Herausfordernd

Fünf Wochen bin ich nun schon in der Klinik und wage zu sagen, dass bisher wohl kein Klinikaufenthalt so herausfordernd für mich war wie dieser.

Ob das daran liegt, dass wir uns hier intensiv mit der Zwangsstörung beschäftigen, die mich von meinem Erkrankungen ja am längsten begleitet und sich dementsprechend verfestigt hat? Einen Teil dazu trägt sicher auch bei, dass ich gerade weit weg von Zuhause bin und mich öfters einsam fühle wenn ich sehe, dass meine Mitpatienten zur Belastungserprobung am Wochenende nach Hause gehen oder Besuch bekommen.

Ich merke immer wieder, wie viel Erfahrungen sie hier auf Station haben mit der Behandlung von Zwangsstörungen. Wie gut wäre es gewesen, wäre ich damals bei Erkrankungsbeginn direkt hier hin gekommen …

Bisher habe ich schon zwei Expositionsübungen gemacht (weitere folgen) und erarbeite mir gerade einen anderen Umgang mit meinen Zwangsgedanken. Das setzt tägliches Üben und das Überwinden von Ängsten und Scham voraus.

Ehrlich gesagt habe ich trotzdem wiederholt den Gedanken gehabt, den Aufenthalt abzubrechen. Weil ich das Gefühl hatte, das alles nicht aushalten zu können, dass es mich überwältigt.

Aber: Aufgeben gilt nicht.

Impftermin mit Hindernissen ;-)

Der zweite Impftermin steht an, dieses Mal an einem anderen Ort als beim ersten Mal. Am Tag davor merke ich, wie sich allmählich Anspannung in mir aufbaut:

Werde ich das mir bis dato unbekannte Gebäude gut finden? Und wie werde ich mich innerhalb des Gebäudes zurechtfinden? (Beim ersten Termin lief das alles etwas unübersichtlich ab.) Was, wenn es keine Ansprechpartner vor Ort gibt und ich mich verlaufe? Werde ich nach der Impfung wieder Allergiesymptome entwickeln und was, wenn diese schlimmer werden als nach der ersten Impfung oder ich sogar einen allergischen Schock entwickle? Mein Kopfkino malt sich fröhlich Szenarien aus.

Zeitsprung, der Impftag ist gekommen. Dank Google Maps und Co. finde ich den Weg gut und komme etwas zu früh an, sodass ich noch einen Moment in der Sonne sitzen und lesen kann. Das beruhigt mich. Nun geht es ins Gebäude hinein, wo ein Mann die Ankommenden begrüßt, die Temperatur misst und die Besucher weiterleitet. Es gibt also einen Ansprechpartner, sehr gut. Doch als er mir Anweisungen gibt, merke ich erstmals an diesem Tag Angstsymptome: Meine Hände zittern beim Überreichen des Impfbogens. Es ist mir unangenehm und ich würde gerne aus seinem Sichtfeld verschwinden. Hallo, soziale Phobie.

Der Mann leitet mich weiter und ich komme an einer Absperrung entlang, der ich folgen soll. Natürlich gehe ich falsch herum und werde zurechtgewiesen. Zwar freundlich, aber allein auzufallen lässt meine sozialen Ängste weiter aktiv sein.

