Manchmal (3)

Manchmal mag ich nicht mehr. Dann mache ich trotzdem weiter. Und mit etwas emotionalem und zeitlichen Abstand bin ich dann froh darüber, (mich) nicht aufgegeben zu haben.

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9 Jahre

Letztens beim Blättern in Unterlagen stieß ich auf das Datum … Heute sind es auf den Tag genau 9 Jahre, seit ich die Diagnosen Depression und Zwangsstörung bekam. Zeit, zurückzublicken und melancholisch zu werden, denkt sich etwas in mir wohl gerade dabei.

Also gut, Rückblick: Ich hatte gerade ein gutes Abi gemacht, war glücklich vergeben und zu Beginn meines Wunschstudiums von Zuhause ausgezogen. In meiner Unistadt hatte ich eine gemütliche eigene Studentenwohnung und auch die Finanzierung des Studiums stand auf sicheren Beinen. Ich vermisste meine Freunde und meine Familie, die ich in Folge des Umzugs nur noch selten sah, stand aber weiter via Handy und Co. mit ihnen in Kontakt. Augenscheinlich also nicht der geringste Grund, depressiv zu werden, oder?

Das dachte ich damals und jahrelang danach ehrlich gesagt auch noch. Bis vor kurzem sogar. Heute sehe ich das anders.

Zu diesem Zeitpunkt schleppte ich bereits mehrere Jahre die bis dato nicht diagnostizierte Zwangserkrankung mit mir herum, die sich schleichend verschlechterte. Etwas später dann auch die Trichotillomanie und Anzeichen einer Angsterkrankung. Daneben gab es diverse unverarbeitete Altlasten. Im Nachhinein wundert es mich, dass der große Knall nicht eher kam. (Wobei ich natürlich froh und dankbar darüber bin, die Schulzeit und den Schulabschluss ohne größere Probleme überstanden zu haben!)

 

Liebes damaliges Ich,

ich weiß, du kannst es dir gerade nicht vorstellen, denn du bist in einer schweren Depression gefangen, die dir vorübergehend die Fähigkeit raubt, dir eine positive Zukunft für dich vorzustellen. Aber du wirst das alles hier überstehen: das quälende Gefühl der Gefühllosigkeit und die Antriebslosigkeit, die Angst davor, den Verstand zu verlieren und die schrecklichen Selbstzweifel, die Scham und die Schuldgefühle wegen deiner Zwangsgedanken. Du bist nicht wertlos, nicht an sich schlecht oder falsch, so wie die Depression es dir einreden will!

In den folgenden Jahren wirst du noch einige harte Kämpfe ausfechten: Du wirst durch mehrere mal mehr, mal weniger schwer ausgeprägte depressive Episoden waten, mit der Angst und den Zwängen kämpfen.

Aber du wirst nicht aufgeben, auch wenn dir das an den Tiefpunkten verführerisch erscheint. Du bist eine Kämpferin und stärker, als du glaubst! Auf deinem Weg raus aus deinem inneren Schattenlabyrinth werden dich viele Menschen begleiten: Freunde, Familie, Partner, aber auch profesionelle Helfer und Menschen, die du nur online kennst. Sie werden dich auf verschiedene Weise unterstützen und dir immer wieder Kraft geben. Was ich damit sagen möchte: Du bist nicht allein, auch wenn du dich manchmal so verloren und isoliert fühlst! Und ja, deine Lieblingsmenschen mögen dich wirklich, obwohl du dir das in den Tiefen der Depression nicht vorstellen kannst und insgeheim Angst davor hast, dass sie dich alle irgendwann verlassen werden, weil du unzureichend bist.

Heute, neun Jahre später, bist du nicht geheilt. Du nimmst weiterhin ein Antidepressivum, manchmal auch Bedarfsmedikation. Du warst in stationärer und tagesklinischer Behandlung. Das war beides so ganz anders, als du angenommen hattest: Es hatte nichts von „Einer flog übers Kuckucksnest“, sondern war größenteils wirklich hilfreich. Jetzt gehst du auch zur Therapie und lernst, dich immer mehr zu öffnen und über Themen zu sprechen, die du länger verdrängt hast oder über die es dir schwer fällt zu reden.

„Hah, und das soll mir jetzt Mut machen?,“ denkst du. „Ich will richtig gesund werden!“

Ich weiß, du denkst gerne in Schwarz-Weiß-Gegensätzen und Absolutheit. „Entweder gesund oder krank, geheilt oder nicht, Gewinnen oder Scheitern. Und am besten noch alles alleine schaffen, ohne Hilfe von außen!,“ ist deine Devise.

