Halt

Wenn ich zu einem Termin gehe, der mit schwierigen Gefühlen verbunden ist, trage ich gerne einen Glücksbringer bei mir.

Wobei Glücksbringer eigentlich nicht das passende Wort ist. Ich glaube nämlich nicht, dass dieser Gegenstand mir Glück bringt. Vielmehr soll er mich an Eines erinnern: dass ich geliebt wurde bzw. werde. Klingt kitschig – aber der Gedanke daran gibt mir Kraft und Mut. Zum Beispiel, wenn ich mich meiner Angst bei einer mündlichen Prüfung stellen muss, ein Vorstellungsgespräch für meinen Wunschjob habe, oder wie diese Woche eine Therapieübung ansteht, die mich emotional aufwühlt.

Dann habe ich das Gefühl, von meinen Lieben beschützt und begleitet zu werden. Ähnlich wie Harry Potter im letzten Band, als er den Stein der Auferstehung benutzt und umgeben von den Geistern seiner Eltern und Vertrauten zur finalen Schlacht gegen Voldemort zieht 😎

Am liebsten nehme ich in solchen Momenten ein Erinnerungsstück an meine Oma mit: den Ring, den ich von ihr geerbt habe, manchmal auch das Armband, das sie mir während meiner Grundschulzeit geschenkt hat. Die Stabilisierungsübung vom sicheren Ort funktioniert bei mir nie so gut wie das Tragen dieser „Glücksbringer“ oder Gedanken an meine Großmutter. Die bedingungslose Liebe, die ich von meiner Oma erfahren habe, ist eine der wertvollsten Erinnerungen in meinem Leben und heute noch eine Kraftquelle für mich.

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9 Jahre

Letztens beim Blättern in Unterlagen stieß ich auf das Datum … Heute sind es auf den Tag genau 9 Jahre, seit ich die Diagnosen Depression und Zwangsstörung bekam. Zeit, zurückzublicken und melancholisch zu werden, denkt sich etwas in mir wohl gerade dabei.

Also gut, Rückblick: Ich hatte gerade ein gutes Abi gemacht, war glücklich vergeben und zu Beginn meines Wunschstudiums von Zuhause ausgezogen. In meiner Unistadt hatte ich eine gemütliche, eigene Studentenwohnung und auch die Finanzierung des Studiums stand auf sicheren Beinen. Ich vermisste meine Freunde und meine Familie, die ich in Folge des Umzugs nur noch selten sah, stand aber weiter via Handy und Co. mit ihnen in Kontakt. Augenscheinlich also nicht der geringste Grund, depressiv zu werden, oder?

Das dachte ich damals und jahrelang danach ehrlich gesagt auch noch. Bis vor kurzem sogar. Heute sehe ich das anders.

Zu diesem Zeitpunkt schleppte ich bereits sechs Jahre die bis dato nicht diagnostizierte Zwangserkrankung mit mir herum, die sich schleichend verschlechterte, etwas später dann auch die Trichotillomanie und Anzeichen einer Angsterkrankung. Daneben gab es diverse unverarbeitete Altlasten. Im Nachhinein wundert es mich, dass der große Knall nicht eher kam. (Wobei ich natürlich froh und dankbar darüber bin, die Schulzeit und den Schulabschluss ohne größere Probleme überstanden zu haben!)

 

Liebes damaliges Ich,

ich weiß, du kannst es dir gerade nicht vorstellen, denn du bist in einer schweren Depression gefangen, die dir vorübergehend die Fähigkeit raubt, dir eine positive Zukunft für dich vorzustellen. Aber du wirst das alles hier überstehen: das quälende Gefühl der Gefühllosigkeit und die Antriebslosigkeit, die Angst davor, den Verstand zu verlieren und die schrecklichen Selbstzweifel, die Scham und die Schuldgefühle wegen deiner Zwangsgedanken. Du bist nicht wertlos, nicht an sich schlecht oder falsch, so wie die Depression es dir einreden will.

In den folgenden Jahren wirst du noch einige harte Kämpfe ausfechten: Du wirst durch mehrere mal mehr, mal weniger schwer ausgeprägte depressive Episoden waten, mit der Angst und den Zwängen kämpfen.