Nun soll ich mich in den Wartebereich im Flur hinsetzen. Ich sitze kaum, als eine Mitarbeiterin mich anspricht und nach meinem Anamnesebogen fragt. Ich händige ihn ihr wie gewünscht aus. „Auch den Impfpass?,“ frage ich, was sie bejaht. „Hättest du dir eigentlich denken können,“ schimpft mich mein innerer Kritiker aus und wieder fühle ich mich wie der Tollpatsch vom Dienst. Da ich merke, das mein Anspannungslevel hoch ist, versuche ich es mit einer Atemübung. Erfolg nur bedingt. Doch viel Zeit zum Durchatmen (oder Grübeln …) bleibt mir auch nicht, denn ich werde zeitnah in dem Impfraum gerufen. Dort befinden sich drei Mitarbeiter in weißen Kitteln, was meine Angst gleich noch höher schießen lässt. Ich weiß, es besteht kein Grund dazu, aber dass es doch mehr „Fremde“ sind als gedacht reicht schon, um meinen Puls in die Höhe zu treiben. Anscheinend sieht man mir meine Gemütslage an, denn der Arzt fragt mich nach kurzem Smalltalk direkt, ob ich denn Angst vorm Impfen hätte. „Nicht vorm Impfen, sondern mehr vor der sozialen Situation,“ erkläre ich und oute mich kurzerhand. Daraufhin fragen der Arzt und seine Mitarbeiterin mich über meine soziale Phobie aus, während sie gleichzeitig die Impfung vorbereiten und dann durchführen. Klassisches Ablenkmanöver. Ein Teil von mir ist dankbar, dass sie mir helfen möchten, dem andere Teil ist es sehr unangenehm, dass wir gerade über dieses Thema sprechen müssen, so als würde der Fokus auf die sozialen Ängste diese noch verstärken. Während der Unterhaltung bemerke ich, dass Derealisation eingesetzt hat: Es kommt mir vor, als sei die Welt um mich herum unecht und als seien meine Gesprächspartner weit von mir entfernt. Ich muss also gerade wirklich angespannt sein.

Um so erleichtert bin ich, als es geschafft ist und ich das Zimmer Richtung Nachbeobachtungsraum verlassen kann. Immer noch zittrig lasse ich mich dort auf einen freien Platz sinken und warte die halbe Stunde ab, bis ich gehen und mich auf den Weg zur Arbeit machen kann. In meinen Gedanken hallen die Situationen noch nach, ich schäme mich für meine sozialen Ängste und bin besorgt, ob zeitnah erste Allergiesymptome einsetzen werden. Zu schade, dass ich nach der ganzen Chose nicht frei habe!

Dahinter schauen

Im Teenageralter begann meine Zwangsstörung, mit 20 kamen eine rezidivierende Depression und Panikattacken dazu.
Bis ich mit Mitte 20 durch Zufall bei meiner Therapeutin landete, wurde ich vor allem symptombezogen behandelt. Sprich, wir arbeiteten an der Depression, wir arbeiteten an der Zwangsstörung und schauten auf mögliche Zusammenhänge mit meiner aktuellen Lebenssituation.
Das große Ganze aber hatte irgendwie niemand so recht im Blick. Es gab zwar zwei Fachleute, die in die Vermutung äußerten, dass doch „mehr“ dahinter stecken könnte, wenn bei einem jungen Mensch so relativ häufig schwere depressive Episoden auftreten, aber diesen Vermutungen ging niemand nach (inklusive mir). In meiner Biografie fand sich auf den ersten Blick schließlich auch nichts, was unter die Kategorie „traumatisierend“ hätte fallen können.

Die Arbeit an den Symptomen und aktuellen Problemen brachte zwar Besserungen, doch immer nur vorübergehend, was mich irgendwann ungemein frustrierte und mutlos stimmte. Lange fühlte ich mich hilflos und meinen Erkrankungen mehr oder weniger ausgeliefert. Ich kämpfte mit Schuldgefühlen, mir vielleicht nur nicht genug Mühe gegeben zu haben mit meiner Genesung oder in Wahrheit gar nicht gesund werden zu wollen und war andererseits aber auch wütend, dass ich nicht gesund sein „durfte“, wo ich mich doch so anstrengte …

Dann kam ich zu meiner Therapeutin, die nach und nach hinter die Fassade aus Symptomen schaute. Die mir irgendwann erklärte, dass ich in meiner Kindheit und Jugend psychische Gewalt und emotionalen Missbrauch durch eines meiner Elternteile erlebt habe und dass dadurch viele meiner ungesunden Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensmuster (Schemata) entstanden seien. Als Bewältigungsstrategien, die ich damals gebraucht habe und die sich mit den Jahren so eingebrannt haben, dass sie heute immer noch beinahe automatisch ablaufen würden, obwohl sie im Hier und Jetzt nicht mehr nötig seien.

In früheren Posts habe ich schon darüber geschrieben, dass es mir schwer fällt, Begriffe wie „Trauma“ oder „traumatisiert“ im Zusammenhang mit meinen Erfahrungen zu benutzen.

Traumatisiert kann man doch nur sein, wenn man körperliche oder sexuelle Gewalt, einen Unfall oder Ähnliches erlebt hat?

