Muster erkennen

Inzwischen haben wir in der Therapie einen Punkt erreicht, in dem ich immer mehr Muster (von allein) erkenne.

Ein Beispiel: Während mir in der ersten Therapiephase, geschweige denn in den Jahren davor, oft unklar blieb, warum es mir zu bestimmten Zeiten schlecht ging, zu anderen aber gut, kann ich heute viel besser als früher mögliche Auslöser und Stressoren erkennen.

Jahrelang war ich der Meinung, es gäbe keine trifftigen Gründe dafür, dass ich unter Depressionen, Zwängen und Co. litt außer eben der familiären Veranlagung.

Meine Kindheit war schön, meine Jugend teilweise etwas schwierig , aber im Großen und Ganzen auch ganz gut. Ich lebe nicht in einem Kriegsgebiet, bin nicht von Armut oder gefährlichen Krankheiten bedroht und mir ist zum Glück auch nichts Traumatisches zugestoßen. Also kein Grund für Depressionen etc.!

Heute sehe ich das anders. Inzwischen kann ich (an-)erkennen, dass Dinge, die ich jahrelang für normal gehalten habe, es eben doch nicht sind. Dafür brauchte ich Menschen mit der Perspektive eines Außenstehenden, die mir halfen, Vertrautes aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Ja, da war manchmal dieser unerklärliche innere Schmerz, aber woher der kam? Schulterzucken. Und weitermachen. Das ging auch eine ganze Zeit gut, nur irgendwann eben nicht mehr und es kam zur ersten schweren depressiven Episode und einer deutlichen Verschlechterung der Zwangserkrankung. Doch damals war mir das alles noch nicht klar. Und so hatte ich das Gefühl, eben grundlos krank geworden zu sein. Fragte man mich in der Klinik oder später in der begonnenen ambulanten Therapie nach möglichen Auslösern für meine Erkrankungen jenseits genetischer/biologischer Faktoren, wurde ich je nach Stimmungslage entweder gereizt, insgeheim wütend und/oder reagierte mit Schuldgefühlen: „Ich habe kein Recht, depressiv zu sein!“ Ich verstand diese Fragen oft automatisch als Vorwurf, obwohl sie so natürlich nicht gemeint waen

Was wollten die auch immer alle mit diesen Fragen, da war doch nichts! Schlechte Kindheitserfahrungen oder Ähnliches und deshalb psychisch krank? Tss, voll das Klischee! Nicht bei mir!

Es wird wohl deutlich, meine Haltung zu diesen Fragen war eine ziemlich abwehrende, negative, teilweise wohl auch überhebliche. Warum, kann ich nur vermuten. Aber ich denke, das spielt auch gar keine so große Rolle. Wichtiger ist, dass ich es jetzt, mehrere Jahre nach Erhalten der Diagnosen und knapp zwei Jahre nach Therapiebeginn, schaffe, genauer hinzusehen. Damit möchte ich auf keinen Fall ausdrücken, dass meine Kindheit und Jugendzeit in Wahrheit eine völlige Katastrophe gewesen wären und ich das immer nur ausgeblendet hätte, oder meinen Eltern pauschal „die Schuld“ geben, dass ich krank geworden bin, oder oder oder …! Ich liebe meine Familie. Was ich sagen möchte, ist einfach, dass ich es inzwischen schaffe, zu sehen, was ich länger nicht gesehen habe. Ich erkenne Muster, Verstrickungen, Zusammenhänge zwischen meiner Symptomatik und bestimmten Kindheits-, Jugend- und späteren Lebenserfahrungen. Lerne mich selbst immer besser zu verstehen, die Art, wie ich ticke und warum das so ist. Ich beginne zu hinterfragen, was wirklich zu mir gehört und was zum Beispiel die Lebensthemen meiner Eltern sind, aber nicht meine, was mir wichtig ist und was ich nur glaube, tun zu müssen, um Familie, Partner, Freunde oder Therapiepersonen nicht zu enttäuschen. Ich merke auch, dass ich es jetzt schneller und besser schaffe als früher, mich aus Tiefs selbst wieder herauszumanövrieren, mit weniger Unterstützung von außen als noch vor ein paar Monaten. Inzwischen kann ich sogar öfters aufrichtig daran glauben, dass ich irgendwann wieder gesund werden könnte …

Dieser Prozess ist so vieles zugleich: erhellend – ermutigend – mordsanstrengend – schmerzhaft, kurz: emotional aufs Höchste aufgeladen. Er gibt mir Hoffnungen für die Zukunft, macht aber auch manchmal Schuldgefühle, holt alte Verletzungen wieder hoch aus den Tiefen, in denen sie schlummerten, lässt mich hinterfragen, wer und wie ich bin und wer ich sein will. Das Neue macht Angst und gleichzeitig Mut.

