Rückschlag

Mein Zustand hat sich leider so verschlechtert, dass ich die Wiedereingliederung pausieren musste und jetzt vorerst krankgeschrieben zuhause bin. Das wiederum fühlt sich für mich sehr nach Versagen an … Vielleicht war die eine Woche, die ich mir nach der Entlassung bis zum Arbeitsbeginn zum Eingewöhnen zugestanden habe doch zu wenig im Nachhinein betrachtet.

Aber nun gut, es ist, wie es ist. Ich greife nun auf meine bewährten Strategien zurück und gebe mein Bestes,um bald wieder fit zu werden.

Dahinter schauen

Im Teenageralter begann meine Zwangsstörung, mit 20 kamen eine rezidivierende Depression und Panikattacken dazu.
Bis ich mit Mitte 20 durch Zufall bei meiner Therapeutin landete, wurde ich vor allem symptombezogen behandelt. Sprich, wir arbeiteten an der Depression, wir arbeiteten an der Zwangsstörung und schauten auf mögliche Zusammenhänge mit meiner aktuellen Lebenssituation.
Das große Ganze aber hatte irgendwie niemand so recht im Blick. Es gab zwar zwei Fachleute, die in die Vermutung äußerten, dass doch „mehr“ dahinter stecken könnte, wenn bei einem jungen Mensch so relativ häufig schwere depressive Episoden auftreten, aber diesen Vermutungen ging niemand nach (inklusive mir). In meiner Biografie fand sich auf den ersten Blick schließlich auch nichts, was unter die Kategorie „traumatisierend“ hätte fallen können.

Die Arbeit an den Symptomen und aktuellen Problemen brachte zwar Besserungen, doch immer nur vorübergehend, was mich irgendwann ungemein frustrierte und mutlos stimmte. Lange fühlte ich mich hilflos und meinen Erkrankungen mehr oder weniger ausgeliefert. Ich kämpfte mit Schuldgefühlen, mir vielleicht nur nicht genug Mühe gegeben zu haben mit meiner Genesung oder in Wahrheit gar nicht gesund werden zu wollen und war andererseits aber auch wütend, dass ich nicht gesund sein „durfte“, wo ich mich doch so anstrengte …

Dann kam ich zu meiner Therapeutin, die nach und nach hinter die Fassade aus Symptomen schaute. Die mir irgendwann erklärte, dass ich in meiner Kindheit und Jugend psychische Gewalt und emotionalen Missbrauch durch eines meiner Elternteile erlebt habe und dass dadurch viele meiner ungesunden Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensmuster (Schemata) entstanden seien. Als Bewältigungsstrategien, die ich damals gebraucht habe und die sich mit den Jahren so eingebrannt haben, dass sie heute immer noch beinahe automatisch ablaufen würden, obwohl sie im Hier und Jetzt nicht mehr nötig seien.

In früheren Posts habe ich schon darüber geschrieben, dass es mir schwer fällt, Begriffe wie „Trauma“ oder „traumatisiert“ im Zusammenhang mit meinen Erfahrungen zu benutzen.

Traumatisiert kann man doch nur sein, wenn man körperliche oder sexuelle Gewalt, einen Unfall oder Ähnliches erlebt hat?

So hatte ich es verinnerlicht. Vielleicht unter anderem deswegen fiel es mir längere Zeit schwer, die Erklärungen meiner Therapeutin anzunehmen. Sie gebrauchte nie den Begriff Trauma, wenn wir über meine Erfahrungen sprachen, aber ihre Argumentationsweise schien mir in diese Richtung zu weisen.

Irgendwann fragte ich sie direkt danach, weil ich gerne Gewissheit wollte: Ob sie der Meinung sei, man könne sagen, dass mich die Erfahrungen von damals traumatisiert haben? „Ja“ war ihre Antwort, die mich entlastete, weil sie mir ein neues Selbstverständnis und Selbstmitgefühl ermöglichte.

