Expo die 1.

Meine Co-Therapeutin hat heute mein Zimmer verwüstet. Und das nicht, weil sie wütend auf mich wäre oder schon immer mal Innendesignerin werden wollte 😉

Das Ganze ist eine Expositionsübung. Es ist jetzt meine Aufgabe/Herausforderung, diese Unordnung mindestens 24 h auszuhalten ohne etwas daran zu verändern. Während ich zuhause oder eben hier in meinem Zimmer je nach Anspannungsgrad mehrmals am Tag Dinge zurechtrücke bzw. in Symmetrie bringe, will ich das nun unterlassen und die Gefühle, die dadurch aufkommen, bewusst durchleben und akzeptieren.

Welche Gefühle das sind? Ich spüre Unruhe, Widerwillen, mich einem fremden (Un-)Ordnungssystem zu fügen und etwas Orientierungslosigkeit. Das Starre, Strukturierte fehlt mir …

Advertisements

Über’s vermeintliche Ertrinken

Inzwischen hatte ich zum ersten Mal Zwangs-Therapiegruppe. Ich freute mich darauf und war gespannt, ob ich viel Neues dazu lernen oder vor allem auf schon Bekanntes treffen würde. Im Nachhinein: Es war eine gute Mischung. Die „Basics“ kannte ich schon durch meine erste stationäre Behandlung, aber es waren auch einige spannende neue Ansätze dabei und Erkenntnisse, die sich aus der Diskussion und dem Erfahrungsaustausch mit meinen Mitpatienten ergaben.

Irgendwann kam dann aber der Wendepunkt im Laufe der Therapiestunde, an dem meine Stimmung von „alles im Lot“ ins Gegenteil kippte. Genauer gesagt dann, als der Therapeut spontan eine kleine Übung mit uns machen wollte, die um’s magische Denken kreiste und dazu gedacht war zu verdeutlichen, dass auch gesunde Menschen manchmal Verhaltensweisen und Unbehagen bei diesem Thema haben.

Für mich stellte das Ganze allerdings eine unerwartete Konfrontationsübung dar, da es zufällig um einen meiner quälensten Zwangsgedanken ging. Kurz nachdem der Therapeut die Übung erklärt hat, spürte ich Angst in mir aufkommen und immer mächtiger werden. Ziemlich schnell sagte ich, dass ich die Aufgabe nicht mitmachen würde – und versank im Gefühlssturm in meinem Inneren aus Angst, Scham und Schuldgefühlen. Irgendwann hieß es dann Wasser Marsch.

Na super – jetzt weinst du auch noch vor der Gruppe!

Du bist ein Freak. Keiner der anderen stellt sich so an.

Mein Impuls war, aufzuspringen und den Raum zu verlassen. Aber ich blieb sitzen und hielt tatsächlich bis zum Ende der Stunde durch. Darauf bin ich etwas stolz.

Die nächsten 5, 6 Stunden versuchte ich, mich runterzuregulieren. Was aber nur bedingt klappte. Schreiben mit einer lieben Freundin, Mandalas Ausmalen, mich in die Ruhe meines Zimmers zurückziehen, Imaginationsübungen, für mich analysieren, welche alten Muster hinter diesen heftigen Gefühlen stecken könnten – all diese Dingen halfen, aber eben nur langsam. Meine Gefühle erschienen mir so mächtig, dass ich meinte, darin zu ertrinken. Es fühlte sich an wie totaler Kontrollverlust. Und.ich.hasse.Kontrollverlust.und.Oh-machtsgefühle.

