Dahinter schauen

Im Teenageralter begann meine Zwangsstörung, mit 20 kamen eine rezidivierende Depression und Panikattacken dazu.
Bis ich mit Mitte 20 durch Zufall bei meiner Therapeutin landete, wurde ich vor allem symptombezogen behandelt. Sprich, wir arbeiteten an der Depression, wir arbeiteten an der Zwangsstörung und schauten auf mögliche Zusammenhänge mit meiner aktuellen Lebenssituation.
Das große Ganze aber hatte irgendwie niemand so recht im Blick. Es gab zwar zwei Fachleute, die in die Vermutung äußerten, dass doch „mehr“ dahinter stecken könnte, wenn bei einem jungen Mensch so relativ häufig schwere depressive Episoden auftreten, aber diesen Vermutungen ging niemand nach (inklusive mir). In meiner Biografie fand sich auf den ersten Blick schließlich auch nichts, was unter die Kategorie „traumatisierend“ hätte fallen können.

Die Arbeit an den Symptomen und aktuellen Problemen brachte zwar Besserungen, doch immer nur vorübergehend, was mich irgendwann ungemein frustrierte und mutlos stimmte. Lange fühlte ich mich hilflos und meinen Erkrankungen mehr oder weniger ausgeliefert. Ich kämpfte mit Schuldgefühlen, mir vielleicht nur nicht genug Mühe gegeben zu haben mit meiner Genesung oder in Wahrheit gar nicht gesund werden zu wollen und war andererseits aber auch wütend, dass ich nicht gesund sein „durfte“, wo ich mich doch so anstrengte …

Dann kam ich zu meiner Therapeutin, die nach und nach hinter die Fassade aus Symptomen schaute. Die mir irgendwann erklärte, dass ich in meiner Kindheit und Jugend psychische Gewalt und emotionalen Missbrauch durch eines meiner Elternteile erlebt habe und dass dadurch viele meiner ungesunden Gedanken-, Gefühls- und Verhaltensmuster (Schemata) entstanden seien. Als Bewältigungsstrategien, die ich damals gebraucht habe und die sich mit den Jahren so eingebrannt haben, dass sie heute immer noch beinahe automatisch ablaufen würden, obwohl sie im Hier und Jetzt nicht mehr nötig seien.

In früheren Posts habe ich schon darüber geschrieben, dass es mir schwer fällt, Begriffe wie „Trauma“ oder „traumatisiert“ im Zusammenhang mit meinen Erfahrungen zu benutzen.

Traumatisiert kann man doch nur sein, wenn man körperliche oder sexuelle Gewalt, einen Unfall oder Ähnliches erlebt hat?

So hatte ich es verinnerlicht. Vielleicht unter anderem deswegen fiel es mir längere Zeit schwer, die Erklärungen meiner Therapeutin anzunehmen. Sie gebrauchte nie den Begriff Trauma, wenn wir über meine Erfahrungen sprachen, aber ihre Argumentationsweise schien mir in diese Richtung zu weisen.

Irgendwann fragte ich sie direkt danach, weil ich gerne Gewissheit wollte: Ob sie der Meinung sei, man könne sagen, dass mich die Erfahrungen von damals traumatisiert haben? „Ja“ war ihre Antwort, die mich entlastete, weil sie mir ein neues Selbstverständnis und Selbstmitgefühl ermöglichte.

Nun hatte ich eine Erklärung dafür, weshalb vor allem symptombezogene Behandlungsansätze bei mir nie langfristig geholfen haben und weshalb mich bis heute im Alltag manchmal  Kleinigkeiten in sehr unschöne emotionale Zustände versetzen können (inzwischen weiß ich, es handelt sich dabei um emotionale Flashbacks, wenn mich etwas triggert). Oder weshalb ich mich leider schon mehrmals in ungesunden Beziehungsdynamiken wiedergefunden habe, die Parallelen zu bestimmten Kindheitserfahrungen aufweisen.

Aber die Zweifel, die Schuldgefühle und die Scham meldeten sich zwischendurch immer wieder:

Habe ich wirklich das Recht zu sagen, ich bin traumatisiert ohne PTBS-Diagnose? Oder maße ich mir damit etwas an, was mir nicht zusteht und tue wirklich Betroffenen Unrecht?

Suche ich vielleicht nur Ausreden dafür, warum mein Leben so verlaufen ist, wie es verlaufen ist ab einem bestimmten Zeitpunkt?

Will ich nur Mitleid?

Tue ich meinem Elternteil Unrecht, wenn ich sage, sein Verhalten hat mich traumatisiert?

Und warum hänge ich mich so sehr an Termini auf und brauche die Bestätigung von Fachleuten, dass „es“ schlimm war statt einfach meiner eigenen Einschätzung zu vertrauen?

