Hello again

Schauplatz: Klinik des Vertrauens, Depressionsstation

Handelnde Personen: Mitpatienten, viele noch vom letzten Jahr bekannte Gesichter auf Seiten der Mitarbeiter, die Autorin dieses Blogs

Handlung im Groben: Erneute depressive Episode, die sich trotz engagiertem ambulanten Behandlungsversuch zuletzt schnell verschlechtert hat, Panikattacken

Handlung ausführlicher: Scham und – bis zu dieser Erkenntnis dauerte es etwas – unberechtigte, erkrankungsbedingte Schuld- und Versagensgefühle darüber, das Ganze ambulant nicht stemmen zu können, wo doch bereits viel Therapieerfahrung besteht. Wiederholte Versicherungen, dass dazu kein Grund bestehe: „(Chronisch) krank zu sein hat nichts mit Versagen oder Schwäche zu tun. Es ist gut, sich zeitnah Hilfe zu holen, bevor es noch weiter Berg ab geht!“

Ermüdende depressive Stimmungsschwankungen im Tagesverlauf, innere Unruhe und Co. Später Symptomverlagerungen: Depressionssymptome bessern sich, dafür mehr Zwangsgedanken mit Angst, den Verstand zu verlieren

Stationsalltag mit Maskenpflicht – leicht surreal und irgendwie erheiternd. Aktueller Dauerbrenner in der Ergotherapie: sich selbst Masken nähen. Mit allen möglichen Farben, Motiven und Mustern bringen sie selbst Depressive zum Lächeln und Schmunzeln.

Natur, Sport, Musik Hören als Selbsthilfestrategien. Im Vergleich zu früheren Behandlungen schon nach kurzer Zeit eine erstaunliche Verbesserung des Zustands. Erleichterung, Freude, Zuversicht: Läuft. Vielleicht geht es dieses Mal ja wirklich schneller als sonst!

Dann: Rückschlag, wieder im tiefen Tal, Verzweiflung: Ich verharre jetzt für immer in diesem Zustand.

Mal suizidale Gedanken, dann wieder nicht. Glücklicherweise aber irgendwo im Hinterkopf immer noch das Wissen darüber, dass die Depression lügt: Auswegslosigkeitsempfinden ist nur ein Symptom. Gib nicht auf, bleib‘. Empathie, ermutigt werden, Hilfsangebote, Halt bekommen: „Sie müssen da nicht allein durch, wir helfen Ihnen dabei.“ Zunächst gar nicht so leicht anzunehmen, doch es wird. Tiefe Dankbarkeit: Ich werde ernst genommen. Ich werde nicht allein gelassen.

Medikamentenumstellung, Absetzsymptome und Nebenwirkungen: „Wir warten noch bis Dienstag ab.“ – Ein Mal Geduld zum Mitnehmen für mich, aber schnell bitte!

Inzwischen weniger Rückzug und soziale Ängste, stattdessen mit den Mitpatienten Lachen, Karten Spielen, Reden. Dazu gehören, gemocht werden, nicht allein sein mit den inneren Monstern und Kämpfen: so heilsam

Ergotherapie, Visiten, Einzelgespräche etc.: Ehrlich Sein, die Maske aus „Ach es geht schon irgendwie“ nicht mehr brauchen müssen. Verständnis, Freundlichkeit, akzeptiert werden, wie man ist; Unterstützung, Vorschläge, konfrontiert werden, Reflektieren zusammen und allein, neue Erkenntnisse über sich und seine Probleme gewinnen und alte, verschüttete wieder ins Gedächtnis rufen: nicht immer schmerzfrei, aber immer hilfreich

Rückhalt von Familie und Freunden: Dankbarkeit, Liebe, wichtigster Grund, nicht aufzugeben

Angst vor dem wieder allein Sein Zuhause nach der Entlassung versus Ich will am liebsten jetzt schon heim. Sich selbst bremsen, nicht zu weit in die Zukunft denken, sondern im Hier und Jetzt bleiben, nur an die nächste Stunde denken. Lernen, langsamer zu machen, Unsicherheit auszuhalten, nicht wie gewohnt in die Überkompensation zu gehen, sobald wieder genug Energie dafür vorhanden ist. Du musst hier keine Leistung bringen. – „Was mögen Sie an sich selbst, was nichts mit Leistung oder Anerkennung durch die Anderen zu tun hat?“ – Erwischt.

