Ich wünschte …

Teilt man sich in der Klinik zu zweit ein Zimmer, bekommt man zwangsläufig persönliche Dinge von seinem Zimmernachbarn mit. So kommt es, dass ich schon mehrmals mithören konnte, wie meine Zimmernachbarin mit ihrem Mann telefoniert. Die beiden sind seit 47 Jahren zusammen und es rührt mich jedes Mal wenn ich höre, wie fürsorglich er mit ihr umgeht. Es berührt mich und es macht mich traurig. Ich wünschte, ich hätte auch so etwas. Jemanden, der täglich anruft und fragt, wie es mir geht, der mir Mut macht und mir sagt „Ich liebe dich, auch wenn du krank bist, ich bin für dich da, wir schaffen das gemeinsam.“ Jemanden, der mich umarmt, wenn ich Trost suche oder einfach meine Hand nimmt, wenn die Worte fehlen.

Wirst du mich noch mögen

… wenn du erfährst, dass ich chronisch krank bin?

Ihr Lieben,

seit kurzem bin ich in der Klinik. Vor rund sieben Wochen, als ich meinen Zusammenbruch auf der Arbeit hatte, wurde ich auf die Warteliste gesetzt, doch erst jetzt ist etwas frei geworden.

Bis zuletzt habe ich mit mir gehadert, ob ich den Platz annehmen soll, weil es mir schon besser ging/geht in der Zwischenzeit. Und trotzdem ist da noch die Angst hinsichtlich der bald bevorstehenden Wiedereingliederung auf der Arbeit. Sie hat mich letztlich dazu verleitet, es doch mit der stationären Behandlung zu versuchen, um meine sozialen Ängste noch besser in den Griff zu bekommen und meine depressiven Restsymptome.

Nun verhält es sich ja so, dass ich unlängst jemanden kennengelernt und ihn bereits ziemlich ins Herz geschlossen habe, wie ihr aus vorherigen Posts wisst. Wir sind noch mitten in der Kennenlernphase – und da kommt es mir äußerst ungelegen, dass ich nun im Krankenhaus bin. Auch ein Grund, warum ich mit der Aufnahme gehadert habe. Jedenfalls plagt mich nun die Sorge, was er von mir denken wird, wenn er erfährt, dass ich psychisch krank bin. Wird er mich dann noch mögen und weiterhin treffen wollen?

Rein rational weiß ich, ein potentieller Partner, der nicht damit zurecht kommt, dass ich nun einmal diesen speziellen Ballast mitbringe, ist auch nicht der Richtige für mich. Und ich weiß auch, dass es mir umgekehrt egal wäre. Wenn er der Erkrankte von uns beiden wäre, würde das nichts an meinen Gefühlen für ihn ändern.

Und trotzdem hat ein Teil von mir einfach große Angst davor, wie er reagieren wird. Tief in mir ist eine junge Frau, die sich verliebt hat und fürchtet, nicht mehr gemocht zu werden, wenn der andere erfährt, dass sie nicht der gesellschaftlichen Norm entspricht.

Annehmen

„Wenn ich genug Therapie gemacht habe, werde ich keine/kaum noch Symptome mehr haben.“

„Wenn ich meine neue Arbeitsstelle antrete, wird mir das so gut tun, dass die depressiven Phasen aufhören.“

„Wenn ich meine schwierige Beziehung beendet und die Trennung verarbeitet habe, werde ich genesen.“

Das neue Medikament wird mir helfen, keinen Rückfall mehr zu bekommen.“

„Nachdem ich in der Spezialklinik war, wird es mir so gut gehen, dass ich stabil bleibe.“

In der Genesungsbegleiterausbildung habe ich viel über Recovery, Salutogenese und Co. gelernt. Das wird mir helfen, mich selbst zu heilen.“

So ähnlich sahen meine Gedanken lange aus. Nur noch diese eine Sache schaffen, und dann wird endlich alles gut! Wie schön, wenn es so wäre. Doch es ist nicht so. Leider.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit anzunehmen, dass diese magische Wende der Dinge niemals passieren wird und meine Erkrankungen mich wirklich mein Leben lang begleiten werden. Auch wenn das unfair ist. Auch wenn ich mich so sehr anstrenge. Auch wenn ich mit den Jahren so viel Fachwissen über meine Krankheiten angesammelt habe. Auch wenn … setze beliebigen anderen Punkt hier ein.