Zusage

Heute hatte ich die Zusage der spezialisierten Klinik für einen stationären Behandlungsplatz im virtuellen Postfach.

Ich weiß nicht, warum ich vor einer Absage Angst hatte – die Diagnose F 42.2 steht schließlich schon seit fast zehn Jahren und wurde seitdem auch mehrfach bestätigt. Trotzdem war ein Teil von mir nervös, als er die verlangten Unterlagen zur Prüfung vor einer Zusage einreichte – alte Behandlungsberichte, einen Fragebogen zu den Standardfragen und auch einen persönlichen Bericht, in dem ich u.a. meine Ziele darlegen sollte, die ich gerne mit dem Aufenthalt erreichen würde. Es fühlte sich irgendwie wie eine Bewerbung oder Prüfung an. Nun habe ich also bestanden 😉

Die altbekannte gemeine innere Stimme, die mir zuflüstert, dass ich keine Berechtigung (mehr) habe, dort hinzugehen, weil es mir die letzten drei Wochen psychisch kontinuierlich gut ging, dass ich somit nur eine Schwindlerin bin, die sich nur wichtig machen will, versuche ich zu ignorieren … Hilfreicher ist da die vernünftige Seite in mir. Sie kennt dieses Auf und Ab an Symptomen schon und meint, dass es gut ist, für die Zukunft vorzusorgen und 15 Jahre Krankheitsverlauf jawohl Rechtfertigung genug sind. Dass meine Therapeutin und mein Arzt den Aufenthalt nicht befürworten würden, wenn kein Grund dafür bestünde. Hach ja, ich liebe diese inneren Monologe.

An dieser Stelle eine Frage:

Wer von euch hat Erfahrungen mit einer psychosomatischen Klinik und würde mir ein bisschen darüber erzählen, worin der Unterschied zu einer psychiatrischen liegt? Ich habe bis dato nur Erfahrungen mit letztgenannter Art. Was Psychosomatik im Allgemeinen ist, weiß ich, aber ich frage mich halt, worin dann genau Unterschiede in der Behandlung liegen können🤔

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Angemeldet!

Geschafft – ich habe meine Anmeldeunterlagen für die stationäre Therapie in einer auf Zwangsstörungen spezialisierten psychosomatischen Klinik abgeschickt und warte nun auf Rückmeldung.

Zuvor hatte ich das Ausfüllen der Formulare wochenlang vor mir hergeschoben … Es war mal wieder typisch für mich: Ich weiß, dass mir eine bestimmte Sache gut tut/tun wird, schiebe sie dann aber trotzdem aus Angst immer wieder auf. Mit einem kleinen Anstupser von Seiten meiner Therapeutin in der letzten Therapiestunde hat es nun aber geklappt. Dabei kam auch die Frage auf: Wovor habe ich da eigentlich Angst?

Gute Frage, die ich gar nicht so einfach beantworten kann. Ich vermute, da kommt Verschiedenes zusammen:

  • meine generelle Ängstlichkeit in Bezug auf fremde Menschen und neue soziale Situationen
  • dass sich die Klinik relativ entfernt von meinem Wohnort befindet und mich mein Mann, meine Familie und meine Freunde dann nicht mal einfach so eben besuchen können. Die Fahrtkosten werden auch zu hoch sein, um jedes therapiefreie Wochenende zuhause zu verbringen. Der regelmäßige Kontakt mit meinen Lieblingsmenschen ist etwas, dass mir bei meinen beiden vorausgegangenen stationären Behandlungen oft Mut und Kraft gegeben hat. Darum sehe ich dem Wegfallen davon mit einigem Bauchgrummeln entgegen.
  • widersprüchliche Gefühle und Gedanken in Bezug auf die Therapie dort. Einerseits die blödsinnige Befürchtung, nicht krank genug zu sein (dass die Mitarbeiter denken könnten, was ich dort will, gibt es doch noch Patienten mit schlimmer ausgeprägten Zwängen als bei mir. „Hey, Erde an Nelia: Du hast eine seit 15 Jahren bestehende Zwangserkrankung, eine Angsterkrankung, Trichotillomanie und vier schwere depressive Episoden hinter dir – warum glaubst du, dass das nicht reicht?“). Andererseits aber auch die (ebenfalls blödsinnige) Angst, dass man mir sagen könnte, meine Zwangsstörung ist schon so chronifiziert, dass ich sie nie mehr ganz los werden kann. Oder, dass der Aufenthalt nicht die Verbesserung bringen wird, die ich mir insgeheim trotz aller Angst erhoffe. Wenn es mir dort in der Spezialklinik nichts bringen sollte, wie traurig wäre das denn bitte? Es würde mich sicher ziemlich demotivieren. Wenn, wenn wenn –
  • Und, um es noch widersprüchlicher zu machen: Einerseits will ich die Zwangserkrankung, die Depression und Co. loswerden, andererseits habe ich aber auch genau davor Angst. Die Vorstellung eines zwangsfreien, depressionsfreien Lebens ist wunderschön – und gleichzeitig beängstigend, weil ich so ein Leben nun schon seit Jahren nicht mehr hatte bzw. wenn, dann nur phasenweise. Was bleibt von mir, wenn meine Erkrankungen wegfallen? Welche Eigenschaften gehören zu mir und welche zu meiner Symptomatik? Bin ich überhaupt stark und mutig genug, um mit meinen Gefühlen und dem unvermeidlichen Auf und Ab des Lebens ohne Zwänge, Trichotillomanie und meine anderen ungesunden Bewältigungsstrategien umzugehen?
  • Angst vor den Expositionsübungen, von denen ich weiss, dass sie dort ein wichtiges Fundament der Therapie bilden und mir aller Wahrscheinlichkeit nach sehr helfen werden (das haben sie in der Vergangenheit nämlich schon), aber eben auch mordsanstrengend sind, da man mit seinen Ängsten und schlimmsten Zwangsgedanken konfrontiert wird.