Ich wachse …

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9 Jahre

Letztens beim Blättern in Unterlagen stieß ich auf das Datum … Heute sind es auf den Tag genau 9 Jahre, seit ich die Diagnosen Depression und Zwangsstörung bekam. Zeit, zurückzublicken und melancholisch zu werden, denkt sich etwas in mir wohl gerade dabei.

Also gut, Rückblick: Ich hatte gerade ein gutes Abi gemacht, war glücklich vergeben und zu Beginn meines Wunschstudiums von Zuhause ausgezogen. In meiner Unistadt hatte ich eine gemütliche, eigene Studentenwohnung und auch die Finanzierung des Studiums stand auf sicheren Beinen. Ich vermisste meine Freunde und meine Familie, die ich in Folge des Umzugs nur noch selten sah, stand aber weiter via Handy und Co. mit ihnen in Kontakt. Augenscheinlich also nicht der geringste Grund, depressiv zu werden, oder?

Das dachte ich damals und jahrelang danach ehrlich gesagt auch noch. Bis vor kurzem sogar. Heute sehe ich das anders.

Zu diesem Zeitpunkt schleppte ich bereits sechs Jahre die bis dato nicht diagnostizierte Zwangserkrankung mit mir herum, die sich schleichend verschlechterte, etwas später dann auch die Trichotillomanie und Anzeichen einer Angsterkrankung. Daneben gab es diverse unverarbeitete Altlasten. Im Nachhinein wundert es mich, dass der große Knall nicht eher kam. (Wobei ich natürlich froh und dankbar darüber bin, die Schulzeit und den Schulabschluss ohne größere Probleme überstanden zu haben!)

 

Liebes damaliges Ich,

ich weiß, du kannst es dir gerade nicht vorstellen, denn du bist in einer schweren Depression gefangen, die dir vorübergehend die Fähigkeit raubt, dir eine positive Zukunft für dich vorzustellen. Aber du wirst das alles hier überstehen: das quälende Gefühl der Gefühllosigkeit und die Antriebslosigkeit, die Angst davor, den Verstand zu verlieren und die schrecklichen Selbstzweifel, die Scham und die Schuldgefühle wegen deiner Zwangsgedanken. Du bist nicht wertlos, nicht an sich schlecht oder falsch, so wie die Depression es dir einreden will.

In den folgenden Jahren wirst du noch einige harte Kämpfe ausfechten: Du wirst durch mehrere mal mehr, mal weniger schwer ausgeprägte depressive Episoden waten, mit der Angst und den Zwängen kämpfen.

Aber du wirst nicht aufgeben, auch wenn dir das an den Tiefpunkten verführerisch erscheint. Du bist eine Kämpferin und stärker, als du glaubst! Auf deinem Weg raus aus deinem inneren Schattenlabyrinth werden dich viele Menschen begleiten: Freunde, Familie, Partner, aber auch profesionelle Helfer und Menschen, die du nur online kennst. Sie werden dich auf verschiedene Weise unterstützen und dir immer wieder Kraft geben. Was ich damit sagen möchte: Du bist nicht allein, auch wenn du dich manchmal so verloren und isoliert fühlst! Und ja, deine Lieblingsmenschen mögen dich wirklich, obwohl du dir das in den Tiefen der Depression nicht vorstellen kannst und insgeheim Angst davor hast, dass sie dich alle irgendwann verlassen werden, weil du unzureichend bist.

