Scham, immer noch

Und da war sie wieder, die Scham, als ich bei meinem Hausarzt anrief, um die jedes Quartal notwendige Überweisung für die PIA (psychiatrische Institutsambulanz) zu besorgen. Hätte ich um eine Überweisung zum Kardiologen oder einem anderen Facharzt gebeten, ich hätte diese Scham nicht gespürt, das weiß ich. Meine chronische Schilddrüsenerkrankung ist mir ebenfalls nicht peinlich, nur meine F-Diagnosen.

Da schreibst du einen Blog u.a. in der Absicht, gegen die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen anzugehen – und schämst dich dann selbst (immer noch) dafür, psychisch krank zu sein. Finde den Fehler.

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So viel zum Thema Trichotillomanie

So viel zum Vorsatz, der Trichotillomanie den Kampf anzusagen: Zwei reißfreie Tage habe ich geschafft, dann kam der erste Rückfall. Läuft.

(*Im Folgenden beschreibe ich den Ablauf des Ganzen und meine Gefühle dabei. Ich bin mir unsicher, ob es für den ein oder anderen triggernd sein könnte, daher an dieser Stelle der Hinweis.)

Gestern hatte ich die Pinzette noch außer Sichtweite geräumt. Damit war ich einem Ratgeber-Tipp gefolgt, den ich sehr sinnvoll finde: mögliche Trigger zu entfernen. Denn der Anblick der Pinzette im Badezimmer hat mich in der Vergangenheit schon öfters zu dummen Aktionen verleitet. Leider kann ich einen anderen Trigger weniger gut vor mir verbergen: Nämlich mich selbst bzw. der Anblick meiner Haare. Als mein Blick beim Abtrocknen nach dem Baden umherwanderte, tauchte der Drang zum Reißen auf.

Du könntest doch eben … Nur dieses eine Haar da, da sieht komisch aus und fühlt sich auch komisch an.

Nein, besser nicht! Du kennst das doch. Es war schon so oft so, dass du nur ein Haar ziehen wolltest und nachher wurden es wieder zig. Fang gar nicht erst damit an, denk an deine Neujahrsvorsätze!

Ach komm, nur eins … Der Druck gerade ist nicht so hoch, da passiert nichts. Du hast das im Griff.

Und schon fand ich mich am Kleiderschrank wieder, in dem ich die Pinzette versteckt hatte und im nächsten Moment schon wie in Trance auf dem Badewannenrand sitzend. Ich riss das „komische“Haar heraus und fühlte mich bald darauf befreit und erleichtert.

So, jetzt solltest du das Ding aber weglegen!

Guck mal, die Haare da stören aber auch. Die könntest du auch noch eben rausziehen und dann aufhören.

Aus „auch noch eben“ wurden dann ungefähr 20 Minuten Haare Rausreißen (zeitlich bei mir ein mittlerer Wert, es gab schon kürzere und längere Episoden). Dabei kam mir der Umstand zur Hilfe, dass mein Mann außer Haus war. Die Gegenwart anderer hält mich nämlich manchmal ab, jedoch leider nicht immer. Das Reißen tut weh? Egal. Die Haut ist nachher gerötet oder ich muss sie aufkratzen oder tiefer bohren, um ans Ziel zu kommen und es blutet dabei? Egal. Erst am Ende meiner haarigen Eskapaden, wenn dieser starke innere Drang abgeklungen ist, fange ich wirklich an zu realisieren, was ich da getan habe und fühle hauptsächlich Scham, Schuldgefühle und je nach Stimmungslage auch Wut auf mich.

Wütend bin ich nun allerdings nicht, eher enttäuscht von mir. Heute morgen noch stolz im Kalender die zwei geschafften Tage eingetragen und wenige Stunden später dann das.

Meine Therapeutin riet mir für Situationen mit Reißdruck oft, aus der jeweiligen Situation zu gehen, am besten eine Runde rauszugehen. Diesem Rat stehe ich aber kritisch gegenüber: Ich will nicht jedes Mal die Situation verlassen und kann es auch nicht immer (z.B. spät abends). Meine Therapeutin in der Tagesklinik erklärte dagegen, ich solle bei der Trichotillomanie ähnlich wie bei den Zwängen vorgehen, d.h. lernen, den inneren Druck und die Anspannung auszuhalten, die auftreten, wenn ich nicht zupfe, ohne dabei auf Ablenkungen zurückzugreifen Das würde ich gerne, schaffe es aber momentan noch nicht. Mein Arzt erwähnte mal ein Neuroleptikum als medikamentöse Option, wenn ich das Problem anders nicht in den Griff bekomme. Aber diese Möglichkeit habe ich relativ schnell von meiner Liste gestrichen, denn meine Meinung zu Neuroleptika ist: Ja, wenn nötig und eindeutig indiziert, ansonsten nein, danke. Und soweit ich weiß, besteht da bei Trichotillomanie keine Indikation (wer mehr oder Anderes dazu weiß, darf gerne anmerken oder verbessern! ☺).

