Gänseblümchen der Woche (33)

  • Ein Nachmittag mit meinem Vater. Auch wenn unser Verhältnis nicht einfach ist, habe ich mich gefreut, mit ihm Zeit zu verbringen.
  • Etwas Schönes geschenkt bekommen
  • Eine außerordentlich leckere Pizza gegessen
  • Telefonieren mit meiner Mutter & Schwester
  • Den schwierigen Resttag nach einer aufwühlenden Therapieübung am Morgen überstanden -> Mir erlaubt, mich nach der Übung nur noch auszuruhen und nichts mehr für die Uni oder im Haushalt zu machen. Stattdessen gab es ein Entspannungsbad und viel Ruhe, Letzteres auch den folgenden Tagen.
  • Viele interessante Bücher aus der Stadtbücherei ausgeliehen.
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Muster erkennen

Inzwischen haben wir in der Therapie einen Punkt erreicht, in dem ich immer mehr Muster (von allein) erkenne.

Ein Beispiel: Während mir in der ersten Therapiephase, geschweige denn in den Jahren davor, oft unklar blieb, warum es mir zu bestimmten Zeiten schlecht ging, zu anderen aber gut, kann ich heute viel besser als früher mögliche Auslöser und Stressoren erkennen.

Jahrelang war ich der Meinung, es gäbe keine trifftigen Gründe dafür, dass ich unter Depressionen, Zwängen und Co. litt außer eben der familiären Veranlagung.

Meine Kindheit war schön, meine Jugend teilweise etwas schwierig , aber im Großen und Ganzen auch ganz gut. Ich lebe nicht in einem Kriegsgebiet, bin nicht von Armut oder gefährlichen Krankheiten bedroht und mir ist zum Glück auch nichts Traumatisches zugestoßen. Also kein Grund für Depressionen etc.!

Heute sehe ich das anders. Inzwischen kann ich (an-)erkennen, dass Dinge, die ich jahrelang für normal gehalten habe, es eben doch nicht sind. Dafür brauchte ich Menschen mit der Perspektive eines Außenstehenden, die mir halfen, Vertrautes aus anderen Blickwinkeln zu betrachten. Ja, da war manchmal dieser unerklärliche innere Schmerz, aber woher der kam? Schulterzucken. Und weitermachen. Das ging auch eine ganze Zeit gut, nur irgendwann eben nicht mehr und es kam zur ersten schweren depressiven Episode und einer deutlichen Verschlechterung der Zwangserkrankung. Doch damals war mir das alles noch nicht klar. Und so hatte ich das Gefühl, eben grundlos krank geworden zu sein. Fragte man mich in der Klinik oder später in der begonnenen ambulanten Therapie nach möglichen Auslösern für meine Erkrankungen jenseits genetischer/biologischer Faktoren, wurde ich je nach Stimmungslage entweder gereizt, insgeheim wütend und/oder reagierte mit Schuldgefühlen: „Ich habe kein Recht, depressiv zu sein!“ Ich verstand diese Fragen oft automatisch als Vorwurf, obwohl sie so natürlich nicht gemeint waen

Was wollten die auch immer alle mit diesen Fragen, da war doch nichts! Schlechte Kindheitserfahrungen oder Ähnliches und deshalb psychisch krank? Tss, voll das Klischee! Nicht bei mir!

Es wird wohl deutlich, meine Haltung zu diesen Fragen war eine ziemlich abwehrende, negative, teilweise wohl auch überhebliche. Warum, kann ich nur vermuten. Aber ich denke, das spielt auch gar keine so große Rolle. Wichtiger ist, dass ich es jetzt, mehrere Jahre nach Erhalten der Diagnosen und knapp zwei Jahre nach Therapiebeginn, schaffe, genauer hinzusehen. Damit möchte ich auf keinen Fall ausdrücken, dass meine Kindheit und Jugendzeit in Wahrheit eine völlige Katastrophe gewesen wären und ich das immer nur ausgeblendet hätte, oder meinen Eltern pauschal „die Schuld“ geben, dass ich krank geworden bin, oder oder oder …! Ich liebe meine Familie. Was ich sagen möchte, ist einfach, dass ich es inzwischen schaffe, zu sehen, was ich länger nicht gesehen habe. Ich erkenne Muster, Verstrickungen, Zusammenhänge zwischen meiner Symptomatik und bestimmten Kindheits-, Jugend- und späteren Lebenserfahrungen. Lerne mich selbst immer besser zu verstehen, die Art, wie ich ticke und warum das so ist. Ich beginne zu hinterfragen, was wirklich zu mir gehört und was zum Beispiel die Lebensthemen meiner Eltern sind, aber nicht meine, was mir wichtig ist und was ich nur glaube, tun zu müssen, um Familie, Partner, Freunde oder Therapiepersonen nicht zu enttäuschen. Ich merke auch, dass ich es jetzt schneller und besser schaffe als früher, mich aus Tiefs selbst wieder herauszumanövrieren, mit weniger Unterstützung von außen als noch vor ein paar Monaten. Inzwischen kann ich sogar öfters aufrichtig daran glauben, dass ich irgendwann wieder gesund werden könnte …