Gerne hätte ich mit meiner Einzeltherapeutin gesprochen, aber sie war an diesem Tag nicht im Haus. Zu einem der anderen Therapeuten oder der Bezugspflege traute ich mich nicht, da ich sie noch nicht so gut kenne (Hallo soziale Ängste …). Ich überlegte, ob ich mir mein Bedarfsmedikament holen sollte, aber auch das setzte etwas voraus, was mir noch schwer fällt: zum medizinischen Stützpunkt gehen und mein Anliegen erklären. Ich hatte Angst, mich vielleicht rechtfertigen zu müssen oder ein „Nein“ zu hören zu bekommen. Außerdem grübelte ich darüber, ob das nicht Vermeidungsverhalten wäre: ein Medikament nehmen und damit die unliebsamen Gefühle wegdrücken, wo ich doch lernen wollte und sollte, sie zuzulassen. Aber andererseits: Wäre es nicht vernünftig, die hohe innere Anspannung mit Hilfe des Medis zu beenden, um mich dadurch regenerieren und neue Kraft tanken zu können? (Grübelte sie mal wieder ohne klares Ergebnis.) Irgendwann schloss ich dann mit mir selbst den Deal, noch ein paar Stunden abzuwarten. Sollten Angst und Co. bis dahin nicht besser sein, wollte ich aller Angst zum Trotz zur MZ marschieren und mir Bedarf holen.

Aber das war gar nicht nötig. Denn irgendwann war sie vorbei, die Emotionswelle. Was am Ende dazu beigetragen hat, kann ich gar nicht so wirklich sagen. Vielleicht konnte es erst besser werden, als ich aufgehört habe, mir selbst Druck zu machen?

Diese schrecklichen Gefühle sollen jetzt sofort aufhören!“

Oder lag es eher daran, dass ich aufgehört habe, zu katastrophisieren?

Ich halte diese Gefühle nicht aus! Es fühlt sich so an, als würde es niemals enden!“

An den verschiedenen Skills?

Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich eine Mischung aus allem … Heute schaffte ich es jedenfalls, meine Scham und mein Leistungsdenken sowie die ewige Vergleicherei zu überwinden.

Du solltest das inzwischen allein ohne Hilfe schaffen! Wenn du deine Therapeutin fragst, bist du schwach oder nervst sie!

Anderen hier geht es schlechter, sie haben viel mehr Recht als du auf Hilfe!

Ergebnis: ein sehr gutes Gespräch mit ihr, das mir geholfen hat, die Situation besser zu verstehen und mir Handlungsmöglichkeiten für ähnliche Situationen in der Zukunft aufzuzeigen. Plus: Nelia führt jetzt eine Woche Anspannungsprotokolle aus und lernt das Skillen 😙

Die ersten Tage

Allen, die Ostern feiern, wünsche ich schöne Feiertage, allen anderen ein paar erholsame freie Tage!

Heute ist mein vierter Kliniktag und da ihr mir so viele gute Wünsche mit auf den Weg gegeben habt, dachte ich, ich revanchiere mich mit einem kleinen Bericht 😉

Der erste Tag verlief ganz ähnlich, wie ich es schon von meinen vorherigen beiden statiönaren Aufenthalten kenne: mit viel Aufregung und Nervosität, einem vollen Plan und zum Glück freundlichen Klinikmitarbeitern und hilfsbereiten Mitpatienten.

Als Erstes lernte ich die für mich zuständige Therapeutin kennen. Sie begrüßte mich gleich sehr nett. Dadurch und durch ihre empathische Art, Fragen zu stellen und Feststellungen zu machen, die ziemlich ins Schwarze trafen, schaffte sie es, dass ich mich schnell angenommen und gut aufgehoben fuhlte. Ich kann mir gut vorstellen, mit ihr im Laufe der Zeit Expositionsübungen zu machen und mich auch an für mich harte andere Themen ranzutrauen. Sie möchte mit mir neben der zwangsspezifischen Therapie auch an die bisherige schematherapeutische Arbeit mit meiner ambulanten Therapeutin anknüpfen. Was ich sehr, sehr gut finde, denn die Schematherapie bringt mir viel. Wir sprachen auch kurz über meine anderen Diagnosen. Sie stellte eine davon in Frage und meinte, eine andere würde meine Probleme ihrer Ansicht nach besser erklären. Damit hatte ich dann erstmal etwas zum Grübeln … Mal schauen, was die Testdiagnostik nächste Woche dazu ergibt. Danach ging es weiter zum EKG und Co. und dann zu den Ärzten.

