Ist es nicht ironisch

… dass ich sowohl finanziell als auch von der Krankenversicherung her besser dastünde, würde ich mein Studium schmeißen anstatt es abzuschließen?

Darüber unterhielt ich mich vorhin u.a. mit meiner Freundin Annie. Wir tauschten uns über unsere Erfahrungen zu diesem Thema aus.

Ist man chronisch krank als Student

… muss man GEZ voll bezahlen, sofern man kein Bafög-Empfänger ist, obwohl man vielleicht das gleiche oder noch weniger Einkommen hat wie jemand mit Bafög.

… muss man ab einem gewissen Alter/einer gewissen Semesterzahl einen erhöhten Krankenversicherungsbeitrag bezahlen, sofern man nicht das Glück und Anspruch auf die kostenlose Familienversicherung hat.

… hat man hat außer Bafög im Notfall nur sehr eingeschränkt Anspruch auf staatliche Unterstützung.

… wohingegen man im Fall eines Studiumabbruchs besser dran wäre.

Versteht mich nicht falsch, ich will niemanden dazu verleiten, sein Studium abzubrechen und bin dankbar für unser Sozialsystem.

Ich finde es nur unfassbar traurig und ungerecht, dass das gegenwärtige System Menschen, die sich trotz (langjähriger) Erkrankung dazu entschließen, ihr Studium zu Ende zu bringen, irgendwann nicht mehr unterstützt, sondern ihnen vielmehr zusätzliche Steine in den Weg legt!

Und dann wird einem teilweise noch von Menschen in Entscheidungspositionen, die wahrscheinlich keine Ahnung haben, wie es sich anfühlt, (chronisch) krank zu sein und vielleicht um Dinge kämpfen zu müssen, die für Gesunde selbstverständlich sind, suggeriert, man sei selbst schuld an seiner Situation, weil man ja so lange im Studium gebraucht habe. Dass man vielleicht von Anfang an andere Voraussetzungen hatte als jemand, der topfit ist oder dass man gut ist in seinem Studium, nur eben länger dafür braucht, ist dabei anscheinend egal.

Und das finde ich gerade so ungerecht, dass ich am liebsten schreien würde oder die Menschen, die diese Regelungen aufgestellt haben, bitten würde, mal ein paar Tage Körper und vor allem Psyche mit mir oder anderen Betroffenen zu tauschen, wenn das möglich wäre, damit sie wissen, worüber sie da entscheiden und wie sehr solche unsensiblen Äußerungen verletzten können.

Unschöne Post

Als ich von der Arbeit nach Hause kam, fand ich einen Brief meiner Krankenkasse vor mit dem Inhalt, mein Antrag auf Wechsel in die studentische Krankenversicherung werde abgelehnt, da ich bereits über die 14 erlaubten Fachsemester gekommen sei.

Was? Verwirrung!

Ich war zuvor zwei Mal im örtlichen Kundencenter meiner KK gewesen und hatte mich beraten lassen, ob ich von der Familienversicherung in die studentische wechseln kann, weil vergangenen Monat mein neuer Job gestartet ist und ich mit dem Einkommen aus beiden Jobs zusammengerechnet über die 435 bzw. 450 Euro-Einkommensgrenze der Familienversicherung käme.

Die Dame im Kundencenter meinte, da ich ja erst Ende dieses Jahres 30 werde und das die Altersgrenze für die studentische KV ist, hätte ich sehr wahrscheinlich noch bis nächstes Jahr März Anspruch darauf. Danach könne es schwierig werden.

Egal, dachte ich mir, ein Semester ist besser als nix und danach kann ich ja immer noch schauen, was ich mache.

Über die Fachsemesterregelung als zweite Bedingung für die studentische KV sprachen wir nicht wirklich. Ich hatte zwar davon gelesen, dachte mir aber nichts dabei. Denn ich war davon ausgegangen, dass der Master als eigenständiges Studium gewertet und nicht mit dem Bachelorstudium zusammengerechnet wird.

