor allem der Umgang mit Gefühlen und Stress sowie das Thema Selbstwert …

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Muster erkennen

Inzwischen haben wir in der Therapie einen Punkt erreicht, in dem ich immer mehr Muster (von allein) erkenne.

Ein Beispiel: Während mir in der ersten Therapiephase, geschweige denn in den Jahren davor, oft unklar blieb, warum es mir zu bestimmten Zeiten schlecht ging, zu anderen aber gut, kann ich heute viel besser als früher mögliche Auslöser und Stressoren erkennen.

Jahrelang war ich der Meinung, es gäbe keine trifftigen Gründe dafür, dass ich unter Depressionen, Zwängen und Co. litt außer eben der familiären Veranlagung.

Meine Kindheit war schön, meine Jugend teilweise nicht einfach, aber im Großen und Ganzen auch gut. Ich lebe nicht im Krieg, ich bin nicht von Armut oder gefährlichen Krankheiten bedroht und mir ist zum Glück auch nichts Traumatisches zugestoßen. Also kein Grund für Depressionen etc.!

Heute sehe ich das anders. Inzwischen kann ich (an-)erkennen, dass Dinge, die ich jahrelang für normal gehalten habe, es eben doch nicht sind. Dafür brauchte ich Menschen mit der Perspektive eines Außenstehenden, die mir halfen, Vertrautes aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Ja, da war manchmal dieser unerklärliche innere Schmerz, aber woher der kam? Schulterzucken. Und Weitermachen. Das ging auch eine ganze Zeit gut, nur irgendwann eben nicht mehr und es kam zur ersten schweren depressiven Episode und einer deutlichen Verschlechterung der Zwangserkrankung. Doch damals war mir das alles noch nicht klar. Und so hatte ich das Gefühl, eben grundlos krank geworden zu sein. Fragte man mich in der Klinik oder später in der begonnenen ambulanten Therapie nach möglichen Auslösern für meine Erkrankungen jenseits genetischer/biologischer Faktoren, wurde ich je nach Stimmungslage entweder gereizt, insgeheim wütend und/oder reagierte mit Schuldgefühlen: „Ich habe kein Recht, depressiv zu sein!“ Ich verstand diese Fragen oft automatisch als Vorwurf, obwohl sie so natürlich nicht gemeint waren.

Was wollten die auch immer alle mit diesen Fragen, da war doch nichts! Schlechte Kindheitserfahrungen oder Ähnliches und deshalb psychisch krank? Tss, voll das Klischee! Nicht bei mir!

Es wird wohl deutlich, meine Haltung zu diesen Fragen war eine ziemlich abwehrende, negative, teilweise wohl auch überhebliche. Warum, kann ich nur vermuten. Aber ich denke, das spielt auch gar keine so große Rolle.

Wichtiger ist, dass ich es jetzt, mehrere Jahre nach Erhalten der Diagnosen und knapp zwei Jahre nach Therapiebeginn, schaffe, genauer hinzusehen. Damit möchte ich auf keinen Fall ausdrücken, dass meine Kindheit und Jugend in Wahrheit eine völlige Katastrophe gewesen wären und ich das immer nur ausgeblendet hätte, oder meinen Eltern pauschal „die Schuld“ geben, dass ich krank geworden bin, oder oder oder …! Ich liebe meine Familie und kann auf viele schöne Momente und glückliche Erinnerungen mit ihnen zurückblicken.

Was ich sagen möchte, ist einfach, dass ich es inzwischen schaffe, zu sehen, was ich länger nicht gesehen habe. Ich erkenne Muster, Verstrickungen, Zusammenhänge zwischen meiner Symptomatik und bestimmten Kindheits-, Jugend- und späteren Lebenserfahrungen. Lerne mich selbst immer besser zu verstehen, die Art, wie ich ticke und warum das so ist. Ich beginne zu hinterfragen, was wirklich zu mir gehört und was zum Beispiel die Lebensthemen meiner Eltern sind, aber nicht meine, was mir wichtig ist und was ich nur glaube, tun zu müssen, um Familie, Partner, Freunde oder Therapiepersonen nicht zu enttäuschen. Ich merke auch, dass ich es jetzt schneller und besser schaffe als früher, mich aus Tiefs selbst wieder herauszumanövrieren, mit weniger Unterstützung von außen als noch vor ein paar Monaten. Dass die Depression an Intensität verloren hat und mich weniger oft mit ihrer entzückenden Gegenwart beehrt als noch vor sieben Jahren. Inzwischen kann ich sogar öfters aufrichtig daran glauben, dass ich irgendwann wieder gesund werden könnte …

Dieser Prozess ist so vieles zugleich: erhellend – ermutigend – mordsanstrengend – schmerzhaft, kurz: emotional aufs Höchste aufgeladen. Er gibt mir Hoffnungen für die Zukunft, macht aber auch manchmal Schuldgefühle, holt alte Verletzungen wieder hoch aus den Tiefen, in denen sie schlummerten, lässt mich hinterfragen, wer und wie ich bin und wer ich sein will. Das Neue macht Angst und gleichzeitig Mut.

Ich wachse …

9 Jahre

Letztens beim Blättern in Unterlagen stieß ich auf das Datum … Heute sind es auf den Tag genau 9 Jahre, seit ich die Diagnosen Depression und Zwangsstörung bekam. Zeit, zurückzublicken und melancholisch zu werden, denkt sich etwas in mir wohl gerade dabei.