Nun hatte ich eine Erklärung dafür, weshalb vor allem symptombezogene Behandlungsansätze bei mir nie langfristig geholfen haben und weshalb mich bis heute im Alltag manchmal  Kleinigkeiten in sehr unschöne emotionale Zustände versetzen können (inzwischen weiß ich, es handelt sich dabei um emotionale Flashbacks, wenn mich etwas triggert). Oder weshalb ich mich leider schon mehrmals in ungesunden Beziehungsdynamiken wiedergefunden habe, die Parallelen zu bestimmten Kindheitserfahrungen aufweisen.

Aber die Zweifel, die Schuldgefühle und die Scham meldeten sich zwischendurch immer wieder:

Habe ich wirklich das Recht zu sagen, ich bin traumatisiert ohne PTBS-Diagnose? Oder maße ich mir damit etwas an, was mir nicht zusteht und tue wirklich Betroffenen Unrecht?

Suche ich vielleicht nur Ausreden dafür, warum mein Leben so verlaufen ist, wie es verlaufen ist ab einem bestimmten Zeitpunkt?

Will ich nur Mitleid?

Tue ich meinem Elternteil Unrecht, wenn ich sage, sein Verhalten hat mich traumatisiert?

Und warum hänge ich mich so sehr an Termini auf und brauche die Bestätigung von Fachleuten, dass „es“ schlimm war statt einfach meiner eigenen Einschätzung zu vertrauen?

Es wäre gelogen, wenn ich sage, dass ich diese Gedanken und Unsicherheiten heute nicht mehr habe. Aber ich kann auch sagen, dass die Hartnäckigkeit und Geduld meiner Therapeutin in diesen Punkten, das Lesen über die Erfahrungen anderer Betroffener seelischer Gewalt, das Kennenlernen verschiedener (ähnlicher) Lebensgeschichten im Rahmen der EX-IN-Ausbildung und anderes mir geholfen haben, für mich anzunehmen:

Emotionale Gewalt ist auch Gewalt.

Auch emotionale Gewalt in Kindheit oder Jugend kann die Entwicklung eines Menschen negativ beeinflussen bzw. ihn krank machen.

Im Krankheitsbild der komplexen PTBS, das im ICD 11 neu eingeführt werden soll, spiegeln sich einige der Problematiken wieder, die ich von mir kenne: ein negatives Selbstbild und die schnelle Neigung zu Schuld- und Schamgefühlen, Probleme mit der Regulation bestimmter Gefühle, Derealisation und Depersonalisation. Damit möchte ich mich jetzt nicht selbst diagnostizieren. Ich finde es vielmehr gut zu sehen, dass unter Fachleuten anscheinend ein Wandel oder zumindest eine Diskussion eingesetzt hat und Erfahrungen, die sich mit dem Begriff „seelische Gewalt“ beschreiben lassen, heute mehr Beachtung finden als vor einigen Jahren noch. Was hoffentlich zur Folge hat, dass noch mehr Menschen mit ähnlichen Erlebnissen geholfen wird und dass mehr Behandler*innen und Betroffene auf die Idee kommen zu schauen, was hinter einem Schleier aus Symptomen, die trotz Behandlung immer wieder auftauchen, an (ungesehenen) alten seelischen Verletzungen schlummern könnte, die vielleicht nicht in „klassische“ Traumakategorien fallen, sich nichtsdestotrotz aber toxisch auf die Entwicklung Betroffener ausgewirkt haben.

Hello again

Schauplatz: Klinik des Vertrauens, Depressionsstation

Handelnde Personen: Mitpatienten, viele noch vom letzten Jahr bekannte Gesichter auf Seiten der Mitarbeiter, die Autorin dieses Blogs

Handlung im Groben: Erneute depressive Episode, die sich trotz engagiertem ambulanten Behandlungsversuch zuletzt schnell verschlechtert hat, Panikattacken

Handlung ausführlicher: Scham und – bis zu dieser Erkenntnis dauerte es etwas – unberechtigte, erkrankungsbedingte Schuld- und Versagensgefühle darüber, das Ganze ambulant nicht stemmen zu können, wo doch bereits viel Therapieerfahrung besteht. Wiederholte Versicherungen Außenstehender, dass dazu kein Grund bestehe: „(Chronisch) krank zu sein hat nichts mit Versagen oder Schwäche zu tun. Es ist gut, sich zeitnah Hilfe zu holen, bevor es noch weiter Berg ab geht!“

Ermüdende depressive Stimmungsschwankungen im Tagesverlauf, innere Unruhe und Co. Später Symptomverlagerungen: Depressionssymptome bessern sich, dafür mehr Zwangsgedanken mit Angst, den Verstand zu verlieren.