Lernen, wirklich zu akzeptieren: Ja, ich bin und bleibe wahrscheinlich mein Leben lang chronisch krank. Sich die Trauer endlich voll zugestehen, die dieses Eingeständnis mit sich bringt. Aber darüber nicht vergessen: Ich kann mein Leben trotzdem mit vielen, vielen Farben füllen und es genießen.

Die Depression überleben, um wieder zu leben.

Nun gut

Da ist sie also, eine neue depressive Episode. Wie ein unerwünschter Gast hat sie sich innerhalb von ein paar Wochen in mein Leben gestohlen.

Sie zeigt mir einerseits, dass ich insgesamt doch noch nicht so gefestigt bin wie gedacht – andererseits aber auch, dass ich meine Frühwarnzeichen inzwischen ziemlich gut kenne und deutlich mehr Coping-Strategien habe als noch bei den ersten Episoden. Während ich früher in der Depression z.B. starke Probleme hatte mit zeitigem Aufstehen, Haushalt und genug Bewegung, klappt das nun ziemlich gut.

Zum Teil liegt das vielleicht auch darin begründet, dass ich inzwischen laut Hausarzt eine sogenannte agitierte Depression habe. Statt wie früher mit Antriebslosigkeit kämpfe ich nun vielmehr mit innerer Unruhe und getrieben Sein während einer depressiven Episode. Ich habe Probleme damit, mich nur auf eine Sache zu konzentrieren, springe teils von Tätigkeit A zu B und habe vor allem Schwierigkeiten damit, länger Ruhe auszuhalten. Generell neige ich seit einiger Zeit dazu, mich in Aktivitäten zu flüchten, um bestimmte Gefühle zu vermeiden, die in solche stillen Momenten aufkommen und mir manchmal unerträglich scheinen – wobei all dieses aktiv Sein mit zu wenig Pausen dann aber irgendwann logischerweise zu Erschöpfung führt. Dazu Ängste, Panikattacken und sich dazu mogelnde Zwangsgedanken, die ebenfalls aufpushen.

ABER:

Die größten Faktoren dafür, dass ich zur Zeit trotz Depression recht viele Dinge angehe und schaffe, sind vor allem meine mit der Zeit erworbenen Selbsthilfestrategien und Therapieerkenntnise. Und darauf bin ich stolz. Ja, es geschehen noch Zeichen und Wunder, ich bin tatsächlich mal stolz auf mich #sarkasmusende

Manchmal fühlt es sich trotzdem nach Versagen an: einen Rückfall bekommen zu haben, trotz inzwischen mehreren Jahren Therapie, trotz medikamentöser Rückfallvorbeugung, trotz der ganzen Fortschritte und Selbsterkenntnisse in den letzten Jahren, trotz der Ausbildung, die mir Freude macht und eine Motivation für die Zukunft ist. Dann quält mich mein depressives Hirn mit Gedanken wie:

„Selbst schuld.“

„Vielleicht willst du ja absichtlich krank bleiben!?“

„Anderen geht es schlechter, du hast kein Recht, so rumzujammern und deine Behandler zu nerven. Du musst das jetzt allein schaffen und aushalten.“

„Du willst doch nur Aufmerksamkeit. Du bist gar nicht richtig krank.

Und dergleichen Nettigkeiten mehr.

Allerdings kenne ich diese Gedanken schon von früheren depressiven Phasen und bemühe mich daher, sie als Krankheitssymptom zu betrachten – und nicht als Wahrheit.