Dieser Prozess ist so vieles zugleich: erhellend – ermutigend – mordsanstrengend – schmerzhaft, kurz: emotional aufs Höchste aufgeladen. Er gibt mir Hoffnungen für die Zukunft, macht aber auch manchmal Schuldgefühle, holt alte Verletzungen wieder hoch aus den Tiefen, in denen sie schlummerten, lässt mich hinterfragen, wer und wie ich bin und wer ich sein will. Das Neue macht Angst und gleichzeitig Mut.

Ich wachse …

Looking back

… nicht „over my shoulder“, (wobei, ich mag den Song), sondern auf das Jahr 2017. Für mich war es ein besonderes Jahr. Das liegt gar nicht so sehr an äußeren Ereignissen, sondern vor allem an meiner inneren Entwicklung. Aber der Reihe nach …

Studium

Ich habe es hier auf dem Blog noch nicht geschrieben: Vor einiger Zeit habe ich mich entschieden, meinen Studiengang zu wechseln. Diese Entscheidung fiel mir nicht leicht. Wegen meiner Erkrankungen habe ich für den Bachelor ja einige Semester länger gebraucht als üblich. Ein Studiengangswechsel würde den Masterabschluss noch etwas weiter nach hinten schieben. Trotzdem habe ich mich dafür entschieden und bereue es bisher nicht. Ich merke immer wieder, dass mich die Themen und der Aufbau des neuen Studiengangs so viel mehr ansprechen und faszinieren als beim alten, in dem ich mich mit jeden Semester unwohler gefühlt habe, da wir einfach nicht zueinander passten.

Jobben

Auch hier gab es Veränderungen. Nachdem ich immer deutlicher gemerkt habe, dass mir die lange Pendelzeit zum Arbeitsort nicht gut tat, entschied ich mich schließlich trotz des netten und verständnisvollen Chefs und der angenehmen Arbeitsbedingungen für eine Kündigung. Auch hier gab es im Vorfeld wieder viel Grübelei und Selbstvorwürfe und -zweifel. Gespräche mit meinen Lieblingsmenschen und diversen Psych-Fachleuten führten mir aber vor Augen, dass es keine Schwäche ist, auf die Notbremse zu treten. Einige Wochen später fand ich zum Glück einen anderen Studentenjob in meinem Wohnort. Jetzt fahre ich nur noch halb so lange zur Arbeit, was eine echte Erleichterung ist. Auch die finanzielle Situation hat sich in Folge dessen verbessert.

Freundschaften

Dieses Jahr sind neue Menschen in mein Leben getreten, die ich nicht missen möchte. An erster Stelle Annie vom Blog Hoffnungsschein. Einige Monate hatten wir bereits abseits unserer Blogs privat geschrieben, als wir uns dann diesen Sommer das erste Mal in Echt trafen. Und ich würde sagen, bereits am Ende dieses Tages sind wir Freundinnen geworden 😉 Annie ist ein sehr warmherziger, kreativer Mensch, eine gute Zuhörerin und Gesprächspartnerin. Ich bin sehr froh, dass wir Freundinnen sind!

Meine alten Freundschaften sind das Jahr hindurch bestehen geblieben und haben mir immer wieder Kraft gegeben und viele schöne Momente beschert.

Der ein oder andere Online-Kontakt hat sich über das Bloggen ergeben, wofür ich dankbar bin. Ich freue mich, 2018 weiter mit euch zu schreiben!

Während der Tagesklinikzeit durfte ich einige liebe Menschen kennenlernen. Zu manchen von ihnen besteht auch jetzt, einige Monate nach der Entlassung, noch Kontakt. Wir sind definitiv eine besondere, harmonische Therapie-Gruppe gewesen!

