Scherbensplitter

Ich wünschte, ich könnte es dir irgendwie sichtbar machen, das Chaos in meinen Inneren aus

AngstHoffnungSchuldgefühlenSchamleisewachsendemSelbstbewusstsein

SelbstablehnungGrübelnMutVerzweiflungGlückZuversichtWutaltemSchmerz

LebensfreudeStolzLebensmüdigkeitLiebeTraurigkeitZukunftsträumen

und so vielem mehr, damit du mich besser verstehst.

Ich wünschte, du könntest es fühlen, irgendwie, für einen Augenblick nur nachvollziehen, wie ich mich anstrenge. Denn deine Vorwürfe schneiden wie Scherbensplitter in meine Seele.

Ich wünsche mir so sehr, dass du mich siehst und anerkennst, dass ich kämpfe.

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Scham, Perfektionismus und der Unterschied zwischen Selbstmitleid und Selbstmitgefühl

Ich weiß nicht genau, wie oft ich in diesem Blog schon geschrieben habe, dass man sich nicht dafür schämen sollte, eine psychische Erkrankung zu haben (oder mehrere …). Auf jeden Fall einige Male. Tja, und was tue ich gerade aufgrund meiner aktuellen Situation? Mich schämen. So viel also zum Thema Wasser predigen und Wein trinken …

Ich schäme mich – vor meiner Familie, vor meinem Partner, einigen meiner Freunde, teilweise auch vor meinem Arzt und meiner Therapeutin. Hätte ich ein Haustier, würde ich mich wahrscheinlich auch noch vor ihm schämen *schwarzer Humor Ende*

So kommt es, dass meine Eltern bisher noch nichts von der aktuellen Lage wissen. Meiner besten Freundin habe ich es heute erst erzählt. Dabei wusste ich doch, dass sie mich nicht verurteilen würden.

Warum ich mich trotzdem schäme? Ich schäme mich dafür, mein Leben nicht besser im Griff zu haben, nicht oder mühsamer als andere die Dinge zu schaffen, die ein erwachsener Mensch meines Alters meiner Meinung nach schaffen sollte. Anderen kann ich Fehler, Schwächen oder Einschränkungen viel leichter nachsehen und verzeihen als mir selbst. „Können Sie bitte aufhören, so verdammt streng zu sich selbst zu sein?“, sagte man mir in der Klinik einmal. Das würde ich in manchen Momenten wirklich gern. Und ich weiß, dass ich es auch sollte. Ich bin mir allerdings oft nicht sicher, wie genau ich das bewerkstelligen soll.

Und so arbeite ich gerade daran herauszufinden, wie das geht: mich selbst nicht in so vielen Aspekten meines Lebens so wahnsinnig unter Druck zu setzen. Gelassener zu werden. Zu akzeptieren, dass ich im Studium und im Nebenjob nicht immer Bestleistungen bringen kann und das auch nicht muss, um als Mensch wertvoll zu sein. Dass ich mich nicht immer mit anderen vergleichen sollte. Denn mit diesem Druck treibe ich mich selbst immer wieder in Tiefs und befeuere meine Symptomatik.

Das zu erkennen tat weh und ist mir noch nicht so lange bewusst. Ich brauchte die Perspektive und die Denkanstöße Außenstehender dazu, musste es erst mehrmals von verschiedenen Personen hören. Jetzt habe ich es (hoffentlich …) verstanden und will versuchen, diese Einsicht nicht wieder zu verdrängen, sondern meinem Verhalten und Denken eine neue Richtung zu geben. Es wird nicht einfach werden, so viel ist klar, denn ich trage diese Muster schon lange in mir und dementsprechend tief sind sie verinnerlicht.

Meine Lösungsansätze:  Schritt eins, aufhören, mich zu schämen. Lieber Mitgefühl mit mir selbst haben. Mitgefühl, aber kein Selbstmitleid. Der Unterschied ist wichtig, denn Selbstmitleid verleitet mich dazu, alles beim Alten zu lassen und Ausflüchte und Ausreden zu suchen, Verantwortung abzugeben getreu dem Motto „Ich bin krank und deshalb kann ich x/y/z nicht“, so, wie ich es in den ersten Jahren nach der Depressionsdiagnose leider teilweise gemacht habe. Stattdessen möchte ich die Verantwortung für mich und mein Leben noch mehr übernehmen als bisher. Aber auf eine gesunde Weise.