Also gut, Rückblick: Ich hatte gerade ein gutes Abi gemacht, war glücklich vergeben und zu Beginn meines Wunschstudiums von Zuhause ausgezogen. In meiner Unistadt hatte ich eine gemütliche eigene Studentenwohnung und auch die Finanzierung des Studiums stand auf sicheren Beinen. Ich vermisste meine Freunde und meine Familie, die ich in Folge des Umzugs nur noch selten sah, stand aber weiter via Handy und Co. mit ihnen in Kontakt. Augenscheinlich also nicht der geringste Grund, depressiv zu werden, oder?

Das dachte ich damals und jahrelang danach ehrlich gesagt auch noch. Bis vor kurzem sogar. Heute sehe ich das anders.

Zu diesem Zeitpunkt schleppte ich bereits mehrere Jahre die bis dato nicht diagnostizierte Zwangserkrankung mit mir herum, die sich schleichend verschlechterte. Etwas später dann auch die Trichotillomanie und Anzeichen einer Angsterkrankung. Daneben gab es diverse unverarbeitete Altlasten. Im Nachhinein wundert es mich, dass der große Knall nicht eher kam. (Wobei ich natürlich froh und dankbar darüber bin, die Schulzeit und den Schulabschluss ohne größere Probleme überstanden zu haben!)

 

Liebes damaliges Ich,

ich weiß, du kannst es dir gerade nicht vorstellen, denn du bist in einer schweren Depression gefangen, die dir vorübergehend die Fähigkeit raubt, dir eine positive Zukunft für dich vorzustellen. Aber du wirst das alles hier überstehen: das quälende Gefühl der Gefühllosigkeit und die Antriebslosigkeit, die Angst davor, den Verstand zu verlieren und die schrecklichen Selbstzweifel, die Scham und die Schuldgefühle wegen deiner Zwangsgedanken. Du bist nicht wertlos, nicht an sich schlecht oder falsch, so wie die Depression es dir einreden will!

In den folgenden Jahren wirst du noch einige harte Kämpfe ausfechten: Du wirst durch mehrere mal mehr, mal weniger schwer ausgeprägte depressive Episoden waten, mit der Angst und den Zwängen kämpfen.

Aber du wirst nicht aufgeben, auch wenn dir das an den Tiefpunkten verführerisch erscheint. Du bist eine Kämpferin und stärker, als du glaubst! Auf deinem Weg raus aus deinem inneren Schattenlabyrinth werden dich viele Menschen begleiten: Freunde, Familie, Partner, aber auch profesionelle Helfer und Menschen, die du nur online kennst. Sie werden dich auf verschiedene Weise unterstützen und dir immer wieder Kraft geben. Was ich damit sagen möchte: Du bist nicht allein, auch wenn du dich manchmal so verloren und isoliert fühlst! Und ja, deine Lieblingsmenschen mögen dich wirklich, obwohl du dir das in den Tiefen der Depression nicht vorstellen kannst und insgeheim Angst davor hast, dass sie dich alle irgendwann verlassen werden, weil du unzureichend bist.

Heute, neun Jahre später, bist du nicht geheilt. Du nimmst weiterhin ein Antidepressivum, manchmal auch Bedarfsmedikation. Du warst in stationärer und tagesklinischer Behandlung. Das war beides so ganz anders, als du angenommen hattest: Es hatte nichts von „Einer flog übers Kuckucksnest“, sondern war größenteils wirklich hilfreich. Jetzt gehst du auch zur Therapie und lernst, dich immer mehr zu öffnen und über Themen zu sprechen, die du länger verdrängt hast oder über die es dir schwer fällt zu reden.

„Hah, und das soll mir jetzt Mut machen?,“ denkst du. „Ich will richtig gesund werden!“

Ich weiß, du denkst gerne in Schwarz-Weiß-Gegensätzen und Absolutheit. „Entweder gesund oder krank, geheilt oder nicht, Gewinnen oder Scheitern. Und am besten noch alles alleine schaffen, ohne Hilfe von außen!,“ ist deine Devise.

Erlaube mir, dir jetzt schon ein Geheimnis zu verraten, hinter das du erst in ein paar Jahren kommen wirst: Das Leben kann schön sein und ist wertvoll, auch wenn du (noch?) nicht gesund bist.

Jetzt, im Hier und Heute, bist du weiterhin am Leben und hast sehr viel gelernt, über dich und vielleicht auch das Leben an sich (so pathetisch und kitschig sich das auch anhört). Du kommst immer besser mit deinen Erkrankungen zurecht und hast nicht mehr die gleiche, riesige Angst wie früher vor einer erneuten depressiven Episode, weil du inzwischen einige Wege kennst, wie du dir im Fall der Fälle selbst besser helfen kannst. Du hast deine Familie und deine Freunde, bist verheiratet und hast deinen ersten Uniabschluss geschafft, einen Nebenjob, der dir Spaß macht und dir viel gibt, und du hast viele Interessen und deine Hobbys. Für die Zukunft hast du einige Träume und eine Liste mit Dingen, die du gerne erleben würdest ...

Ich weiß, du kannst es dir momentan nicht vorstellen, aber dein Kampf lohnt sich. Ich danke dir, dass du durchgehalten und nicht aufgegeben hast, denn sonst wäre ich heute nicht hier.

 

(* Inspiriert zu dem Brief hat mich ein Text aus dem grandiosen, bewegenden Buch „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ von Matt Haig, in dem Haig sein heutiges zu seinem damaligen depressiven Ich sprechen lässt).