Wirst du mich noch mögen

… wenn du erfährst, dass ich chronisch krank bin?

Ihr Lieben,

seit kurzem bin ich in der Klinik. Vor rund sieben Wochen, als ich meinen Zusammenbruch auf der Arbeit hatte, wurde ich auf die Warteliste gesetzt, doch erst jetzt ist etwas frei geworden.

Bis zuletzt habe ich mit mir gehadert, ob ich den Platz annehmen soll, weil es mir schon besser ging/geht in der Zwischenzeit. Und trotzdem ist da noch die Angst hinsichtlich der bald bevorstehenden Wiedereingliederung auf der Arbeit. Sie hat mich letztlich dazu verleitet, es doch mit der stationären Behandlung zu versuchen, um meine sozialen Ängste noch besser in den Griff zu bekommen und meine depressiven Restsymptome.

Nun verhält es sich ja so, dass ich unlängst jemanden kennengelernt und ihn bereits ziemlich ins Herz geschlossen habe, wie ihr aus vorherigen Posts wisst. Wir sind noch mitten in der Kennenlernphase – und da kommt es mir äußerst ungelegen, dass ich nun im Krankenhaus bin. Auch ein Grund, warum ich mit der Aufnahme gehadert habe. Jedenfalls plagt mich nun die Sorge, was er von mir denken wird, wenn er erfährt, dass ich psychisch krank bin. Wird er mich dann noch mögen und weiterhin treffen wollen?

Rein rational weiß ich, ein potentieller Partner, der nicht damit zurecht kommt, dass ich nun einmal diesen speziellen Ballast mitbringe, ist auch nicht der Richtige für mich. Und ich weiß auch, dass es mir umgekehrt egal wäre. Wenn er der Erkrankte von uns beiden wäre, würde das nichts an meinen Gefühlen für ihn ändern.

Und trotzdem hat ein Teil von mir einfach große Angst davor, wie er reagieren wird. Tief in mir ist eine junge Frau, die sich verliebt hat und fürchtet, nicht mehr gemocht zu werden, wenn der andere erfährt, dass sie nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht.

Existentielle/philosophische Zwangsgedanken

In diesem Post möchte ich euch eine Form von Zwangsgedanken vorstellen, die im deutschsprachigen Raum weniger bekannt zu sein scheint als im englischsprachigen und unter der ich aktuell am meisten leide: existentielle Zwangsgedanken oder auf Englisch „existential OCD“. Ich persönlich nenne sie für mich auch philosophische Zwangsgedanken.

Was genau man sich darunter vorstellen kann? Kurz und knapp: Zwangsgedanken, die sich um philosophische bzw. existentielle Fragen drehen. Das können Fragen sein wie:

„Gibt es einen freien Willen?“

„Ist unser Leben vorherbestimmt?“

„Ist die Welt um mich herum wirklich echt oder ist es vielleicht nur eine Scheinrealität wie in „Matrix“?“

Solche Fragen bzw. Überlegungen drängen sich Menschen mit „existential OCD“ immer wieder auf und erzeugen unangenehme Gefühle – in meinem Fall wäre das Angst, die sich bis hin zu Panikattacken steigern kann. Eine darauf folgende Zwangshandlung könnte sein, stundenlang über derartige Fragen nachzugrübeln odef innerlich Argumente abzuwägen. („Was spricht dafür/dagegen, dass alles vorherbestimmt ist? “ etc.). Man spräche ich diesem Fall von mentalen Zwangshandlungen, da Grübeln ja etwas ist, das nach außen hin nicht sichtbar ist.

Ich empfinde diese Art von Zwangsgedanken als quälend, weil mit ihnen für mich die Angst einhergeht, den Verstand zu verlieren, da ich ja scheinbar so „verrückte“ Dinge denke. Verstärkt wird dieser Mechanismus besonders, wenn ich gleichzeitig noch unter Derealisation oder Depersonalisation leide. Ebenfalls als belastend erlebe ich den Umstand, dass es ja nun einmal keine endgültigen Antworten auf solche philosophische Fragen gibt, sondern nur viele verschiedene Antwortversuche, z. B. seitens der Philosophie und Religionen. Ein Umstand, den mein zwangsgestörtes Gehirn mit seinem Wunsch nach absoluter Gewissheit so gar nicht lustig findet 😉

Filme wie Matrix oder die Trueman-Show mag ich mir in Folge dessen seit einiger Zeit nicht mehr anschauen und im Studium habe ich damals das Philosophiemodul abgebrochen, da es mich innerlich ganz konfus gemacht hat. Klares Vermeidungverhalten, liebe Mit-Zwängler, bitte nicht nachmachen …

Für Außenstehende hört sich das Ganze vielleicht skurill an, weil es sehr abstrakt anmutet. Doch wie bei allen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen gilt auch hier: Für Betroffene ist die Lage mit Leidensdruck verbunden.

Hilfe bieten wie bei anderen Zwangsthemen auch Expositionübungen und ein Abbau des Vermeidungverhaltens.

Hier der Link zu einem sehr guten englischsprachigen Artikel zum Thema:

To Be Or Not To Be, That Is The Obsession: Existential and Philosophical OCD