Suchbegriffe 2

Seit dem ersten Suchbegriff-Post haben sich einige neue Begriffe in der Blogstatistik angesammelt. Also, auf geht´s! 🙂

„Zwangsgedanken“

Zwangsgedanken sind aufdringliche Gedanken/Bilder/Impulse, die Angst, Anspannung oder andere unangenehme Gefühle im Betroffenen wecken und als quälend erlebt werden. Man weiss, dass diese Gedanken zu einem selbst gehören, hat aber das subjektive Empfinden, ihnen ausgeliefert zu sein. Die meisten Menschen mit Zwangsstörung leiden sowohl unter Zwangsgedanken als auch unter Zwangshandlungen.

Es gibt verschiedene Arten von Zwangsgedanken, z.B. aggressive, sexuelle, religiöse … Darüber hatte ich hier schon einmal geschrieben.

Eine passende medikamentöse Einstellung kann (nicht muss) die Häufigkeit und Intensität der Zwangsgedanken meiner Erfahrung nach reduzieren, wird sie aber leider nicht völlig zum Verschwinden bringen.

Hierfür ist eine Therapie bei einem mit der Behandlung von Zwangsstörungen erfahrenem Therapeuten sehr wichtig. Je eher die Behandlung erfolgt, um so besser, da Zwangsstörungen unbehandelt leider zur Chronifizierung neigen. Hilfe können z.B. Expositionsübungen bringen. Man übt, die Gedanken, die einem so Angst machen, auszuhalten, zu Ende zu denken und sie als das anzunehmen, was sie sind: Bloße Gedanken, die nicht bedeuten, dass man ein schlechter Mensch oder gefährlich etc. ist. Etwas zu denken bedeutet nicht, es auch zu tun! Zudem sind Gedanken nicht kontrollierbar – je mehr man sich gegen einen Gedanken wehrt, um so aufdringlicher wird er.

„Aggressive Zwangsgedanken“

Eine Art von Zwangsgedanken, die ich persönlich immer als quälenstes Symptom meiner Zwangserkrankung erlebt habe. Man leidet dabei unter der Angst andere Menschen (das können fremde oder nahe stehende sein) / Lebewesen wie z.B. Haustiere / sich selbst absichtlich oder unabsichtlich zu verletzen. Ein Beispiel dafür wäre der Zwangsgedanke einer Mutter, ihr Baby fallen zu lassen, wenn sie es auf dem Arm hat. Oder der Gedanke eines Mannes, beim Autofahren gegen den eigenen Willen einem Impuls zu folgen und jemand anderen umzufahren.

„Aggressive Zwangsgedanken gefährlich?“

Oh, wie gut ich diese Frage kenne …Endlose quälende Gedankenspiralen darüber, ob man selbst gefährlich, ein Psychopath, böse ist, kennen wohl alle, die von aggressiven Zwangsgedanken betroffen sind. Genau so wie Scham, Angst und Schuldgefühle als begleitende Emotionen. Mein volles Mitgefühl!

Was mir damals geholfen hat waren die Worte meiner Psychiaterin: Menschen, die wirklich vorhätten, anderen etwas Schlimmes anzutun, dächten vorher nicht ängstlich darüber nach, sondern täten es einfach. Zwangserkrankte hätten dagegen meist hohe moralische Standards, die sich der Zwang dann ganz fies zu Nutzen macht, um den Betroffenen in Form von Zwangsgedanken mit Vorstellungen darüber zu quälen, was derjenige am meisten fürchtet: Andere zu verletzen, zu stehlen, etwas zu tun, was gegen den eigenen Glauben verstößt, jemanden sexuell zu belästigen usw. … Je nachdem, um welche Art von Zwangsgedanken (aggressive, moralische/religiöse, sexuelle…) es sich eben handelt.

„Zwängemonster“

Die Metapher vom Zwangsmonster stammt aus dem großartigen Ratgeber „Dem Zwang die rote Karte zeigen“. Er ist eigentlich für Kinder und Jugendliche konzipiert, aber ich kann ihn auch erwachsenen Lesern wegen seiner Anschaulichkeit sehr empfehlen! Ich habe die Metapher vom Zwangsmonster für mich übernommen, da sie mir hilft, das Thema Zwänge auf eine humorvolle Weise anzugehen. Humor nimmt für mich dem Ganzen einen Teil des Schreckens.