Die Oberärztin verdeutlichte mir im Aufnahmegespräch, dass Zwänge immer eine Funktion im Leben des Betroffenen erfüllen. So ähnlich hatte das auch davor schon meine Therapeutin erklärt. Es ginge dann darum herauszufinden, was diese Funktion ist und umzulernen. Denn mit den Jahren hätte sich das Zwangsverhalten verselbständigt, sodass man als Zwangserkrankte(r) immer häufiger darauf zurückgreift, um z.B. Stresssituationen zu bewältigen oder unangenehme Gefühle zu verdrängen.

Ich kann mich in diesem Erklärungsansatz sehr wiederfinden (vor einigen Jahren sah das noch ganz anders aus …) und denke, ich werde damit definitiv weiterkommen auf meinem Weg Richtung gesund/gesünder werden. Auch bzw. gerade weil manche Themen, die damit zusammenhängen, mich seit Jahren belasten und ich gerne vermeide, darüber zu sprechen. Die Ärztin schlug auch vor, den Wirkstoffspiegel meines Antidepressivums im Blut zu bestimmen. Das hat in all den Jahren noch nie ein Psychiater vorgeschlagen – was ich beim genauer darüber Nachdenken recht traurig finde. Also keine Überraschung, dass ich den Vorschlag gerne annehme.

Nach der körperlichen Untersuchung bei einer anderen Ärztin zog ich weiter zum Mittagessen und dann zum Kennenlerngespräch mit dem Co-Therapeuten, der ebenfalls einen netten Eindruck machte, und bezog schließlich mein Zimmer. Obwohl ich als Kassenpatientin eigentlich in einem Zweitbettzimmer gelandet wäre, habe ich wegen Zimmermangel das Glück vorerst ein Einzelzimmer zu bekommen. Mit Badewanne sogar, yeah. Nach einer Pause lernte ich dann noch meinen Paten kennen (ein Mitpatient der eigenen Station, der/die schon länger da ist und Neuen alles Wichtige zeigt und erklärt). Ich bekam meinen Therapieplan und fiel am Abend wie ein Stein ins Bett.

Karfreitag war wegen des Feiertags therapiefrei. U.a. durch die fehlende Beschäftigung und Ablenkung, aber auch wegen meiner Aufregung und Anspannung durch die vielen fremden Menschen um mich herum, kämpfe ich im Moment vermehrt mit Angst und Zwangsgedanken. Länger allein zu sein fällt mir noch öfters schwer, denn dann kommen gerne mal Gedanken, Gefühle und Erinnerungen hoch, die ich im Alltag wegschiebe. Also, ihr seht – an Themen für die Therapie mangelt es nicht 🙄

Samstags gibt es hier Therapien, anders als in der Klinik, in der ich damals war. Finde ich persönlich super, denn das Wochenende ist ansonsten doch recht lang für Patienten, die nicht hier aus der Gegend kommen und deswegen nicht jedes WE zum Belastungsurlaub nach Hause fahren können oder Besuch bekommen. Durch die Therapien konnte ich auch die ersten Kontakte zu Mitpatienten knüpfen. Seitdem fühle ich mich deutlich wohler und weniger verloren. Dazu tragen aber auch meine Freunde und meine Familie bei, die mich via WhatsApp und Telefonaten aus der Ferne unterstützen. An die von ihnen, die hier mitlesen: ein großes Danke an euch!

Ich könnte noch mehr schreiben – darüber, wie es sich anfühlt, endlich einmal von so vielen anderen Menschen mit Zwangserkrankung umgeben zu sein und dass ich mich dadurch weniger wie ein Freak fühle als sonst, über das gemeinsame Lachen oder die Schönheit der Natur hier. Darüber, dass ich laut Aufnahmegespräch aktuell keine bzw. wenn, dann nur eine leichte depressive Episode mehr habe und was das für mich bedeutet. Aber das bewahre ich mir besser für später auf und wünsche euch einfach nur noch einen schönen Ostersonntag 😉😊