Nicht persönlich nehmen

„Es hat nichts mit Ihnen persönlich zu tun,“ riet mir meine Therapeutin vor einiger Zeit, falls es mit der gewünschten Stelle nicht klappen sollte.

Dass Absagen auf Bewerbungen nichts mit mir als Mensch zu tun haben, weiß ich. Nur emotional ist es (mal wieder …) etwas Anderes. Da wird aus Standardabsagefloskeln à la „Leider haben wir uns für einen anderen Bewerber entschieden“ ein „Du bist UNZUREICHEND“ und andere Nettigkeiten mehr, die mir mein innerer Kritiker an den Kopf knallt.

Ich versuche seit einiger Zeit einen Fuß in zwei Arbeitsfelder zu bekommen, von dem sich mein vertrautes Umfeld inklusive mir selbst (ja, ich kann auch mal selbstsicher sein zur Abwechslung 😉) sicher sind, dass sie ziemlich gut zu mir passen. Ich habe erste Vorerfahrungen in diesen Bereichen und praktische Erfahrungen in anderen, da ich neben dem Studium so gut wie immer gejobbt habe. Ich mag mein Studiumfach, bin motiviert und habe gute Noten. Ich verfüge über angemessene Umgangsformen und kleide mich bei Vorstellungsgesprächen entsprechend; man sagt mir nach, ich wäre freundlich … Und trotzdem klappte es bishernicht.

„Wieso?,“ flüstert es in mir, „warum reicht es nicht? Warum darf ich nicht auch mal Glück haben in dieser Hinsicht? Warum nehmen sie immer wieder die anderen und nicht mich? Warum schaffe ich es oft in die engere Auswahl, um letzlich dann doch eine Absage zu kassieren? Warum reiche ich ihnen nicht?“

Man hört immer, wenn man für seine Träume kämpft, werden sie wahr. Aber bei mir anscheinend nicht. Woran liegt das? Einfach Pech, wie meine Therapeutin meinte, dass andere Bewerber vielleicht einen kleinen Vorsprung bei einem Aspekt hatten, der mir fehlte?

Oder bin ich vielleicht nicht für meine Wunschstellen geeignet und will das nur nicht sehen?

Ist es, weil ich Fremden gegenüber leider nicht so selbstsicher auftrete wie manche anderen Bewerber – weil ich eben introvertiert statt extrovertiert bin, dazu noch eine Angsterkrankung habe, die mich in manchen Punkten beeinflusst – weil ich meine Stärken erst nach und nach in der Praxis zeigen kann, statt sie schon im Vorstellungsgespräch auf dem Silbertablett zu präsentieren?

Sollte ich mein Motto „Lieber bescheiden statt angeberisch“ besser ins Gegenteil verkehren, da extrem selbstbewusste Typen ja anscheinend beliebter sind bei Personalern und Co.?

Oder brauche ich einfach mehr Geduld und irgendwann wird es schon noch klappen?

Mein Zwangsmonster liebt Grübeleien jeglicher Art und freut sich sehr über all diese Fragen. Sie locken auch depressive Gedanken an, wenn ich nicht aufpasse.

Ich bin aber nicht nur traurig, sondern auch wütend und enttäuscht. Wütend und enttäuscht von Arbeitgebern, die sich trotz zugesicherter Rückmeldung einfach nicht mehr melden, obwohl man vielleicht sogar schon ein oder zwei Runden weiter war im Auswahlprozess. Oder die auf höfliche Nachfragen nach dem Stand des Bewerbungsverfahrens nach mehreren Wochen nicht reagieren und die Mühe und die Hoffnungen der Bewerber damit respektlos behandeln.

„Wütend sein ist gut,“ sagt meine Therapeutin, denn Wut gebe Energie für Veränderungen. Überhaupt scheinen sich so gut wie alle Therapieleute, die ich bisher kennen gelernt habe, einig darüber zu sein, dass ich ein Problem mit Wut an sich habe und es daher gut für mich sei, wenn ich lerne, meine Wut zuzulassen und (angemessen) zu äußern, statt sie zu verdrängen oder an mir selbst auszulassen. Ich glaube, sie haben Recht damit.

Also: Ich bin dann mal wütend!

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Gestern und Heute

Gestern Anspannung – Unruhe – Will meine Aufgaben erledigen und schaffe nur die Hälfte – Selbstvorwürfe – Na los, mach schon! -Antriebslos und lustlos, wo ist meine Energie? – Grübeln und Zweifeln-Abwärtsspirale –

Zwangsgedanken – Zwangshandlungen – Ordnen – Verschieben – Symmetrie – gute Farben, schlechte Farben – abergläubische Ängste – magisches Denken – Tu das nicht, sonst, passiert etwas Schlimmes! – Angst – Schuldgefühle – Scham –

Die Angst kommt in Wellen- Immer dieses elende Was wäre, wenn …?! – Angst zu versagen – Angst vor Armut – Angst vorm kränker Werden – Angst vor den anderen, Angst vorm Ausgeschlossen werden – Ich bin zu anders – Angst vorm Leben – Angst vorm Sterben – Angst-

Derealisation – Depersonalisation  – Bin nicht wirklich da – Ungebetene Erinnerungen kommen durch meine Mauern, die die Therapie Stein für Stein abträgt – Es tut weh – Manchmal will ich meine schützenden Mauern gerne zurück, auch wenn ich weiß, dass sie mir langfristig nicht gut tun – Ach, stell dich nicht so anSo schlimm war das doch nicht – Anderen geht es viel schlechter – Ich bin erwachsen und doch wieder Kind – Bitte schrei´ mich nicht an!Bitte verlasst mich nicht! – Und zwischendurch Wut, die ich nicht richtig zeigen kann – „Lassen Sie Ihre Wut raus,“ sagen die Psych-Fachleute – Und ich würde es gerne und kann es doch nicht gut – Ich schlucke sie, die Wut und dann geht sie letztlich gegen mich –