„Kreative Zwänge“

Hmm, ich frage mich, was damit gemeint ist . Zwänge, die einen bei kreativen Hobbys wie z.B. Malen und Schreiben einschränken? Oder dass Zwänge einen kreativ machen? Wenn ihr Ideen habt, lasst es mich wissen 😉

„Blog Zwangserkrankungen“

Davon gibt es im deutschsprachigen Raum leider noch nicht so viele;  ich hoffe sehr, das ändert sich mit der Zeit. Ich vermute, dass Scham hier noch eine große Rolle spielt. Wir „Zwängler“ müssen uns für unsere Krankheit aber genau so wenig schämen wie Menschen mit Depressionen, Diabetes oder Krebs. Das man es oft trotzdem tut, ist das Fiese daran.

An dieser Stelle möchte ich euch wärmstens ein paar Mitblogger ans Herz legen, die ebenfalls über ihr Leben mit Zwangsstörung schreiben oder geschrieben haben. Sie zeigen, wie individuell unterschiedlich die Erkrankung und Wege aus ihr heraus verlaufen können:

Wenn ihr weitere Blogs zum Thema kennt oder selbst dazu schreibt – ich bin für Lesetipps immer dankbar!

„Ich leide unter der Zwangsstörung meines Freundes“

Das tut mir sehr leid. Ich kann mir gut vorstellen, dass das Zusammenleben mit einem zwangserkrankten Partner/-in hart sein kann.

Zum Einen, weil man als Außenstehende(r) nur schwer nachvollziehen kann, warum der/die  Partner*in nicht von seinen Zwangshandlungen lassen kann oder so Angst vor seinen eigenen Gedanken hat (Zwangsgedanken). Zum Anderen, weil Angehörige oft mal mehr, mal weniger stark in die Zwangsrituale einbezogen werden können.

Empfehlen würde ich engen Angehörigen wie Partnern einerseits, dass man versucht, sich ein gewisses Grundwissen über die Erkrankung  anzueignen. Zu verstehen, warum es für den Freund/ die Freundin eben nicht so einfach ist, seine Kontroll-, Waschrituale oder andere Zwangshandlungen sein zu lassen, sondern mit wahnsinnig viel Angst verbunden, oder warum „nur Gedanken“ den anderen so quälen und ängstigen, kann schon etwas Anspannung aus der Gesamtsituation nehmen. Wir Zwangserkrankte meinen es in der Regel nicht böse, wir wollen niemanden mit unserem Verhalten provozieren. Wir denken einfach, nicht anders zu können. Das es auch anders geht, müssen wir erst langsam lernen. Dieses Umlernen braucht viel Zeit, Mut, Kraft und Geduld und ist nur sehr schwer in kompletter Eigenregie zu bewältigen. Therapeutische Untertstützung und ggf. auch medikamentöse ist hier oft eine notwendige Voraussetzung.

Zum Anderen liegt die Verantwortung aber auch klar beim Erkrankten: Er/sie muss lernen, seine Angst auszuhalten, ohne auf Zwangshandlungen zurückzugreifen, seine Zwangsgedanken zu ertragen, ohne sich beim Umfeld rückzuversichern. Familie und Freunde sollten nicht in die Zwangsrituale einbezogen werden, denn so gibt man die Verantwortung als Betroffener nur an andere ab und lernt nicht, mit seinen Ängste und Befürchtungen umzugehen!

„Jobwechsel trotz Zwangsstörung“

Warum nicht? Je nachdem, wie stabil du dich fühlst! Lass dir vom Zwang nicht dein Leben wegnehmen.

„Depressionsstation Wochenende“

Ich tippe, hier ist die Wochenendgestaltung während eines Klinikaufenthalts gemeint? Soweit ich weiß, regelt das jede Klinik anders.

In der Klinik, in der ich war, hatten wir auf der Depressionsstation folgende Regelung: Das erste Wochenende nach der Aufnahme musste jeder auf Station übernachten. Tagesausflüge nach Hause, in die Stadt etc. bis spät abends waren aber möglich, sofern man das wollte und stabil genug war. An allen anderen folgenden Wochenenden durfte man, sofern stabil genug, eine Nacht daheim verbingen, also entweder die Nacht von Freitag auf Samstag oder von Samstag auf Sonntag. Wer wollte, konnte natürlich auch das gesamte Wochenende über auf Station bleiben.

Allgemein ist es so, dass in der Regel übers Wochenende keine Therapien laufen. Es kann also recht eintönig werden, wenn man keine Bücher, Malsachen, Hörbücher oder was man halt so mag, dabei hat, um sich zu beschäftigen und keinen Besuch erwartet. Darum besser vorsorgen 😉