Kampf mit dem inneren Kritiker

„Du arbeitest nicht in dem Beruf, für den du studiert hast. Und selbst das, was du jetzt machst, kriegst du nicht auf die Kette. Du Versagerin. Guck dich an, du bist über 30 und hast kaum etwas von den Dingen erreicht, die du dir immer für dein Leben erträumt hast. Hast keinen Mann mehr, keine Kinder und im Job läuft es auch nicht gut. Und dann noch die fünf Kilo mehr auf der Waage, die du nicht runterkriegst. Kein Wunder, dass A. dir einen Korb gegeben hat. Was will er mit so einer Depri-Tante wie dir? Dein Leben ist eine Reihe von Fehlschlägen und es wird nicht besser werden.“

So ähnlich tönt es durch meinen Kopf. In der Schematherapie würden wir sagen, es ist mein innerer Kritiker, der sich so gehässig äußert. Ich nenne es manchmal für mich auch die Stimme der Depression. Sie ist mal mehr, mal weniger laut. Heute ist sie besonders mächtig und ich muss viel Kraft einsetzen, um mich von ihr nicht niederbrüllen zu lassen.

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Die Sache mit dem alleine Sein

War ich eine zeitlang in Gesellschaft – z.B weil ich zu Besuch bei meiner Familie war oder weil jemand mich besucht hat – und bin danach wieder alleine, leide ich unmittelbar danach oft unter starken Verlassenheitsgefühlen und Einsamkeit. In der Schematherapie würden wir sagen, dass ich in solchen Situationen in ein kindliches Erleben rutsche. Ich fühle dann nicht mehr wie eine erwachsene Frau, sondern wie ein verängstigtes, trauriges Kind. Es ist mir gerade peinlich, das aufzuschreiben und doch entspricht es den Tatsachen.

Warum ich gerade darauf komme? Nun, ich befinde mich gerade auf dem Heimweg von einem Familienbesuch und habe jetzt schon Angst vor dem Moment, in dem ich nachher wieder alleine in meiner Wohnung bin. Früher, als ich noch mit meinem Ex-Partner zusammengewohnt habe, waren diese Ängste zwar auch da, aber nicht so ausgeprägt. Seit ich allein wohne, hat es sich deutlich verstärkt.

In der Therapie haben wir darüber gesprochen, dass ich lernen muss, mich in solchen Momenten selbst zu beruhigen und zu trösten. Meine innere Erwachsene soll dann zu dem verängstigten Kind sprechen und es liebevoll versorgen mit seinen Bedürfnissen. Das übe ich jetzt schon eine Weile und finde es immer noch sehr, sehr sehr schwer. Automatisch wünsche ich mir dann „Rettung“ von außen – dass jemand Vertrautes kommt und mich aus meinem Zustand „befreit“.