Erlaube mir, dir jetzt schon ein Geheimnis zu verraten, hinter das du erst in ein paar Jahren kommen wirst: Das Leben kann schön sein und ist wertvoll, auch wenn du (noch?) nicht gesund bist.

Jetzt, im Hier und Heute, bist du weiterhin am Leben und hast sehr viel gelernt, über dich und vielleicht auch das Leben an sich (so pathetisch und kitschig sich das auch anhört). Du kommst immer besser mit deinen Erkrankungen zurecht und hast nicht mehr die gleiche, riesige Angst wie früher vor einer erneuten depressiven Episode, weil du inzwischen einige Wege kennst, wie du dir im Fall der Fälle selbst besser helfen kannst. Du hast deine Familie und deine Freunde, bist verheiratet und hast deinen ersten Uniabschluss geschafft, einen Nebenjob, der dir Spaß macht und dir viel gibt, und du hast viele Interessen und deine Hobbys. Für die Zukunft hast du einige Träume und eine Liste mit Dingen, die du gerne erleben würdest ...

Ich weiß, du kannst es dir momentan nicht vorstellen, aber dein Kampf lohnt sich. Ich danke dir, dass du durchgehalten und nicht aufgegeben hast, denn sonst wäre ich heute nicht hier.

 

(* Inspiriert zu dem Brief hat mich ein Text aus dem grandiosen, bewegenden Buch „Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben“ von Matt Haig, in dem Haig sein heutiges zu seinem damaligen depressiven Ich sprechen lässt).

Money, money, money …

Einer der Lebensbereiche, in denen ich aktuell mehr oder weniger stark mit den Auswirkungen meiner chronischen Erkrankungen konfrontiert werde, ist das Finanzielle. „Über Geld spricht man doch nicht, das gehört sich nicht,“ meldet sich eine Stimme in mir zu Wort, während ich diese Worte tippe. Aber warum eigentlich nicht? Aus Angst, als Materialist zu gelten oder als undankbar für das, was ich habe? Im Alltagsleben der meisten Menschen spielen finanzielle Aspekte schließlich eine Rolle und keine kleine, leider. Genug Geld eröffnet in unserer Gesellschaft Möglichkeiten, zu wenig schränkt diese ein – sei es im Bereich Bildung oder Freizeitgestaltung. Das sollte nicht so sein, ist aber leider so.

Ich würde mich nicht als Materialistin beschreiben. Ich brauche keine Markenklamotten oder das aktuellste Handymodell, um glücklich zu sein. Auch keine Urlaubsreisen mindestens ein Mal pro Jahr oder ein eigenes Auto (wobei Ersteres schon angenehm wäre ;-)). Frei von Wünschen nach materiellen Dingen oder Alltagsluxus bin ich aber auch nicht. Ich bewundere Menschen, die das können, die sich so von materiellen Dingen gelöst haben, dass sie sich selbst und die einfachsten Dinge ihnen genug sind.

Da bin ich anders. Da ist mein größtes Hobby, das Lesen. Ich habe die Macke, Bücher, die mir gut gefallen, auch besitzen zu wollen, am liebsten nicht in elektronischer (e-Book), sondern gedruckter Form. Eine gemütliche Wohnung mit Dekoration und farblich aufeinander abgestimmten Elementen ist mir sehr wichtig, damit ich mich zuhause wohlfühle. Manchmal möchte ich gerne mit meinem Partner ins Kino oder zum Schwimmen gehen oder etwas Anderes unternehmen. Ich gehe gerne mit meinen Freundinnen zum Kaffee Trinken in Cafés, weil ich die lebendige Atmosphäre dort so mag, und möchte mir hin und wieder mal eine Pizza bestellen, wenn ich keine Lust zu kochen habe. Ich möchte den leckeren Tchibokaffee kaufen statt den günstigen vom Discounter, den ich ziemlich ungenießbar finde … Und so könnte ich weiter machen.

In meiner Kindheit waren solche Dinge (dafür bin ich dankbar, denn ich weiß, dass es auch anders geht) kein Problem. Meine Eltern waren weder reich noch arm, ich denke, man konnte uns zum sogenannten Mittelstand zählen. Es gab Familienurlaube ein Mal im Jahr, gemeinsame Unternehmungen, Musikunterricht für uns Kinder, Spielzeug, Bücher, immer frisches Obst … Nach der Scheidung meiner Eltern war das Budget etwas knapper, aber wir kamen immer noch ganz gut aus.

