Manchmal (3)

Manchmal mag ich nicht mehr. Dann mache ich trotzdem weiter. Und mit etwas emotionalem und zeitlichen Abstand bin ich dann froh darüber, (mich) nicht aufgegeben zu haben.

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Über’s vermeintliche Ertrinken

Inzwischen hatte ich zum ersten Mal Zwangs-Therapiegruppe. Ich freute mich darauf und war gespannt, ob ich viel Neues dazu lernen oder vor allem auf schon Bekanntes treffen würde. Im Nachhinein: Es war eine gute Mischung. Die „Basics“ kannte ich schon durch meine erste stationäre Behandlung, aber es waren auch einige spannende neue Ansätze dabei und Erkenntnisse, die sich aus der Diskussion und dem Erfahrungsaustausch mit meinen Mitpatienten ergaben.

Irgendwann kam dann aber der Wendepunkt im Laufe der Therapiestunde, an dem meine Stimmung von „alles im Lot“ ins Gegenteil kippte. Genauer gesagt dann, als der Therapeut spontan eine kleine Übung mit uns machen wollte, die um’s magische Denken kreiste und dazu gedacht war zu verdeutlichen, dass auch gesunde Menschen manchmal Verhaltensweisen und Unbehagen bei diesem Thema haben.

Für mich stellte das Ganze allerdings eine unerwartete Konfrontationsübung dar, da es zufällig um einen meiner quälensten Zwangsgedanken ging. Kurz nachdem der Therapeut die Übung erklärt hat, spürte ich Angst in mir aufkommen und immer mächtiger werden. Ziemlich schnell sagte ich, dass ich die Aufgabe nicht mitmachen würde – und versank im Gefühlssturm in meinem Inneren aus Angst, Scham und Schuldgefühlen. Irgendwann hieß es dann Wasser Marsch.

Na super – jetzt weinst du auch noch vor der Gruppe!

Du bist ein Freak. Keiner der anderen stellt sich so an.

Mein Impuls war, aufzuspringen und den Raum zu verlassen. Aber ich blieb sitzen und hielt tatsächlich bis zum Ende der Stunde durch. Darauf bin ich etwas stolz.

Die nächsten 5, 6 Stunden versuchte ich, mich runterzuregulieren. Was aber nur bedingt klappte. Schreiben mit einer lieben Freundin, Mandalas Ausmalen, mich in die Ruhe meines Zimmers zurückziehen, Imaginationsübungen, für mich analysieren, welche alten Muster hinter diesen heftigen Gefühlen stecken könnten – all diese Dingen halfen, aber eben nur langsam. Meine Gefühle erschienen mir so mächtig, dass ich meinte, darin zu ertrinken. Es fühlte sich an wie totaler Kontrollverlust. Und.ich.hasse.Kontrollverlust.und.Oh-machtsgefühle.

Gerne hätte ich mit meiner Einzeltherapeutin gesprochen, aber sie war an diesem Tag nicht im Haus. Zu einem der anderen Therapeuten oder der Bezugspflege traute ich mich nicht, da ich sie noch nicht so gut kenne (Hallo soziale Ängste …). Ich überlegte, ob ich mir mein Bedarfsmedikament holen sollte, aber auch das setzte etwas voraus, was mir noch schwer fällt: zum medizinischen Stützpunkt gehen und mein Anliegen erklären. Ich hatte Angst, mich vielleicht rechtfertigen zu müssen oder ein „Nein“ zu hören zu bekommen. Außerdem grübelte ich darüber, ob das nicht Vermeidungsverhalten wäre: ein Medikament nehmen und damit die unliebsamen Gefühle wegdrücken, wo ich doch lernen wollte und sollte, sie zuzulassen. Aber andererseits: Wäre es nicht vernünftig, die hohe innere Anspannung mit Hilfe des Medis zu beenden, um mich dadurch regenerieren und neue Kraft tanken zu können? (Grübelte sie mal wieder ohne klares Ergebnis.) Irgendwann schloss ich dann mit mir selbst den Deal, noch ein paar Stunden abzuwarten. Sollten Angst und Co. bis dahin nicht besser sein, wollte ich aller Angst zum Trotz zur MZ marschieren und mir Bedarf holen.

Aber das war gar nicht nötig. Denn irgendwann war sie vorbei, die Emotionswelle. Was am Ende dazu beigetragen hat, kann ich gar nicht so wirklich sagen. Vielleicht konnte es erst besser werden, als ich aufgehört habe, mir selbst Druck zu machen?

Diese schrecklichen Gefühle sollen jetzt sofort aufhören!“

Oder lag es eher daran, dass ich aufgehört habe, zu katastrophisieren?

Ich halte diese Gefühle nicht aus! Es fühlt sich so an, als würde es niemals enden!“

An den verschiedenen Skills?

Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich eine Mischung aus allem … Heute schaffte ich es jedenfalls, meine Scham und mein Leistungsdenken sowie die ewige Vergleicherei zu überwinden.

Du solltest das inzwischen allein ohne Hilfe schaffen! Wenn du deine Therapeutin fragst, bist du schwach oder nervst sie!

Anderen hier geht es schlechter, sie haben viel mehr Recht als du auf Hilfe!

Ergebnis: ein sehr gutes Gespräch mit ihr, das mir geholfen hat, die Situation besser zu verstehen und mir Handlungsmöglichkeiten für ähnliche Situationen in der Zukunft aufzuzeigen. Plus: Nelia führt jetzt eine Woche Anspannungsprotokolle aus und lernt das Skillen 😙

Scham, immer noch

Und da war sie wieder, die Scham, als ich bei meinem Hausarzt anrief, um die jedes Quartal notwendige Überweisung für die PIA (psychiatrische Institutsambulanz) zu besorgen. Hätte ich um eine Überweisung zum Kardiologen oder einem anderen Facharzt gebeten, ich hätte diese Scham nicht gespürt, das weiß ich. Meine chronische Schilddrüsenerkrankung ist mir ebenfalls nicht peinlich, nur meine F-Diagnosen.

Da schreibst du einen Blog u.a. in der Absicht, gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen anzugehen – und schämst dich dann selbst (immer noch) dafür, psychisch krank zu sein. Finde den Fehler.