Graue Gedankenspiralen – innerer Kritiker – Du wirst wieder versagenDas schaffst du nicht!Was kannst du schon? – Trichotillomanie, ein Haar nach dem anderen – Das Reißen tut weh, aber nicht so weh wie das Chaos im Inneren – Liegen bleiben und nicht mehr aufstehen ist sehr verlockend – Ich will nicht mehr so fühlen müssen – Ist das nicht alles sinnlos?Hilfe, ich bin verloren in mir selbst! – Wer rettet mich? – Niemand kann das, wirklich helfen kann ich mir nur selbst – Ach-

Zu viel – Irgendwann genug, Bedarfsmedikament und ich warte – Ah da ist sie, die Müdigkeit, gibt mir für die nächsten Stunden Ruhe – Endlich Linderung- Im Schlaf bin ich frei –

Und heute, ein neuer Tag – Ich will ihn leben – Ich kämpfe für mich – Schritt für Schritt – Mein Weg führt zu mir und aus den Schatten in die Sonne.

„Versager“-Gedanken

Ich habe eine Absage für ein Stipendium bekommen, auf das ich mich beworben hatte. Nicht so schlimm, keine große Sache bei mehreren hundert Bewerbern, könnte man sagen. Nicht ausgewählt worden zu sein bedeutet nicht, nicht gut zu sein oder in Zukunft nicht die Chance auf andere Optionen zu haben. Außerdem hatte ich schon mal ein Stipendium vor ein paar Jahren. Rein rational ist mir das alles klar. Mein innerer Kritiker sieht das jedoch mal wieder anders und tobt sich gerade so richtig aus:

Ich sag’s dir doch, du bist nicht gut genug.“

„Du hast zu lange im Studium gebraucht, deshalb wollen sie dich nicht. Du warst zu lange krank. Hättest du dich mal mehr zusammengerissen! Andere Zwangserkrankte/Depressive/Menschen mit Angststörung haben sich besser im Griff und ihr Studium nicht so in die Länge gezogen wie du. Da nützt dir dein guter Notenschnitt auch nichts.“

Du bist keine „richtige“ Akademikerin und man merkt dir das an.“

Versager, Versager, heul doch …“

Dass diese Gedanken völlig überzogen sind und der Situation in keiner Weise angemessen, weiss ich. Einer Freundin würde ich erklären, dass es absolut ungerechtfertigt ist, sich selbst so fertig zu machen. Aber bei mir selbst, da haut das irgendwie nicht hin. Leider.

Leistung und Perfektionismus, früher im schulischen, jetzt im universitären Bereich, das sind zwei meiner zentralen Themen. Wenn ich überdurchschnittlich gut bin, meine Begabung im sprachlichen Bereich von außen bestätigt bekomme, dann bekomme ich viel Anerkennung von meinem Vater, so habe ich es damals als Kind gelernt. Dann ist er sehr stolz auf mich. Je mehr ich als erste Abiturientin in unserer Familie leiste, um so besser. Ich bin dann der Beweis dafür, dass unsere Familie genau so viel erreichen kann wie eine „Akademikerfamilie“. Irgendwann hatte ich dieses Motto wohl tief verinnerlicht und war dabei es, unabhängig von meinen Eltern, es auf die Spitze zu treiben. Eine Zwei statt wie sonst eine Eins geschrieben in meinen Lieblingsfächern? -> Weltuntergang. Peinlich, das zuzugeben, aber so war es. Lernen, das war etwas, in dem ich mich hervortat, das mich ablenkte von unangenehmen Gefühlen verschiedener Art und mir zur Kompensation meiner inneren Unsicherheit diente.

Deine Eltern haben sich getrennt und einen Rosenkrieg angefangen? Denk´ nicht weiter drüber nach, du hast ja deine guten Noten.

Und ähnliche Beispiele mehr.

Ich lern(t)e gerne und liebe Bildung, aber bis heute sind meine Erfolge in diesem Bereich viel zu eng an meinen Selbstwert geknüpft. Geht eine Prüfung mal schief, was ja nur menschlich ist, oder steht eine schlechtere Note da, als ich angestrebt habe, sind andere besser als ich, nagt das in der Regel ziemlich an meinem Selbstwert. Manchmal werde ich dann auch trotzig und eifersüchtig wie ein kleines Kind, wenn andere in „meinen“ Bereichen besser sind oder beneide sie, wenn sie Lob bekommen und ich nicht. Dieses Verhalten mag ich ganz und gar nicht an mir.

„Ich muss besonders gut sein in etwas, nur dann bin ich etwas wert!“

„Durchschnittlich Sein geht gar nicht!“

„Lob und Pausen verdiene ich nur, wenn ich sehr gut bin. Sonst darf ich auch nicht stolz auf mich sein!“

In der Schematherapie nennt sich so ein inneres Muster „unerbittliche Ansprüche“ . Solche Glaubenssätze möchte ich endlich loslassen. Ich möchte studieren, lernen, weil mich die Themen interessieren und nicht mehr auf so selbstzerstörerische Weise meinen Selbstwert an Erfolgen festmachen. Gut sein wollen in etwas, das einem wichtig ist, das finde ich völlig okay. Aber sich selbst so zerfleischen? Nein bitte nicht mehr, das lief schon lange genug so.