Ein neuer Skill, Ratgeber und eine seltsame Verschönerungsaktion

September 17 042

Na, wer weiß noch, was das ist? Genau, Knete. Ich bin aber weder über Nacht 20 Jahre jünger geworden noch plötzlich Mutter 😉 Sondern …

September 17 043.jpg

… ich benutze die Knete als neuen Skill. Im Moment ringe ich weiterhin fast täglich mit dem Impuls zum Haare Rausreißen. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass sonstige von mir gern angewandte Skills wie Malen, ein Entspannungsbad nehmen usw. mir in Bezug auf die Trichotillomanie wenig bringen. Was mir aber hilft, ist, den Impuls quasi auf eine andere motorische Ebene umzuleiten und so die innere Anspannung allmählich abzubauen. Darum nun also die Knete (die sich unterwegs auch unauffällig in der Handtasche deponieren lässt …). Etwas komisch komme ich mir dabei zwar trotzdem manchmal noch vor, aber es bringt was.

September 17 057.jpg

Eigentlich bin ich keine Krimileserin. Für die Romane von Henning Mankell und Robert Galbraith mache ich aber eine Ausnahme. Als ich damals erfuhr, dass J. K. Rowling unter dem Pseudonym R. Galbraith Detektivromane schreibt, war ich neugierig, ob sie mich mit einem anderen Genre genau so überzeugen konnte wie mit ihren Harry Potter-Romanen. Und ja, sie konnte. Wie HP fesselt mich ihre neue Buchserie durch die detailliert ausgearbeiteten Hauptcharaktere, den Schreibstil und den verzwickten Plot. Nach dem zweiten Band habe ich aber trotzdem länger nicht mehr weitergelesen. Schuld waren die in den Romanen dieses Genres wohl omnipräsenten gewaltbeinhaltenden Szenen, die in schlechten Phasen meine aggressiven Zwangsgedanken triggern. An Tagen, wo diese Art Zwangsgedanken präsent sind, verfalle ich manchmal wider besseren Wissens in Vermeidungsverhalten. Ich versuche dann Nachrichten, Filme, Bücher oder Gesprächsthemen zu vermeiden, die die Gedanken anfachen könnten. Den 3. Band habe ich mir jetzt aber trotzdem aus der Bücherei ausgeliehen. Das Lesen stellt für mich quasi eine kleine Expositionsübung dar.

September 17 058

Neben Romanen habe ich aus der Bücherei auch ein paar Ratgeber ausgeliehen. Diesen hier kann ich nur empfehlen für alle, die bei sich bestimmte Verhaltens-, Gedanken- und Gefühlsmuster ausgemacht haben, unter denen sie seit langem leiden und die sie vielleicht trotz verschiedener Therapieversuche einfach nicht in den Griff bekommen.

Einer der Buchautoren, J. Young, ist der Gründer der sogenannten Schematherapie. Die Schematherapie ist eine noch recht junge Therapieform, die der kognitiven Verhaltenstherapie zugerechnet wird, aber auch auf Ansätze anderer therapeutischer Schulen zurückgreift wie z.B. der psychodynamischen Therapierichtungen und der Gestalttherapie.

Meine Therapeutin arbeitet mit mir seit einigen Sitzungen schematherapeutisch und ich habe das Gefühl, es bringt mir einiges. Ich verstehe viele meiner dysfunktionalen, automatisch ablaufenden Verhaltensweisen, Gedanken und Gefühle (Schema) nun besser, kann erkennen, woher sie stammen und welche Funktion sie haben bzw. in meiner Kindheit oder Teenagerzeit hatten. Dadurch, dass mir bewusst wird, was da in diesen Momenten in mir vorgeht, gewinne ich die Möglichkeit, den Autopilot zu unterbrechen und mir andere Verhaltensmuster für solche Momente anzutrainieren.

(P.S.: Irgendwann schaffe ich es hoffentlich noch mal, hier einen eigenen Post zur Schematherapie zu posten. Das hatte ich mir eigentlich schon lange vorgenommen … Die Mitblogger kennen das Phänomen des ewigen Aufschiebens von Postideen ja sicher ;-)).