 

Im Nachhinein fällt mir selber auf, in diesem Post steckt verdächtig oft das Wort Angst … Stimmt, da war ja was, hallo Angsterkrankung.

Das liest sich jetzt alles wohl eher recht negativ. Aber ich kann ehrlich sagen, dass ich trotz aller Angst auch mit einiger Hoffnung und Motivation hoffentlich im nächsten Jahr dort hingehen werde.

Hoffnung und Motivation auf/für noch mehr Lebensqualität, mehr Leichtigkeit und weniger Schwere in meinem Leben. Ich möchte lernen, mich selbst anzunehmen, so wie ich eben bin und zu mögen. Ich möchte glücklicher werden, noch mehr leben statt zu überleben oder einfach so vor mich hinzuleben. Tschakka!

That´s my song

MS MR – Hurricane

Kennt ihr die (wirklich großartige) Serie „Club der roten Bänder“ ?

Das verlinkte Lied ist der Titelsong. Ich habe ihn rauf- und runtergehört, als ich das erste Mal stationär wär, weil ich mich so sehr in dem Text und den melancholischen Klängen wiederfinden konnte. Immer wenn ich das Intro der Serie jetzt höre, werden die damaligen Emotionen wieder wach und ich sehe mich gedanklich, wie ich die ersten Tage verzweifelt auf meinem Klinikbett saß und einfach nur wollte, dass es aufhört (haha, sehr präziser Wunsch …). Später, als es begann, mir ein Stück besser zu gehen, wie ich meine Kopfhörer rausholte und die Musik voll aufdrehte, um die ganzen Gefühle irgendwie zu kanalisieren und herauszulassen, die die Therapie in mir aufgewühlt hatte. Von da an bekam der Song irgendwie eine kämpferische Komponente für mich.

Hier die Lyrics. Besonders der Refrain passt irgendwie perfekt zum Leben mit Depression und Zwangsgedanken (frei übersetzt von mir):

Willkommen im Innenleben meiner Gedanken – so dunkel und faulig, dass ich sie nicht verbergen kann. In Nächten wie diesen bekomme ich Angst vor der Dunkelheit in meinem Herzen. Hurrikan.“

„Didn’t know what this would be
But I knew I didn’t see
What you thought
You saw in me

I jumped the gun
So sure you’d split and run
Ready for the worst
Before the damage was done

The storm never came
Or it never was
Didn’t know getting lost in the blue
It meant I wound up losing you

Welcome to the inner workings of my mind
So dark and foul I can’t disguise
Can’t disguise
Nights like this
I become afraid
Of the darkness in my heart
Hurricane

What’s wrong with me
Why not understand and see
I never saw
What you saw in me

Keep my eyes open
My lips sealed
My heart closed
And my ears peeled

Welcome to the inner workings of my mind
So dark and foul I can’t disguise
Can’t disguise
Nights like this I become afraid
Of the darkness in my heart
Hurricane

Make ash and leave the dust behind
Lady diamond in the sky
Wild light
Glowing bright
To guide me
When I fall
I fall on tragedy

Welcome to the inner workings of my mind
So dark and foul I can’t disguise
Can’t disguise
Nights like this I become afraid
Of the darkness in my heart
Hurricane“

(Quelle: songtexte. com)