Heute, neun Jahre später, bist du nicht geheilt. Du nimmst weiterhin ein Antidepressivum, manchmal auch Bedarfsmedikation. Du warst in stationärer und tagesklinischer Behandlung. Das war beides so ganz anders, als du angenommen hattest: Es hatte nichts von „Einer flog übers Kuckucksnest“, sondern war größenteils wirklich hilfreich. Jetzt gehst du auch zur Therapie und lernst, dich immer mehr zu öffnen und über Themen zu sprechen, die du länger verdrängt hast oder über die es dir schwer fällt zu reden.

„Hah, und das soll mir jetzt Mut machen?,“ denkst du. „Ich will richtig gesund werden!“

Ich weiß, du denkst gerne in Schwarz-Weiß-Gegensätzen und Absolutheit. „Entweder gesund oder krank, geheilt oder nicht, Gewinnen oder Scheitern. Und am besten noch alles alleine schaffen, ohne Hilfe von außen!“ ist deine Devise.

Erlaube mir, dir jetzt schon ein Geheimnis zu verraten, hinter das du erst in ein paar Jahren kommen wirst: Das Leben kann schön sein und ist wertvoll, auch wenn du (noch?) nicht gesund bist.

Jetzt, im Hier und Heute, bist du weiterhin am Leben und hast sehr viel gelernt, über dich und vielleicht auch das Leben an sich (so pathetisch und kitschig sich das auch anhört). Du kommst immer besser mit deinen Erkrankungen zurecht und hast nicht mehr die gleiche, riesige Angst wie früher vor einer erneuten depressiven Episode, weil du inzwischen einige Wege kennst, wie du dir im Fall der Fälle selbst besser helfen kannst. Du hast deine Familie und deine Freunde, bist verheiratet und hast deinen ersten Uniabschluss geschafft, einen Nebenjob, der dir Spaß macht und dir viel gibt, und du hast viele Interessen. Für die Zukunft hast du einige Träume und eine Liste mit Dingen, die du gerne erleben würdest ...

Ich weiß, du kannst es dir momentan nicht vorstellen, aber dein Kampf lohnt sich. Ich danke dir, dass du durchgehalten und nicht aufgegeben hast, denn sonst wäre ich heute nicht hier.

 

(* Inspiriert zu dem Brief hat mich ein Text aus dem grandiosen, bewegenden Buch „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ von Matt Haig, in dem Haig sein heutiges zu seinem damaligen depressiven Ich sprechen lässt).

So viel zum Thema Trichotillomanie

So viel zum Vorsatz, der Trichotillomanie den Kampf anzusagen: Zwei reißfreie Tage habe ich geschafft, dann kam der erste Rückfall. Läuft.

(*Im Folgenden beschreibe ich den Ablauf des Ganzen und meine Gefühle dabei. Ich bin mir unsicher, ob es für den ein oder anderen triggernd sein könnte, daher an dieser Stelle der Hinweis.)

Gestern hatte ich die Pinzette noch außer Sichtweite geräumt. Damit war ich einem Ratgeber-Tipp gefolgt, den ich sehr sinnvoll finde: mögliche Trigger zu entfernen. Denn der Anblick der Pinzette im Badezimmer hat mich in der Vergangenheit schon öfters zu dummen Aktionen verleitet. Leider kann ich einen anderen Trigger weniger gut vor mir verbergen: Nämlich mich selbst bzw. der Anblick meiner Haare. Als mein Blick beim Abtrocknen nach dem Baden umherwanderte, tauchte der Drang zum Reißen auf.

Du könntest doch eben … Nur dieses eine Haar da, da sieht komisch aus und fühlt sich auch komisch an.

Nein, besser nicht! Du kennst das doch. Es war schon so oft so, dass du nur ein Haar ziehen wolltest und nachher wurden es wieder zig. Fang gar nicht erst damit an, denk an deine Neujahrsvorsätze!

Ach komm, nur eins … Der Druck gerade ist nicht so hoch, da passiert nichts. Du hast das im Griff.

Und schon fand ich mich am Kleiderschrank wieder, in dem ich die Pinzette versteckt hatte und im nächsten Moment schon wie in Trance auf dem Badewannenrand sitzend. Ich riss das „komische“Haar heraus und fühlte mich bald darauf befreit und erleichtert.

So, jetzt solltest du das Ding aber weglegen!