Aber du wirst nicht aufgeben, auch wenn dir das an den Tiefpunkten verführerisch erscheint. Du bist eine Kämpferin und stärker, als du glaubst! Auf deinem Weg raus aus deinem inneren Schattenlabyrinth werden dich viele Menschen begleiten: Freunde, Familie, Partner, aber auch profesionelle Helfer und Menschen, die du nur online kennst. Sie werden dich auf verschiedene Weise unterstützen und dir immer wieder Kraft geben. Was ich damit sagen möchte: Du bist nicht allein, auch wenn du dich manchmal so verloren und isoliert fühlst! Und ja, deine Lieblingsmenschen mögen dich wirklich, obwohl du dir das in den Tiefen der Depression nicht vorstellen kannst und insgeheim Angst davor hast, dass sie dich alle irgendwann verlassen werden, weil du unzureichend bist.

Heute, neun Jahre später, bist du nicht geheilt. Du nimmst weiterhin ein Antidepressivum, manchmal auch Bedarfsmedikation. Du warst in stationärer und tagesklinischer Behandlung. Das war beides so ganz anders, als du angenommen hattest: Es hatte nichts von „Einer flog übers Kuckucksnest“, sondern war größenteils wirklich hilfreich. Jetzt gehst du auch zur Therapie und lernst, dich immer mehr zu öffnen und über Themen zu sprechen, die du länger verdrängt hast oder über die es dir schwer fällt zu reden.

„Hah, und das soll mir jetzt Mut machen?,“ denkst du. „Ich will richtig gesund werden!“

Ich weiß, du denkst gerne in Schwarz-Weiß-Gegensätzen und Absolutheit. „Entweder gesund oder krank, geheilt oder nicht, Gewinnen oder Scheitern. Und am besten noch alles alleine schaffen, ohne Hilfe von außen!“ ist deine Devise.

Erlaube mir, dir jetzt schon ein Geheimnis zu verraten, hinter das du erst in ein paar Jahren kommen wirst: Das Leben kann schön sein und ist wertvoll, auch wenn du (noch?) nicht gesund bist.

Jetzt, im Hier und Heute, bist du weiterhin am Leben und hast sehr viel gelernt, über dich und vielleicht auch das Leben an sich (so pathetisch und kitschig sich das auch anhört). Du kommst immer besser mit deinen Erkrankungen zurecht und hast nicht mehr die gleiche, riesige Angst wie früher vor einer erneuten depressiven Episode, weil du inzwischen einige Wege kennst, wie du dir im Fall der Fälle selbst besser helfen kannst. Du hast deine Familie und deine Freunde, bist verheiratet und hast deinen ersten Uniabschluss geschafft, einen Nebenjob, der dir Spaß macht und dir viel gibt, und du hast viele Interessen. Für die Zukunft hast du einige Träume und eine Liste mit Dingen, die du gerne erleben würdest ...

Ich weiß, du kannst es dir momentan nicht vorstellen, aber dein Kampf lohnt sich. Ich danke dir, dass du durchgehalten und nicht aufgegeben hast, denn sonst wäre ich heute nicht hier.

 

(* Inspiriert zu dem Brief hat mich ein Text aus dem grandiosen, bewegenden Buch „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ von Matt Haig, in dem Haig sein heutiges zu seinem damaligen depressiven Ich sprechen lässt).

Weihnachten in Bildern

(Sehr verehrte Damen und Herren, nicht auf den Bildern sehen Sie die unzähligen Süßigkeiten, das Weihnachtsmenü und Co., die dazu führen, dass die Autorin dieses Blogs sich seit den Feiertagen wie eine Kugel auf zwei Beinen fühlt.)

Liebevolle Dekoration made by Mama 😉

 

 

Familientradition bei uns: Spieleabende bzw. – Nachmittage. Beide Spiele kann ich
nur weiterempfehlen!

 

Besonders „Dixit“ hat es mir angetan. Es ist ein sehr phantasievolles Spiel, in dem es vereinfacht gesagt darum geht, Bilder zu interpretieren und zu beschreiben und herauszufinden, welches Bild vom Spielleiter (der jede Runde wechselt) beschrieben wurde und nicht von den anderen Mitspielern.

 

Ein Teil meiner Weihnachtsgeschenke …