Aber ja: Es tut (manchmal sogar schrecklich) weh, wieder depressiv geworden zu sein, insbesondere, da es mir die letzten Monate bis auf mehr oder minder kleinere Einbrüche gut ging. Es ist, als würde man einem Kind einen besonders leckeren Lolli hinhalten, es probieren lassen – und ihm den Lolli dann wieder wegnehmen.

Vielleicht habe ich mich auch ein wenig zu sehr anstecken lassen von der Euphorie, die die Ausbildung in mir zum Teil ausgelöst hat. Darüber hatte ich letztens erst ein interessantes Gespräch mit einer Mitschülerin. Habe – ungewöhnlich für meine Verhältnisse – tatsächlich zeitweise daran geglaubt, irgendwann komplett genesen zu können, nur „durch Kraft meines eisernen Willens“ #pathetischkannsie Obwohl ich durch die intensive Auseinandersetzung mit Behandlungsleitlinien, Fachliteratur und dem Miterleben diverser chronischer Krankheitsverläufe im Familienkreis eigentlich weiß, dass eine vollständige Heilung in meinem Fall unwahrscheinlich ist. Zwangsstörungen verlaufen oft chronisch und eine rezidivierende Depression rezidiviert nun einmal gerne, Überraschung.

Nun gut, also entscheide ich mich bewusst für Akzeptanz. Ohne mich dabei von Prognosen und Statistiken verrückt machen zu lassen, wie der Literatur als hoch beschriebene Rückfallwahrscheinlichkeit ab einer bestimmten Anzahl depressiver Episoden in der Virgeschichte. Auch wenn das Akzeptieren immer noch weh tut. Und hin und wieder zu sinnlosen, wütenden Fragen in meinem Kopf führt wie:

Warum darf ich nicht gesund sein? Ich strenge mich doch so an!

Kindliche Fragen und Gedanken. Denn, liebes wütendes, manchmal verzweifelndes Ich, es gibt leider kein Recht auf Gesundheit im Leben. Also, lass es uns mit Fassung und würdevoll tragen. Auf solche Fragen gibt es keine Antworten und sie tragen auch nicht dazu bei, dass du dich besser fühlt. Im Gegenteil.

Deshalb lautet die aktuelle Devise:

ein Tag nach dem anderen, notfalls eine Stunde nach der anderen. Weiterhin für mich kämpfen und nicht aufgeben. Auch wenn es sich nicht immer so anfühlt, es wird wieder besser werden. Was ich schon mehrfach geschafft habe, schaffe ich auch erneut. Ich gehe durch die Dunkelheit und werde mich nicht darin verlieren. Und an ihrem Ende wird es mir wieder besser gehen und ich kann als das Gute, Schöne, Wertvolle, Helle in meinem Leben wieder genießen. Und weiter auf meinem Weg voranschreiten – auch wenn dieser wohl nicht in kompletter Genesung enden wird.

Gedankenwirrwarr, Corona-Edition

Heute ist ein schwieriger Tag. Gestern Abend saß ich auf meinem Bett und musste plötzlich weinen, vorhin vor der Therapiestunde wieder und jetzt am Bahnhof wollen die nächsten Tränen gerne in die Freiheit entlassen werden. Warum? Gute Frage, das weiß ich selbst nicht so genau. (Oder doch?)

Vor kurzem lobten mich die Fachleute meines Vertrauens, wie gut es mir stimmungsmäßig gehe und wie gut ich mich schlage angesichts der Lage momentan. Und jetzt – da fühle ich mich müde, dumpf und einsam.

Ich beschäftige mich intensiv mit meinen Hobbys und Vorhaben, versuche mein Wissen über bestimmte Themen für die Ausbildung zu erweitern. Ich spreche täglich via WhatsApp und Co. mit lieben Menschen, manchmal auch per Videochat, achte auf Struktur und frische Luft. Bisher habe ich mich die meiste Zeit über energiegeladen und gut gefühlt und einiges geschafft, auf das ich stolz bin.

