Die Sache mit dem alleine Sein

War ich eine zeitlang in Gesellschaft – z.B weil ich zu Besuch bei meiner Familie war oder weil jemand mich besucht hat – und bin danach wieder alleine, leide ich unmittelbar danach oft unter starken Verlassenheitsgefühlen und Einsamkeit. In der Schematherapie würden wir sagen, dass ich in solchen Situationen in ein kindliches Erleben rutsche. Ich fühle dann nicht mehr wie eine erwachsene Frau, sondern wie ein verängstigtes, trauriges Kind. Es ist mir gerade peinlich, das aufzuschreiben und doch entspricht es den Tatsachen.

Warum ich gerade darauf komme? Nun, ich befinde mich gerade auf dem Heimweg von einem Familienbesuch und habe jetzt schon Angst vor dem Moment, in dem ich nachher wieder alleine in meiner Wohnung bin. Früher, als ich noch mit meinem Ex-Partner zusammengewohnt habe, waren diese Ängste zwar auch da, aber nicht so ausgeprägt. Seit ich allein wohne, hat es sich deutlich verstärkt.

In der Therapie haben wir darüber gesprochen, dass ich lernen muss, mich in solchen Momenten selbst zu beruhigen und zu trösten. Meine innere Erwachsene soll dann zu dem verängstigten Kind sprechen und es liebevoll versorgen mit seinen Bedürfnissen. Das übe ich jetzt schon eine Weile und finde es immer noch sehr, sehr sehr schwer. Automatisch wünsche ich mir dann „Rettung“ von außen – dass jemand Vertrautes kommt und mich aus meinem Zustand „befreit“.

Ich hab’s dann mal eine weitere Diagnose …

… bzw. habe ich sie eigentlich schon länger, nur habe ich das Thema in der Vergangenheit gerne verdrängt. Vor ein paar Jahren gab es hier auch schon einmal einen Blogpost dazu, den ich dann aus Scham aber wieder gelöscht habe. Denn ja, ich schäme mich für diese Diagnose. Auch wenn mir bewusst ist, dass Diagnosen nichts real Existierendes sind, sondern nur Hilfskonstrukte, um bestimmte Phänomene besser beschreiben zu können. Ich weiß auch, dass ich so viel mehr bin als eine Diagnose und ich mich nicht darüber definieren sollte.

Und trotzdem hat es etwas mit mir gemacht, als das Gespräch in der letzten Therapiestunde auf das Thema Persönlichkeitsstörungen kam und ich das als Anlass nahm, um meine Therapeutin zu fragen, ob ich ihrer Einschätzung nach nur eine Persönlichkeitsakzentuierung (d.h. nicht so starke Ausprägung bestimmter Persönlichkeitsmerkmale) oder eine Persönlichkeitsstörung habe. Ihre Meinung war dann, dass man von der Ausprägung her bei mir von einer Persönlichkeitsstörung sprechen kann, und zwar der dependenten Persönlichkeitsstörung.

„Uh, dependent, das bedeutet abhängig und abhängig bedeutet, dass du du schwach bist!,“ meldet sich mein fieser innerer Kritiker zu Wort. „Was an dir ist eigentlich noch normal?!“

Vielleicht versteht ihr jetzt, wieso ich mich so sehr für diese Erkrankung schäme. Mein innerer Kritiker setzt sie nämlich automatisch mit schwach Sein gleich, damit, keine eigene Persönlichkeit zu haben, sich nicht durchsetzen zu können und sich abhängig von anderen zu machen. Und mein inneres Kind hat Angst, dafür von anderen verurteilt zu werden, davor, dass man mich nicht mehr für voll nimmt.

Aber ich möchte lernen, anders damit umzugehen. Mich nicht mehr dafür zu schämen oder das Thema tot zu schweigen. Deswegen ist es meine erste Challenge, diesen Post jetzt zu veröffentlichen und hinterher nicht wieder zu löschen. Und vielleicht werde ich in Zukunft noch mehr darüber schreiben, falls euch das Thema interessiert?

Von Therapie-Nebenwirkungen

Lasst uns darüber reden, dass es einem nach Beginn einer Therapie auch erst einmal schlechter als vorher gehen kann.

Das ist etwas, was ich unlängst erlebt habe. Zwar wusste ich theoretisch, dass die Möglichkeit dazu besteht, wurde von meiner Ärztin hier sogar vorgewarnt, doch dachte ich ehrlich gesagt nicht, dass es mir passieren würde. Oder wenn, dann nicht in diesem Ausmaß. “Ich mache schließlich Therapie, damit es mir besser geht, nicht schlechter!“

Tja, und dann starteten wir mit der ersten Expositionsübung. Diese klappte gut. Leider entwickelte ich danach jedoch eine Symptomverschiebung. Sprich, Zwangsgedanken aus einem anderen Themenbereich als dem exponierten flammten auf und quälten – das Wort trifft es wirklich am besten – mich knapp eine Woche lang. In Folge dessen entwickelte ich suizidale Gedanken. Sprich, es war eine sehr schwierige Zeit, die ich mit Unterstützung durch das Pflegeteam und vermehrter Bedarfsmedikation irgendwie überstanden habe.

Inzwischen geht es mir zum Glück wieder besser. Ich vermute, das liegt vor allem daran, dass ich mich seit kurzem an einer neuen Umgangsweise mit den Zwangsgedanken übe, die ich täglich so gut es geht versuche anzuwenden, und in mehr Akzeptanz. Nichtsdestotrotz finde ich es nach dieser Erfahrung wichtig auch einmal darüber zu sprechen, dass Therapie eben auch das bedeuten kann: eine kurzzeitige Verschlimmerung der Dinge. Dass Therapie zu machen eben nicht immer heißt, dass es einem sofort besser geht.

Habt ihr diese Erfahrung auch schon gemacht? Wenn ja, wie seid ihr damit umgegangen?