Es wäre gelogen, wenn ich sage, dass ich diese Gedanken und Unsicherheiten heute nicht mehr habe. Aber ich kann auch sagen, dass die Hartnäckigkeit und Geduld meiner Therapeutin in diesen Punkten, das Lesen über die Erfahrungen anderer Betroffener seelischer Gewalt, das Kennenlernen verschiedener (ähnlicher) Lebensgeschichten im Rahmen der EX-IN-Ausbildung und anderes mir geholfen haben, für mich anzunehmen:

Emotionale Gewalt ist auch Gewalt.

Auch emotionale Gewalt in Kindheit oder Jugend kann die Entwicklung eines Menschen negativ beeinflussen bzw. ihn krank machen.

Im Krankheitsbild der komplexen PTBS, das im ICD 11 neu eingeführt werden soll, spiegeln sich einige der Problematiken wieder, die ich von mir kenne: ein negatives Selbstbild und die schnelle Neigung zu Schuld- und Schamgefühlen, Probleme mit der Regulation bestimmter Gefühle, Derealisation und Depersonalisation. Damit möchte ich mich jetzt nicht selbst diagnostizieren. Ich finde es vielmehr gut zu sehen, dass unter Fachleuten anscheinend ein Wandel oder zumindest eine Diskussion eingesetzt hat und Erfahrungen, die sich mit dem Begriff „seelische Gewalt“ beschreiben lassen, heute mehr Beachtung finden als vor einigen Jahren noch. Was hoffentlich zur Folge hat, dass noch mehr Menschen mit ähnlichen Erlebnissen geholfen wird und dass mehr Behandler*innen und Betroffene auf die Idee kommen zu schauen, was hinter einem Schleier aus Symptomen, die trotz Behandlung immer wieder auftauchen, an (ungesehenen) alten seelischen Verletzungen schlummern könnte, die vielleicht nicht in „klassische“ Traumakategorien fallen, sich nichtsdestotrotz aber toxisch auf die Entwicklung Betroffener ausgewirkt haben.

Anfälliger

Ein eigentlich sehr gutes, konstruktives Gespräch mit einer Mitpatientin über unsere jeweilige Familiengeschichte brachte mich im Zusammenspiel mit anderen Faktoren gestern Vormittag in einen unschönen Zustand, den ich nicht eindeutig der Depression, der Angst- oder der Zwangsstörung zuordnen konnte. Was mich verunsicherte, denn ich bin ein Mensch, der viel Gewissheit braucht, da mir das ein Sicherheitsgefühl gibt. Es kam mir vor wie eine Mischung aus bekannten Angststörungssymptomen, depressiven Entfindungen und dem Gefühl, gleich zu erstarren. Kurz: eine sehr anstrengende Mischung.

Ich kenne das schon, es ist nichts Neues, nur die Häufigkeit und teils die Intensität hat sich in der letzten Zeit verändert. Inzwischen kann ich im Rückblick anders als früher auch meist konkrete Auslöser für diese Schübe ausmachen.

In der Regel ist es so, dass sich das Ganze wie eine Panikattacke bis zu einem gewissen Punkt aufbaut und dann irgendwann abflaut. Die Nachwirkungen wie körperliche und mentale Erschöpfung, Lärmempfindlichkeit und nah am Wasser gebaut Sein können sich dann über ein paar Stunden bis zu mehreren Tagen ziehen.

Gestern halfen mir diverse Skills sowie Gespräche mit der Pflege, viel Ruhe und Bedarfsmedikation.

Meine ambulante Therapeutin, die ich vor ein paar Tagen um ein kurzes Telefonat gebeten hatte, um etwas zu fragen, rief dann passenderweise genau an diesem Tag an. Sie half mir, mein Erleben einzuordnen und zu verstehen, warum ich momentan anfälliger als sonst für diese Zustände bin: Die Trennung rührt vermutlich belastende Kindheits- und Jugenderfahrungen an und aktiviert damit zusammenhängende alte Gefühle, Verhaltens- und Gedankenmuster (Schemata). Ich hatte das bereits vermutet. Trotzdem tat es mir in diesem Moment einfach nur gut, es noch einmal von meiner Therapeutin als Fach- und Vertrauensperson, die mich seit längerem kennt, bestätigt zu bekommen:

Ich stelle mich nicht nur an. Da waren Dinge in meiner Kindheit und Jugend, die nicht okay waren und die mich geprägt haben. Auch wenn diese Dinge nicht die Kriterien eines „klassischen“ Monotraumas erfüllen, so handelte es sich doch um emotionale Gewalt über einen längeren Zeitraum. Es kann sein, dass diese Erfahrungen sich traumatisierend ausgewirkt haben und gerade bestimmte Symptome verursachen. Meine Probleme sind nicht grundlos. Alles, was gerade da ist, darf sein. Und ich kann lernen, in Zukunft noch besser damit umzugehen.