Ich hab’s dann mal eine weitere Diagnose …

… bzw. habe ich sie eigentlich schon länger, nur habe ich das Thema in der Vergangenheit gerne verdrängt. Vor ein paar Jahren gab es hier auch schon einmal einen Blogpost dazu, den ich dann aus Scham aber wieder gelöscht habe. Denn ja, ich schäme mich für diese Diagnose. Auch wenn mir bewusst ist, dass Diagnosen nichts real Existierendes sind, sondern nur Hilfskonstrukte, um bestimmte Phänomene besser beschreiben zu können. Ich weiß auch, dass ich so viel mehr bin als eine Diagnose und ich mich nicht darüber definieren sollte.

Und trotzdem hat es etwas mit mir gemacht, als das Gespräch in der letzten Therapiestunde auf das Thema Persönlichkeitsstörungen kam und ich das als Anlass nahm, um meine Therapeutin zu fragen, ob ich ihrer Einschätzung nach nur eine Persönlichkeitsakzentuierung (d.h. nicht so starke Ausprägung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale) oder eine Persönlichkeitsstörung habe. Ihre Meinung war dann, dass man von der Ausprägung her bei mir von einer Persönlichkeitsstörung sprechen kann, und zwar der dependenten Persönlichkeitsstörung.

„Uh, dependent, das bedeutet abhängig und abhängig bedeutet, dass du du schwach bist!,“ meldet sich mein fieser innerer Kritiker zu Wort. „Was an dir ist eigentlich noch normal?!“

Vielleicht versteht ihr jetzt, wieso ich mich so sehr für diese Erkrankung schäme. Mein innerer Kritiker setzt sie nämlich automatisch mit schwach Sein gleich, damit, keine eigene Persönlichkeit zu haben, sich nicht durchsetzen zu können und sich abhängig von anderen zu machen. Und mein inneres Kind hat Angst, dafür von anderen verurteilt zu werden, davor, dass man mich nicht mehr für voll nimmt.

Aber ich möchte lernen, anders damit umzugehen. Mich nicht mehr dafür zu schämen oder das Thema tot zu schweigen. Deswegen ist es meine erste Challenge, diesen Post jetzt zu veröffentlichen und hinterher nicht wieder zu löschen. Und vielleicht werde ich in Zukunft noch mehr darüber schreiben, falls euch das Thema interessiert?

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Herausfordernd

Fünf Wochen bin ich nun schon in der Klinik und wage zu sagen, dass bisher wohl kein Klinikaufenthalt so herausfordernd für mich war wie dieser.

Ob das daran liegt, dass wir uns hier intensiv mit der Zwangsstörung beschäftigen, die mich von meinem Erkrankungen ja am längsten begleitet und sich dementsprechend verfestigt hat? Einen Teil dazu trägt sicher auch bei, dass ich gerade weit weg von Zuhause bin und mich öfters einsam fühle wenn ich sehe, dass meine Mitpatienten zur Belastungserprobung am Wochenende nach Hause gehen oder Besuch bekommen.

Ich merke immer wieder, wie viel Erfahrungen sie hier auf Station haben mit der Behandlung von Zwangsstörungen. Wie gut wäre es gewesen, wäre ich damals bei Erkrankungsbeginn direkt hier hin gekommen …

Bisher habe ich schon zwei Expositionsübungen gemacht (weitere folgen) und erarbeite mir gerade einen anderen Umgang mit meinen Zwangsgedanken. Das setzt tägliches Üben und das Überwinden von Ängsten und Scham voraus.

Ehrlich gesagt habe ich trotzdem wiederholt den Gedanken gehabt, den Aufenthalt abzubrechen. Weil ich das Gefühl hatte, das alles nicht aushalten zu können, dass es mich überwältigt.

Aber: Aufgeben gilt nicht.