Was also jetzt tun?

Ich habe mir vorgenommen, erst einmal eine zeitlang Protokoll zu führen, ähnlich wie ich es aus der Therapie gegen die Zwänge kenne. Also aufzuschreiben, wann der Druck zum Reißen auftaucht (Situation), was mögliche innere und äußere Auslöser dafür gewesen sind (Gedanken, Gefühle …), wie hoch die Intensität des Gefühls ist und wie lange es anhält. Den Versuch dazu hatte ich vor ein paar Monaten schon mal gestartet, es dann aber nach kurzem wieder sein lassen. Jetzt noch mal also mit etwas mehr Disziplin, bitte, danke. Das wird mir hoffentlich helfen, Muster besser zu erkennen.

Der nächste Schritt wäre dann zu überlegen, was ich konkret in den jeweiligen Momenten tun kann anstatt zu reißen. In Ratgebern habe ich den Hinweis gefunden, Skills zu verwenden, die mit den Händen zu tun haben bzw. diese beschäftigen, um das Ausreißen quasi auf gleicher Ebene zu ersetzen. Kneten hilft mir zum Beispiel manchmal in diesen Momenten oder mit einem Haargummi herumspielen. Meine Therapeutin schlug noch Handarbeit vor, aber das liegt mir leider so gar nicht. Ein anderer Tipp, den ich gelesen habe: sich auf die Hände setzen oder Handschuhe anziehen (Wobei, Letzteres wäre mir irgendwie peinlich, auch wenn ich allein wäre und es somit niemand sieht …). Noch mehr motorische Skills? Gibt es bestimmt, fallen mir gerade nur nicht ein. Wenn ihr noch Ideen oder Erfahrungswerte habt, freue ich mich über Kommentare!

Ich starte also in Versuch Nummer zwei …

Gestern und Heute

Gestern Anspannung – Unruhe – Will meine Aufgaben erledigen und schaffe nur die Hälfte – Selbstvorwürfe – Na los, mach schon! -Antriebslos und lustlos, wo ist meine Energie? – Grübeln und Zweifeln-Abwärtsspirale –

Zwangsgedanken – Zwangshandlungen – Ordnen – Verschieben – Symmetrie – gute Farben, schlechte Farben – abergläubische Ängste – magisches Denken – Tu das nicht, sonst, passiert etwas Schlimmes! – Angst – Schuldgefühle – Scham –

Die Angst kommt in Wellen- Immer dieses elende Was wäre, wenn …?! – Angst zu versagen – Angst vor Armut – Angst vorm kränker Werden – Angst vor den anderen, Angst vorm Ausgeschlossen werden – Ich bin zu anders – Angst vorm Leben – Angst vorm Sterben – Angst-

Derealisation – Depersonalisation  – Bin nicht wirklich da – Ungebetene Erinnerungen kommen durch meine Mauern, die die Therapie Stein für Stein abträgt – Es tut weh – Manchmal will ich meine schützenden Mauern gerne zurück, auch wenn ich weiß, dass sie mir langfristig nicht gut tun – Ach, stell dich nicht so anSo schlimm war das doch nicht – Anderen geht es viel schlechter – Ich bin erwachsen und doch wieder Kind – Bitte schrei´ mich nicht an!Bitte verlasst mich nicht! – Und zwischendurch Wut, die ich nicht richtig zeigen kann – „Lassen Sie Ihre Wut raus,“ sagen die Psych-Fachleute – Und ich würde es gerne und kann es doch nicht gut – Ich schlucke sie, die Wut und dann geht sie letztlich gegen mich –

Graue Gedankenspiralen – innerer Kritiker – Du wirst wieder versagenDas schaffst du nicht!Was kannst du schon? – Trichotillomanie, ein Haar nach dem anderen – Das Reißen tut weh, aber nicht so weh wie das Chaos im Inneren – Liegen bleiben und nicht mehr aufstehen ist sehr verlockend – Ich will nicht mehr so fühlen müssen – Ist das nicht alles sinnlos?Hilfe, ich bin verloren in mir selbst! – Wer rettet mich? – Niemand kann das, wirklich helfen kann ich mir nur selbst – Ach-

Zu viel – Irgendwann genug, Bedarfsmedikament und ich warte – Ah da ist sie, die Müdigkeit, gibt mir für die nächsten Stunden Ruhe – Endlich Linderung- Im Schlaf bin ich frei –

Und heute, ein neuer Tag – Ich will ihn leben – Ich kämpfe für mich – Schritt für Schritt – Mein Weg führt zu mir und aus den Schatten in die Sonne.