Die ersten Semester meines Studiums konnte ich dieses finanzielle Level halten. Je länger ich jedoch krank war, um so mehr verkomplizierte sich die finanzielle Lage. Dazu trugen verschiedene Faktoren bei. Teils selbstverschuldet – z.B. als ich, schwer depressiv, Bafög-Unterlagen nicht fristgerecht einreichte und der daraus resultierende finanzielle Engpass. Ich hätte andere um Hilfe bei der Antragsstellung bitten können/sollen, habe das aber damals nicht geschafft. Andere Faktoren wiederum waren bzw. sind in meinen Augen Fehler des „Systems“, denn chronisch kranke Studenten sind in manchen Punkten schlechter gestellt als chronisch kranke Arbeitnehmer oder andere Personengruppen (so verliert man z.B. nach einer gewissen Zeit Krankschreibung/ohne Prüfungsleistungen  den Baföganspruch).

Ich weiß, anderen Menschen hier in Deutschland oder anderswo auf der Welt geht es viel, viel schlechter. Ich bin dankbar für das, was ich habe: eine gemütliche kleine Wohnung, eine komplett von meiner gesetzlichen Krankenkasse finanzierte Therapie, das Budget, um mir neue Kleidung zu kaufen, wenn das nötig ist anstatt gebrauchte nehmen zu müssen, ein Studium, auch wenn die Zahlung des Semesterbeitrags gerade in Ratenzahlung läuft … Und einiges mehr.

Aber manchmal werde ich trotzdem traurig und, dafür schäme ich mich, neidisch auf besser Gestellte, fühle mich so müde und ausgebrannt wegen finanzieller Sorgen. Während Kommilitionen an spannenden Auslands-Exkursionen unseres Lehrgebiets teilnehmen können, kann ich das nicht. Angesichts des Aufenthalts in einer spezialisierten Klinik, den ich für nächstes Jahr anpeile, kriege ich jetzt schon Bauchgrummeln, wenn ich an die zu leistende Zuzahlung pro Behandlungstag denke. Ich weiß, dass das auf 280 Euro höchstens begrenzt ist und chronische Kranke Ermäßigung bekommen können, aber der Restbetrag ist trotzdem noch hoch für meine aktuellen Verhältnisse. Ich würde Freunden, die Geburtstag haben, gerne schöne Geschenke kaufen, mich in einem Fitnesstudio und einem Sprachkurs anmelden und, wenn meine Freunde mit mir in ein Café gehen wollen, nicht immer erst besorgt im Kopf durchrechnen müssen, ob das jetzt noch drin ist oder nicht. Ich würde gerne mehr frisches Obst kaufen und öfter mal wieder ein Buch von meiner Wunschliste …

Mit der Zeit lernt man zu improvisieren. So leihe ich mir Bücher oft in der Bücherei aus, anstatt sie wie früher zu kaufen und kenne die Punkte in unserer Stadt, wo es freies Wlan gibt, inzwischen ziemlich gut, um Aufladungen meiner Prepaid-Karte möglichst lang vor mich herzuschieben. Und so weiter.

Gerne würde ich mich finanziell verbessern, aber ich schaffe es momentan a) gesundheitlich gerade nicht so viel neben dem Studium zu arbeiten, wie ich es im Bachelor zeitweise gemacht habe und habe b) als Studentin auch keinen Anspruch auf irgendwelche finanziellen Unterstützungen außer Bafög, was sich aber aus verschiedenen Gründen etwas kompliziert gestaltet. (Einen Studienkredit will ich nicht aufnehmen. Das hatte ich im Bachelor bereits eine zeitlang und es reicht mir, diesen Kredit zusammen mit den Bafögsschulden später zurückzahlen zu müssen.) Ich bin wirklich froh, dass mich mein Mann in finanzieller Hinsicht gerade so unterstützt, denn ansonsten sähe es düster aus. Aber schön fühlt es sich nicht an, diese finanzielle Abhängigkeit. Ich schäme mich oft dafür und fühle mich schlecht deswegen, obwohl ich weiß, dass es dafür keinen Grund gibt. Wie war das noch mal mit der Selbstabwertung? Hach ja.

Verstärkt wird das Ganze öfters, vor allem im Rahmen depressiven Episoden, durch Verarmungsängste (wohl ein gar nicht so seltenes Depressionssymptom) und die Angsterkrankung. „Was, wenn ich es nach Studiumsende nie schaffe, Vollzeit zu arbeiten? Was, wenn ich irgendwann krankheitsbedingt den Master abbrechen muss oder sogar komplett arbeitsunfähig werde? Oder wenn ich das Studium schaffte, aber dann keinen Job finde? Wie soll ich dann meine Studiumsschulden zurückzahlen ? Dann war der ganze Kampf umsonst! Was wenn …? „

Danke Katastrophisieren, du machst es so viel besser.