Impftermin mit Hindernissen ;-)

Der zweite Impftermin steht an, dieses Mal an einem anderen Ort als beim ersten Mal. Am Tag davor merke ich, wie sich allmählich Anspannung in mir aufbaut:

Werde ich das mir bis dato unbekannte Gebäude gut finden? Und wie werde ich mich innerhalb des Gebäudes zurechtfinden? (Beim ersten Termin lief das alles etwas unübersichtlich ab.) Was, wenn es keine Ansprechpartner vor Ort gibt und ich mich verlaufe? Werde ich nach der Impfung wieder Allergiesymptome entwickeln und was, wenn diese schlimmer werden als nach der ersten Impfung oder ich sogar einen allergischen Schock entwickle? Mein Kopfkino malt sich fröhlich Szenarien aus.

Zeitsprung, der Impftag ist gekommen. Dank Google Maps und Co. finde ich den Weg gut und komme etwas zu früh an, sodass ich noch einen Moment in der Sonne sitzen und lesen kann. Das beruhigt mich. Nun geht es ins Gebäude hinein, wo ein Mann die Ankommenden begrüßt, die Temperatur misst und die Besucher weiterleitet. Es gibt also einen Ansprechpartner, sehr gut. Doch als er mir Anweisungen gibt, merke ich erstmals an diesem Tag Angstsymptome: Meine Hände zittern beim Überreichen des Impfbogens. Es ist mir unangenehm und ich würde gerne aus seinem Sichtfeld verschwinden. Hallo, soziale Phobie.

Der Mann leitet mich weiter und ich komme an einer Absperrung entlang, der ich folgen soll. Natürlich gehe ich falsch herum und werde zurechtgewiesen. Zwar freundlich, aber allein auzufallen lässt meine sozialen Ängste weiter aktiv sein.

Nun soll ich mich in den Wartebereich im Flur hinsetzen. Ich sitze kaum, als eine Mitarbeiterin mich anspricht und nach meinem Anamnesebogen fragt. Ich händige ihn ihr wie gewünscht aus. „Auch den Impfpass?,“ frage ich, was sie bejaht. „Hättest du dir eigentlich denken können,“ schimpft mich mein innerer Kritiker aus und wieder fühle ich mich wie der Tollpatsch vom Dienst. Da ich merke, das mein Anspannungslevel hoch ist, versuche ich es mit einer Atemübung. Erfolg nur bedingt. Doch viel Zeit zum Durchatmen (oder Grübeln …) bleibt mir auch nicht, denn ich werde zeitnah in dem Impfraum gerufen. Dort befinden sich drei Mitarbeiter in weißen Kitteln, was meine Angst gleich noch höher schießen lässt. Ich weiß, es besteht kein Grund dazu, aber dass es doch mehr „Fremde“ sind als gedacht reicht schon, um meinen Puls in die Höhe zu treiben. Anscheinend sieht man mir meine Gemütslage an, denn der Arzt fragt mich nach kurzem Smalltalk direkt, ob ich denn Angst vorm Impfen hätte. „Nicht vorm Impfen, sondern mehr vor der sozialen Situation,“ erkläre ich und oute mich kurzerhand. Daraufhin fragen der Arzt und seine Mitarbeiterin mich über meine soziale Phobie aus, während sie gleichzeitig die Impfung vorbereiten und dann durchführen. Klassisches Ablenkmanöver. Ein Teil von mir ist dankbar, dass sie mir helfen möchten, dem andere Teil ist es sehr unangenehm, dass wir gerade über dieses Thema sprechen müssen, so als würde der Fokus auf die sozialen Ängste diese noch verstärken. Während der Unterhaltung bemerke ich, dass Derealisation eingesetzt hat: Es kommt mir vor, als sei die Welt um mich herum unecht und als seien meine Gesprächspartner weit von mir entfernt. Ich muss also gerade wirklich angespannt sein.

Um so erleichtert bin ich, als es geschafft ist und ich das Zimmer Richtung Nachbeobachtungsraum verlassen kann. Immer noch zittrig lasse ich mich dort auf einen freien Platz sinken und warte die halbe Stunde ab, bis ich gehen und mich auf den Weg zur Arbeit machen kann. In meinen Gedanken hallen die Situationen noch nach, ich schäme mich für meine sozialen Ängste und bin besorgt, ob zeitnah erste Allergiesymptome einsetzen werden. Zu schade, dass ich nach der ganzen Chose nicht frei habe!