Stationsalltag mit Maskenpflicht: leicht surreal und irgendwie erheiternd. Aktueller Dauerbrenner in der Ergotherapie: sich selbst Masken nähen. Mit allen möglichen Farben, Motiven und Mustern bringen sie selbst Depressive zum Lächeln und Schmunzeln.

Natur, Sport, Musik Hören als Selbsthilfestrategien. Im Vergleich zu früheren Behandlungen schon nach kurzer Zeit eine erstaunliche Verbesserung des Zustands. Erleichterung, Freude, Zuversicht: Läuft. Vielleicht geht es dieses Mal ja wirklich schneller als sonst!

Dann: Rückschlag, wieder im tiefen Tal, Verzweiflung: Ich verharre jetzt für immer in diesem Zustand.

Mal suizidale Gedanken, dann wieder nicht. Glücklicherweise aber irgendwo im Hinterkopf immer noch das Wissen darüber, dass die Depression lügt: Auswegslosigkeitsempfinden ist nur ein Symptom. Gib nicht auf, bleib‘. Empathie, ermutigt werden, Hilfsangebote, Halt bekommen: „Sie müssen da nicht allein durch, wir helfen Ihnen dabei.“ Zunächst gar nicht so leicht anzunehmen, doch es wird. Tiefe Dankbarkeit: Ich werde ernst genommen. Ich werde nicht allein gelassen.

Medikamentenumstellung, Absetzsymptome und Nebenwirkungen: „Wir warten noch bis Dienstag ab.“ – Ein Mal Geduld zum Mitnehmen für mich, aber schnell bitte!

Inzwischen weniger Rückzug und soziale Ängste, stattdessen mit den Mitpatienten Lachen, Karten Spielen, Reden. Dazu gehören, gemocht werden, nicht allein sein mit den inneren Monstern und Kämpfen: so heilsam.

Ergotherapie, Visiten, Einzelgespräche etc.: Ehrlich sein, die Maske aus „Ach es geht schon irgendwie“ nicht mehr brauchen müssen. Verständnis, Freundlichkeit, akzeptiert werden, wie man ist, Unterstützung, Vorschläge, konfrontiert werden, Reflektieren zusammen und allein, neue Erkenntnisse über sich und seine Probleme gewinnen und alte, verschüttete wieder ins Gedächtnis rufen: nicht immer schmerzfrei, aber immer hilfreich.

Rückhalt von Familie und Freunden: Dankbarkeit, Liebe, wichtigster Grund, nicht aufzugeben.

Angst vor dem wieder allein Sein Zuhause nach der Entlassung versus Ich will am liebsten jetzt schon heim. Sich selbst bremsen, nicht zu weit in die Zukunft denken, sondern im Hier und Jetzt bleiben, nur an die nächste Stunde denken. Lernen, langsamer zu machen, Unsicherheit auszuhalten, nicht wie gewohnt in die Überkompensation zu gehen, sobald wieder genug Energie dafür vorhanden ist. Du musst hier keine Leistung bringen. – „Was mögen Sie an sich selbst, was nichts mit Leistung oder Anerkennung durch die Anderen zu tun hat?“ – Ach …

Lernen, wirklich zu akzeptieren: Ja, ich bin und bleibe wahrscheinlich mein Leben lang chronisch krank. Sich die Trauer endlich voll zugestehen, die dieses Eingeständnis mit sich bringt. Aber darüber nicht vergessen: Ich kann mein Leben trotzdem mit vielen, vielen Farben füllen und es genießen.

Die Depression überleben, um wieder zu leben.