Seitenwechsel, innerer Kritiker und Hoffnung

Heute habe ich ein Kennenlerngespräch in einer Spezialambulanz für Zwangsstörungen zur Beratung – und bin trotz Vorerfahrung gerade ziemlich aufgeregt.

Ich habe mich auf die weite Fahrt gemacht, da meine ambulante Therapeutin nicht auf Zwangsstörungen spezialisiert ist und in der Institutsambulanz, in der ich angebunden bin, leider zeitlich nicht (mehr) die Möglichkeit besteht, tiefergehend an den Zwängen zu arbeiten. Der Rückfall zu Jahresbeginn hat mir gezeigt, dass ich das Thema langfristig gesehen besser noch einmal angehen sollte. Und dafür wünsche ich mir als mündige Patientin Behandler:innen mit dem entsprechenden Spezialwissen und viel Erfahrung an meiner Seite.

Ein seltsames Gefühl ist es trotzdem, heute diesen Termin zu haben, auch, weil ich ja inzwischen berufsbedingt sozusagen die Seiten gewechselt habe 😉 Daneben meint mein charmanter innerer Kritiker, dass mir diese Hilfe nicht zustehe, weil ich schon genug davon gehabt hätte und dementsprechend nun bitte-danke allein klarkommen müsse.

Nichtsdestotrotz sitze ich gerade im Klinikpark und warte auf meinen Termin …

Theorie und Praxis

Es ist ein Unterschied, ob du in der Ausbildung theoretisch über den Umgang mit Suizidalität und Suizidversuchen sprichst oder in der Praxis damit konfrontiert wirst durch Patient*innen, zu denen du vielleicht einen besonderen Draht aufgebaut hast.

Ich wusste, dass ich irgendwann unweigerlich auf der Arbeit mit dieser Thematik konfrontiert werde; die Frage war nie ob, sondern wann. Das gehört zu diesem Arbeitsfeld eben dazu, genauso wie z. B. Fremdgefährdung ein Thema werden kann. Wobei Letzteres bei uns auf Station sehr selten vorkommt, würde ich behaupten. Ersteres dagegen häufiger, weil zu uns vor allem Menschen mit Depressionen kommen und Suizidalität nun einmal nicht selten ist im Rahmen von depressiven Störungen.

Als Berufsneuling habe ich noch nicht die Routiniertheit und Professionalität meiner Kolleg*innen im Umgang mit solchen besonderen Situationen. Deswegen waren die letzten Arbeitstage für mich mit emotionalen Augenblicken versehen und ich übe mich noch darin, damit umzugehen. Dabei hilft besonders Selbstfürsorge nach Feierabend und auch der Austausch mit Menschen, die im gleichen beruflichen Kontext tätig sind. Und auch, mir zu sagen: Es ist okay, wenn mich derartige Situationen berühren (solange sie mich nicht überwältigen), denn ich bin ein fühlender Mensch und keine Maschine.