So hatte ich es verinnerlicht. Vielleicht unter anderem deswegen fiel es mir längere Zeit schwer, die Erklärungen meiner Therapeutin anzunehmen. Sie gebrauchte nie den Begriff Trauma, wenn wir über meine Erfahrungen sprachen, aber ihre Argumentationsweise schien mir in diese Richtung zu weisen.

Irgendwann fragte ich sie direkt danach, weil ich gerne Gewissheit wollte: Ob sie der Meinung sei, man könne sagen, dass mich die Erfahrungen von damals traumatisiert haben? „Ja“ war ihre Antwort, die mich entlastete, weil sie mir ein neues Selbstverständnis und Selbstmitgefühl ermöglichte.

Nun hatte ich eine Erklärung dafür, weshalb vor allem symptombezogene Behandlungsansätze bei mir nie langfristig geholfen haben und weshalb mich bis heute im Alltag manchmal  Kleinigkeiten in sehr unschöne emotionale Zustände versetzen können (inzwischen weiß ich, es handelt sich dabei um emotionale Flashbacks, wenn mich etwas triggert). Oder weshalb ich mich leider schon mehrmals in ungesunden Beziehungsdynamiken wiedergefunden habe, die Parallelen zu bestimmten Kindheitserfahrungen aufweisen.

Aber die Zweifel, die Schuldgefühle und die Scham meldeten sich zwischendurch immer wieder:

Habe ich wirklich das Recht zu sagen, ich bin traumatisiert ohne PTBS-Diagnose? Oder maße ich mir damit etwas an, was mir nicht zusteht und tue wirklich Betroffenen Unrecht?

Suche ich vielleicht nur Ausreden dafür, warum mein Leben so verlaufen ist, wie es verlaufen ist ab einem bestimmten Zeitpunkt?

Will ich nur Mitleid?

Tue ich meinem Elternteil Unrecht, wenn ich sage, sein Verhalten hat mich traumatisiert?

Und warum hänge ich mich so sehr an Termini auf und brauche die Bestätigung von Fachleuten, dass „es“ schlimm war statt einfach meiner eigenen Einschätzung zu vertrauen?

Es wäre gelogen, wenn ich sage, dass ich diese Gedanken und Unsicherheiten heute nicht mehr habe. Aber ich kann auch sagen, dass die Hartnäckigkeit und Geduld meiner Therapeutin in diesen Punkten, das Lesen über die Erfahrungen anderer Betroffener seelischer Gewalt, das Kennenlernen verschiedener (ähnlicher) Lebensgeschichten im Rahmen der EX-IN-Ausbildung und anderes mir geholfen haben, für mich anzunehmen:

Emotionale Gewalt ist auch Gewalt.

Auch emotionale Gewalt in Kindheit oder Jugend kann die Entwicklung eines Menschen negativ beeinflussen bzw. ihn krank machen.

Im Krankheitsbild der komplexen PTBS, das im ICD 11 neu eingeführt werden soll, spiegeln sich einige der Problematiken wieder, die ich von mir kenne: ein negatives Selbstbild und die schnelle Neigung zu Schuld- und Schamgefühlen, Probleme mit der Regulation bestimmter Gefühle, Derealisation und Depersonalisation. Damit möchte ich mich jetzt nicht selbst diagnostizieren. Ich finde es vielmehr gut zu sehen, dass unter Fachleuten anscheinend ein Wandel oder zumindest eine Diskussion eingesetzt hat und Erfahrungen, die sich mit dem Begriff „seelische Gewalt“ beschreiben lassen, heute mehr Beachtung finden als vor einigen Jahren noch. Was hoffentlich zur Folge hat, dass noch mehr Menschen mit ähnlichen Erlebnissen geholfen wird und dass mehr Behandler*innen und Betroffene auf die Idee kommen zu schauen, was hinter einem Schleier aus Symptomen, die trotz Behandlung immer wieder auftauchen, an (ungesehenen) alten seelischen Verletzungen schlummern könnte, die vielleicht nicht in „klassische“ Traumakategorien fallen, sich nichtsdestotrotz aber toxisch auf die Entwicklung Betroffener ausgewirkt haben.