Jetzt dagegen fühle ich mich einsam und vermisse schmerzlich soziale Kontakte jenseits von Telefonaten oder Therapieterminen. Ich will meine Freunde treffen, meine Familie besuchen, das Praktikum machen, auf das ich mich so gefreut hatte, wieder Unterricht haben, planmäßig meinen Abschluss machen – und habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen deswegen.

Ist es nicht undankbar und egozentrisch, sich so zu beklagen, während sich in Ländern wie Italien schreckliche Szenen abspielen oder manche Menschen im Falle einer Infektion um ihr Leben fürchten müssten?

Meine Therapeutin meint: Nein. Dass man den eigenen Kummer nicht herabsetzen soll, nur weil es anderen noch schlechter geht. Typische Therapeutenweisheit, auch in Corona-freien Zeiten. Und ich weiß, sie hat Recht damit. Aber Wissen und Fühlen, nun ja.

Ich finde es schlimm, wie sich die Menschen in den sozialen Medien zur Zeit gegenseitig angiften. Da sind die Rücksichtslosen, die lautstark verkünden, was sie ohne Sorge um ihre Mitmenschen alles weiter tun. Auf der anderen Seite diejenigen, die gefühlt jedem ein schlechtes Gewissen machen, der es wagt, seine Wohnung zu verlassen und Dinge zu tun, die völlig regelkonform und weitestgehend risikoarm sind. Die es am liebsten sehen würden, wenn sich alle 24 h daheim verschanzen, bis die Krise überstanden ist. Dann die üblichen Verschwörungstheoretiker und Intellektuelle, die kritische Gedankenanstöße zur Beschneidung der Grundrechte durch den Staat äußern. Ihre Gedankengänge sind kluge, mit denen mein Geisteswissenschaftlerin-Ich in einigen Punkten konform geht, die aber gleichzeitig in meinen Augen zu theoretisch sind und unnötige Risiken billigend in Kauf nehmen. Dann noch jene, die selbstsicher Katastrophenszenarien ausmalen oder Prognosen aufstellen, als hätten sie eine Glaskugel. Sie machen mir Angst damit, dass sie eine Fortführung der aktuellen staatlichen Maßnahmen bis in den Sommer hinein prophezeihen. (Bitte nicht, dann drehe ich am Rad).

Doch nicht nur in den Medien scheint es mit den Menschen durchzugehen, auch im analogen Leben. In meiner Heimatstadt wurde eine Verkäuferin von einem Kunden körperlich angegriffen – weil sie ihn an die Beschränkungen beim Klopapiereinkauf erinnert hat. Zu mir meinte letztens in der U-Bahn eine (sichtbar alkoholisierte) Dame, sie würde mir „eine klatschen“ (O-Ton), sollte ich ihren Mann anstecken. Aufgrund der vielen Fahrgäste war ich ihm wohl in ihren Augen zu nahe gekommen – was für ihn übrigens kein Problem zu sein schien …

Maßnahme eins zur Selbstfürsorge:

den Nachrichtenkonsum beschränken und keine Diskussionen in den sozialen Medien mehr zum C-Thema lesen.

What else?

Bald ist mein Trennungsjahr um und die Scheidung kann offiziell eingereicht werden. Ich will nicht darüber nachdenken.

Mein Heuschnupfen äußert sich stärker als in den letzten Jahren; ich habe das Gefühl, mein allergisches Asthma ist nach langer Pause zurück. Luftnot. Ist vielleicht an der Zeit für ein Asthmaspray. Dumm nur, wenn man wegen sozialer Ängste den Anruf beim Hausarzt aufschiebt. Yeah.

Die Katze meiner Schwester hat seit kurzem Leukose bestätigt.

Mein ALG II-Antrag läuft im nächsten Monat aus und ich muss einen neuen stellen, was meinem Selbstwertgefühl nicht gut tut.

Fazit: Kann die Welt bittebittedanke einen Moment lang stillstehen, bis ich wieder aufgeholt habe?

Maßnahme zwei zur Selbstfürsorge:

Tief durchatmen.

Und ja: Sorgen, Ängste, Wut, Stimmungsumschwünge und Co. dürfen angesichts all dessen da sein.