Guck mal, die Haare da stören aber auch. Die könntest du auch noch eben rausziehen und dann aufhören.

Aus „auch noch eben“ wurden dann ungefähr 20 Minuten Haare Rausreißen (zeitlich bei mir ein mittlerer Wert, es gab schon kürzere und längere Episoden). Dabei kam mir der Umstand zur Hilfe, dass mein Mann außer Haus war. Die Gegenwart anderer hält mich nämlich manchmal ab, jedoch leider nicht immer. Das Reißen tut weh? Egal. Die Haut ist nachher gerötet oder ich muss sie aufkratzen oder tiefer bohren, um ans Ziel zu kommen und es blutet dabei? Egal. Erst am Ende meiner haarigen Eskapaden, wenn dieser starke innere Drang abgeklungen ist, fange ich wirklich an zu realisieren, was ich da getan habe und fühle hauptsächlich Scham, Schuldgefühle und je nach Stimmungslage auch Wut auf mich.

Wütend bin ich nun allerdings nicht, eher enttäuscht von mir. Heute morgen noch stolz im Kalender die zwei geschafften Tage eingetragen und wenige Stunden später dann das.

Meine Therapeutin riet mir für Situationen mit Reißdruck oft, aus der jeweiligen Situation zu gehen, am besten eine Runde rauszugehen. Diesem Rat stehe ich aber kritisch gegenüber: Ich will nicht jedes Mal die Situation verlassen und kann es auch nicht immer (z.B. spät abends). Meine Therapeutin in der Tagesklinik erklärte dagegen, ich solle bei der Trichotillomanie ähnlich wie bei den Zwängen vorgehen, d.h. lernen, den inneren Druck und die Anspannung auszuhalten, die auftreten, wenn ich nicht zupfe, ohne dabei auf Ablenkungen zurückzugreifen Das würde ich gerne, schaffe es aber momentan noch nicht. Mein Arzt erwähnte mal ein Neuroleptikum als medikamentöse Option, wenn ich das Problem anders nicht in den Griff bekomme. Aber diese Möglichkeit habe ich relativ schnell von meiner Liste gestrichen, denn meine Meinung zu Neuroleptika ist: Ja, wenn nötig und eindeutig indiziert, ansonsten nein, danke. Und soweit ich weiß, besteht da bei Trichotillomanie keine Indikation (wer mehr oder Anderes dazu weiß, darf gerne anmerken oder verbessern! ☺).

Was also jetzt tun?

Ich habe mir vorgenommen, erst einmal eine zeitlang Protokoll zu führen, ähnlich wie ich es aus der Therapie gegen die Zwänge kenne. Also aufzuschreiben, wann der Druck zum Reißen auftaucht (Situation), was mögliche innere und äußere Auslöser dafür gewesen sind (Gedanken, Gefühle …), wie hoch die Intensität des Gefühls ist und wie lange es anhält. Den Versuch dazu hatte ich vor ein paar Monaten schon mal gestartet, es dann aber nach kurzem wieder sein lassen. Jetzt noch mal also mit etwas mehr Disziplin, bitte, danke. Das wird mir hoffentlich helfen, Muster besser zu erkennen.

Der nächste Schritt wäre dann zu überlegen, was ich konkret in den jeweiligen Momenten tun kann anstatt zu reißen. In Ratgebern habe ich den Hinweis gefunden, Skills zu verwenden, die mit den Händen zu tun haben bzw. diese beschäftigen, um das Ausreißen quasi auf gleicher Ebene zu ersetzen. Kneten hilft mir zum Beispiel manchmal in diesen Momenten oder mit einem Haargummi herumspielen. Meine Therapeutin schlug noch Handarbeit vor, aber das liegt mir leider so gar nicht. Ein anderer Tipp, den ich gelesen habe: sich auf die Hände setzen oder Handschuhe anziehen (Wobei, Letzteres wäre mir irgendwie peinlich, auch wenn ich allein wäre und es somit niemand sieht …). Noch mehr motorische Skills? Gibt es bestimmt, fallen mir gerade nur nicht ein. Wenn ihr noch Ideen oder Erfahrungswerte habt, freue ich mich über Kommentare!

Ich starte also in Versuch Nummer zwei …