Ähm, falsch gedacht.

Nachdem ich knapp einen Monat nichts von meiner KK bezüglich des Wechsels gehört hatte und Telefonanrufe meinerseits nicht wirklich Licht ins Dunkle brachten, bekam ich dann gestern jenen Brief. Heute rief ich meine KK an, um die Situation zu klären. Nachdem ich zuerst das Vergnügen mit einer zuletzt von mir dezent genervten Sachbearbeiterin hatte, stellte man mich schließlich zum Teamleiter durch.

Der war zum Glück freundlicher, erklärte mir aber noch mal das Gleiche wie seine Kollegin, nämlich, dass im Falle eines sogenannten konsekutiven Masterstudiums (das bedeutet, Bachelor- und Masterstudienfach sind inhaltlich verwandt, der Master baut sozusagen auf dem Bachelor auf) die Fachsemester eben doch zusammengerechnet werden.

Das heißt, obwohl ich erst im 2. Mastersemester bin, rechnet die Krankenkasse meine krankheitsbedingt vielen Bachelorsemester dazu und auch die Semester des alten Masters, bevor ich letztes Jahr den Studiengang gewechselt habe (obwohl beide Studiengänge inhaltlich verwandt sind und mir alle Scheine des alten Masters im neuen anerkannt wurden). Nach dieser Rechnung liege ich letztlich deutlich über den erlaubten 14 Fachsemestern.

Zudem meinte er der Herr auf meine Äußerungen hin, wie unfair ich dass Ganze finde, dass es ja einen Unterschied gebe zwischen kurzzeitig erkrankten und chronisch erkrankten Studenten wie mir.

(Und wenn du so vermessen bist, trotz chronischer Erkrankung studieren zu wollen, trag gefälligst auch allein die Konsequenzen?)

Mein Hinweis, dass es sinnvoll wäre, so komplizierte, undurchsichtige Regelungen auf ihrer Informationsseite besser zu erklären – wie z.B. die Regelung, dass Bachelor- und Mastersemesteranzahl bei konsekutiven Masterstudiengängen zusammengerechnet werden, bei nicht-konsekutiven Studiengängen aber nicht – wurde abgetan. Diese Regelungen seien komplex und es gäbe dabei so viele Sonderfälle, dass ein Informationstext, der alle Möglichkeiten berücksichtigen würde, viel zu lang wäre.

Okay. Also ggf. lieber die Versicherten verwirren und falsche Erwartungen wecken, als die Leute im Vorfeld richtig zu informieren!?

Das Ende vom Lied:

Ich muss jetzt meinen alten Job als Nachhilfelehrerin kündigen, weil ich mit dem Verdienst aus altem und neuem Job zusammen über Einkommensgrenze der Familienversicherung käme und mich dann teuer selbst versichern müsste. Das würde sich aber finanziell für mich nicht lohnen, dazu schwankt der Verdienst aus der Nachhilfe zu sehr (kein/weniger Verdienst in den Schulferien oder wenn Schüler mitten in Schuljahr ihre Verträge kündigen).

Also habe ich heute meine Nachhilfestelle gekündigt. Obwohl ich die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen sehr mag und sie mir Mut macht im Kampf gegen die Depression, weil ich nämlich das Gefühl habe, dort etwas Sinnvolles zu tun. Und ich den Verdienst von dort gerne dazu nehmen wollte, um vielleicht ein bisschen anzusparen oder einfach, um Rechnungen bezahlen zu können, ohne jeden Cent zwei Mal umdrehen zu müssen, denn ich habe aktuell ja keinen Baföganspruch mehr.

Jetzt darf ich meinen Nachhilfeschülern und ihren Eltern also erklären, dass ich nach den Sommerferien nicht mehr wie zuerst gesagt weiter unterrichten kann.

Danke, Krankenkasse. Danke, unfaires System.