September 17 059

Skin Picking, ist denn das?

Es handelt sich dabei um eine psychische Erkrankung, die sowohl in der Öffentlichkeit als auch unter Fachleuten noch wenig bekannt ist, so beschreiben es Katharina Vollmeyer und Susanne Fricke in ihrem Ratgeber. Viele Betroffene wissen darum wohl auch nicht, dass sie darunter leiden. Zu letzterer Gruppe gehörte ich als länger. Was ist Skin Picking oder Dermatillomanie, so die im deutschsprachigen Raum üblichere Bezeichnung, nun aber?

Wie bei Trichotillomanie handelt es sich dabei um eine Impulskontrollstörung. Betroffene quetschen, drücken, kratzen aus einem Impuls heraus an verschiedenen Stellen ihre Haut. Dazu treibt sie meist eine innere Anspannung, obwohl ihnen rein rational klar ist, dass ihr Handeln ihnen schadet (Entzündungen, Narben, Rötungen, unangenehme Nachfragen von Mitmenschen …). Sie schämen sich für ihr Verhalten und würden es am liebsten abstellen, schaffen das aber allein durch den bloßen Willen ohne begleitende Psychotherapie oder die intensive Beschäftigung mit Selbsthilfestrategien meist nicht. Ich stieß irgendwann zufällig auf diesen Begriff und erkannte mich in der Beschreibung schnell wieder. Nach dem ersten Erschrecken folgte  Erleichterung, ging es doch um Verhaltensweisen und damit verbundene Gefühle, die ich an mir vor allem in meiner Teenagerzeit beobachten konnte und die heute manchmal immer noch auftreten. Wie damals bei den Zwängen und der Trichotillomanie dachte ich: „Ich spinne doch, was mache ich da? Keiner außer mir verhält sich so komisch!“ Bis ich dann erfuhr, dass es eine Erkrankung ist, für die es Behandlungsmöglichkeiten gibt. Von diesem Selbsthilfebuch, dessen eine Autorin Susanne Fricke ich durch ihre Ratgeber zum Thema Zwangserkrankungen bereits kenne und sehr schätze, erhoffe ich mir neue Ideen und Hilfestellungen.

September 17 056

„Tablettendöschen? Das ist was für meine Großeltern, aber nicht für mich!“

So dachte ich lange. Dumm nur, wenn man morgens im Halbschlaf seine Medikamente nimmt und sich einige Zeit später, nun richtig wach, nicht mehr daran erinnern kann, ob man tatsächlich beide Tabletten, nur eine oder gar keine genommen hat … Für solche Fälle ist eine Tablettendose dann doch ganz praktisch. Zufälligerweise hatte ich noch eine aus der Zeit meiner ersten stationären Behandlung. Die habe ich dann kurzerhand mit verschiedenen Nagellackfarben und einem Sticker aufgepeppt, damit sie nicht mehr so steril aussieht – und voilà, schon hat Oma Nelia ihre ganz persönliche Erinnerungshilfe.

Advertisements

Alte Muster

Kurz vor Prüfungen, wenn die Aufregung wächst, fällt es mir erfahrungsgemäß schwerer als sonst, von ungesunden Angewohnheiten Abstand zu nehmen. So auch dieses Mal: Da wurden Haare rausgerupft und die Haut in Gesicht und Dekolleté zerkratzt, um innere Anspannung zu kanalisieren, Handlungen beinahe automatisch wiederholt (Wiederholungszwänge), über den Hunger hinaus gegessen, um sich zu beruhigen, gegen den Impuls angekämpft, Geld für sinnlose Kleinigkeiten auszugeben. Alles nichts Neues.

Noch relativ neu ist dagegen der Entschluss, mich selbst für diese Rückfälle nicht mehr so runterzumachen wie jahrelang praktiziert. Es hat nicht so funktioniert wie vorgenommen? Schade, aber mehr auch nicht. Es ist kein totales Versagen meinerseits, ich bin trotzdem (weiterhin) dabei mich zu verändern, auch wenn es sich in diesen Momenten nicht so anfühlt.