Stiller Schmerz

Ich bin gerade auf dem Rückweg vom Treffen mit einer lieben Bekannten, als ich die eingegangene WhatsApp-Nachricht einer Freundin sehe.

„Ich bin schwanger“, schreibt sie. Damit hatte ich nicht gerechnet. Zack, ein paar Minuten später laufen mir still die Tränen.

Bin ich egoistisch, weil ich mich mit meiner Freundin nicht wirklich mitfreuen kann, sondern vor allem Schmerz bei ihren Worten empfinde?

In meinen Zukunftsträumen habe ich mich lange als Mutter gesehen. Doch nun bin ich ü-30, geschieden und chronisch krank. Und selbst wenn ich jetzt gerade eine glückliche Partnerschaft hätte, ich glaube, ich würde aufgrund meiner Erkrankungen trotzdem auf Kinder verzichten aus der Angst heraus, (m)einem Kind nicht gerecht werden zu können.

Damit will ich nicht sagen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen keine guten Eltern sein können! Ich kenne einige Familien, in denen ein oder beide Elternteile seelisch krank sind und man sich gut um die Kinder kümmert.

Aus eigener Erfahrung weiß ich jedoch auch, wie es ist, als Kind eines Elternteils aufzuwachsen, dass seine psychischen Probleme nicht ausreichend im Griff hat. Und ich bin nicht die einzige bin unserer Familie mit dieser Erfahrung. Dieses Trauma möchte ich nicht weitergeben.

Meine Freundin, die selbst psychisch erkrankt ist, hat sich nun anders entschieden, für einen Kinderwunsch. Ich wünsche ihr von Herzen alles Gute, doch Wellen aus Trauer und Neid toben durch mich. Es tut weh zu sehen, wie Freunde und ehemalige Mitschüler eine Familie gründen. Ein ungelebtes Leben, so kommt mir mein Leben manchmal im Vergleich dazu vor.

Annehmen

„Wenn ich genug Therapie gemacht habe, werde ich keine/kaum noch Symptome mehr haben.“

„Wenn ich meine neue Arbeitsstelle antrete, wird mir das so gut tun, dass die depressiven Phasen aufhören.“

„Wenn ich meine schwierige Beziehung beendet und die Trennung verarbeitet habe, werde ich genesen.“

Das neue Medikament wird mir helfen, keinen Rückfall mehr zu bekommen.“

„Nachdem ich in der Spezialklinik war, wird es mir so gut gehen, dass ich stabil bleibe.“

In der Genesungsbegleiterausbildung habe ich viel über Recovery, Salutogenese und Co. gelernt. Das wird mir helfen, mich selbst zu heilen.“

So ähnlich sahen meine Gedanken lange aus. Nur noch diese eine Sache schaffen, und dann wird endlich alles gut! Wie schön, wenn es so wäre. Doch es ist nicht so. Leider.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit anzunehmen, dass diese magische Wende der Dinge niemals passieren wird und meine Erkrankungen mich wirklich mein Leben lang begleiten werden. Auch wenn das unfair ist. Auch wenn ich mich so sehr anstrenge. Auch wenn ich mit den Jahren so viel Fachwissen über meine Krankheiten angesammelt habe. Auch wenn … setze beliebigen anderen Punkt hier ein.

Perspektivwechsel

Es ging mir gut. So gut, dass ich mich ziemlich gesund gefühlt habe, bis eine Reihe stressiger Ereignisse meinen Weg kreuzte und meine Psyche mit dem altbekannten Muster reagierte: mit Symptomen. Und obwohl es nicht das erste Mal ist, dass das passiert, fühlt es sich doch jedes Mal wieder frustrierend an.

Ich versuche mich gerade mit einem Perspektivwechsel: froh darüber zu sein, dass es mir überhaupt so gut ging, anstatt darum zu trauern, dass dieser Zustand nicht länger bestand hatte. Was schwerer ist, als es sich anhört, bin ich doch von Haus aus Pessimistin. Oder ist das Pessimistische an mir in Wahrheit nur ein Depressionssymptom? Gute Frage. Egal, Perspektivwechsel also. Es ging mir gut und es wird mir auch irgendwann in Zukunft wieder gut gehen; ich muss nur durch dieses Tief hindurch und darf den Kopf nicht in den Sand stecken. Let’s talk about Vertrauen, Geduld und Zuversicht.