Hobbys

Als neues Hobby ist Yoga dazu gekommen. Seit Jahren wollte ich gerne einen Sportkurs mitmachen, habe mich jedoch von meiner Angst vor Gruppensituationen lange davon abhalten lassen. Yoga sagte mir bis dato nicht viel. Ich hatte mir darunter immer etwas Ähnliches wie Pilates vorgestellt – und Pilates, das mochte ich so gar nicht. In der Tagesklinik machten wir dann regelmäßig Yogaübungen und ich merkte schnell, dass es so ganz Anders war als angenommen und mir sehr gut tat. Animiert von einigen mutigen Mitpatienten, die sich ihren Ängsten in verschiedenen Situationen stellten, fasste ich dann den Entschluss, mich nach Ende der TK-Zeit in einem Yogakurs anzumelden. Eine sehr gute Entscheidung, wie sich herausstellte. Mit der Angst und Vermeidungstendenzen ringe ich zwar manchmal noch immer, aber es ist schon deutlich besser geworden und der Spaß am Yoga und die innere Ruhe, die es mir gibt, wiegen das  definitiv auf!

Vor kurzem habe ich dann das Backen für mich wiederentdeckt.

Gesundheit

In diesem Punkt gab es wohl die meisten Veränderungen. 2015 und 2016 hatte ich meine ersten und bisher einzigen beiden stationären Aufenthalte. Dieses Jahr war dagegen keine stationäre Behandlung notwendig 🤘 Statt wie in den beiden Jahren davor eine schwere depressive Episode beehrte mich dieses Jahr eine mittelschwere mit ihrer wunderbaren *hust* Gegenwart. Wir bekamen sie aber mit der tagesklinischen Behandlung gut und wesentlich schneller in den Griff, als ich dachte. Das gab und gibt mir Mut für die Zukunft, etwaigen weiteren depressiven Episoden anders begegnen zu können als noch vor ein paar Jahren. Diese Erfahrung verkleinert auch meine Rückfallangst um einen guten Teil. Momentan habe ich mehr depressionsfreie als depressive Tage, was mir so viel mehr an Lebensfreude gibt, als ich in Worte fassen kann. Ich bin so so dankbar dafür, gerade wenn ich an meine Anfangsjahre nach der Diagnosestellung zurückdenke, in denen ich über Monate mit einer wiederkehrenden schweren depressiven Symptomatik zu kämpfen hatte und mich oft verzweifelt und teils auch lebensmüde fühlte. Ich denke, in Sachen Depression konnte ich sehr von der schematherapeutischen Arbeit mit meiner Therapeutin profitieren.

Und die Angst und die Zwänge?

Die sind noch da, aber momentan nicht so ausgeprägt. In stressigen Phasen schießen die Angst- und die Zwangssymptomatik bei mir oft hoch. Das kann ich inzwischen besser als früher als Warnzeichen erkennen und versuche dann, mehr auf mich zu achten und Stresssoren so weit möglich zu reduzieren. Ich hoffe, der geplante Klinikaufenthalt für wird mir helfen, mit der Zwangs- und der Angsterkrankung noch weitere Fortschritte zu machen.

Was die Zwänge angeht, hatte ich das Glück, in der Tagesklinik einen Bezugspfleger zu haben, der viel Erfahrung mit dem Thema Achtsamkeit und Meditation hat. Er konnte mir helfen, das Achtsamkeitskonzept auf meine Zwangsgedanken anzuwenden. Seitdem versuche ich, mich nicht mehr so sehr auf absolute und schnellstmögliche Heilung zu fokussieren (und mich dadurch im Endeffekt selbst sehr unter Druck zu setzen!), sondern meine Zwangsgedanken gelassener kommen und gehen zu lassen und zu versuchen, sie nicht zu bewerten. Akzeptanz ist da wohl das Schlüsselwort.

Aber auch der Wechsel von meinem niedergelassenen Psychiater hin zur psychiatrischen Institutsambulanz hat mir geholfen. Ich merke, dass man sich dort in der Zwangssprechstunde besser mit meiner Erkrankung auskennt als in der Praxis, wo ich zuvor in Behandlung war. Die häufigeren Kontrolltermine, die sie anbieten, geben mir die Chance, möglichen Verschlechterungen zeitnah zu begegnen. Und mit meinem neuen Arzt habe ich einen engagierten und erfahrenen Ansprechpartner, der mir schon mehrere gute Denkanstöße und Tipps gegeben hat.

Der Blog

Farbensehnsucht ist 2017 weiter gewachsen an Beiträgen, neuen Post-Ideen und Lesern. Ein von Herzen kommendes Danke an dieser Stelle an euch! Eure Kommentare, Likes und e-Mails bedeuten mir viel und geben mir immer wieder Kraft und das Gefühl, nicht allein zu sein mit meinem Kampf mit den Schatten im Inneren. Was wir alleine nicht schaffen …

Daneben habe ich einige neue Blogs und Blogger unter euch kennengelernt, die mir ans Herz gewachsen sind und viel Input gegeben haben. Danke dafür!

Und jetzt … bin ich gespannt auf 2018.