Das Positive würdigen

Momentan habe ich das Gefühl, in einem depressiven Loch zu stecken. Ich denke, verschiedene Stressoren spiel(t)en dabei eine Rolle. Doch auf diese möchte ich in diesem Beitrag gar nicht weiter eingehen, sondern versuchen, mich auf positive Entwicklungen der vergangenen Tage und Wochen zu konzentrieren. Anlass dazu war ein hilfreiches Gespräch mit meinem Arzt, der meinte, ich würde den negativen Dingen generell mehr Aufmerksamkeit widmen als den positiven… erwischt.

Also hier nun die Ergebnisse meines Positiv-Brainstormings:

  • Ich habe mit dem Streichen meines Schlafzimmers angefangen und schon viele Ideen für weitere Verschönerungsaktionen meiner Wohnung.
  • Ich bin jetzt am achten Tag ohne Haare Ausreißen und merke bereits, wie meine Haut sich erholt.
  • Ich konnte meiner Schwester letztens mit meinen Genesungsbegleiterskills hilfreich zur Seite stehen.
  • Ich habe leckere Zimtbrötchen gebacken und konnte meiner Ergotherapeutin eine kleine Freude machen, indem ich ihr welche mitgebracht habe.
  • Die Kurzform meiner Lebensgeschichte für das Portfolio ist fertig. Gar nicht so einfach, sein ganzes Leben in vier Seiten zu verpacken.
  • Ich habe mich getraut, mich bei meiner Therapeutin und meinem Arzt zu melden, als es mir akut schlecht ging, trotz schlechten Gewissens deswegen.
  • Meine beste Freundin und ich kommen gut mit unserem Schreibprojekt voran.

Stattdessen

Ich könnte jetzt den Rest des Tages wütend auf mich sein und mich der schlechten Stimmung hingeben, weil ich

… über 2 Stunden Haare ausgerissen habe, obwohl ich das in der Klinikzeit gut in den Griff bekommen hatte.

… ich nach 2 Scheiben Brot noch das Glas mit der Nussnougatcreme aus Heißhunger und Frust leergelöffelt habe, anstatt etwas Gesünderes und eine normale Portion zu frühstücken.

… ich bis heute Vormittag im Nachthemd auf der Couch herumgelegen habe, stundenlang Netflix laufen hatte und mich selbst bemitleidet habe, anstatt wie vorgenommen zeitig zu duschen und mich fertig zu machen.

Ich könnte mich aber auch dafür entscheiden, stattdessen verständnisvoller und mitfühlend mit mir umzugehen. Und mir nicht einzureden, es ist jetzt eh egal, wie ich den Rest des Tages verbringe, da ich ihn ja sowieso schon „vermasselt“ habe. Ich muss es mir nicht selbst noch schwerer machen.

Wut und ich: über ein schwieriges Verhältnis

Ich bin gerade so wütend. Ich, die ich oft Probleme mit Wut habe und deshalb von mehr als einem Fachmenschen zu hören bekommen habe, dass ich lernen müsse, Wut zuzulassen und zu äußern, statt sie zu schlucken aus Angst vor Zurückweisung.

Tatsache ist:

Wütende, laute Menschen machen mir meist automatisch Angst – oder erzeugen zumindest spürbares Unbehagen. Die Wut anderer unmittelbar mitzubekommen erinnert mich an jene Phase meiner Kindheit, als sich eines meiner Elternteile aus beruflichen Gründen noch nicht traute, sich Hilfe für seine Depression zu suchen. Das andere Elternteil und ich haben in dieser Zeit mehrere cholerische Wutanfälle miterlebt. Damit wurde es glücklicherweise deutlich besser, als das betroffene Elternteil sich irgendwann professionelle Hilfe holte. Aufgrund dieser Erfahrungen finde ich es unsagbar wichtig, dass:

a) unsere Gesellschaft Menschen nicht mehr dafür stigmatisiert, dass sie eine seelische Erkrankung haben

Weil das nämlich zur Folge haben kann, dass die Leute sich nicht trauen, Hilfe in Anspruch zu nehmen – sei es aus Sorge um berufliche Konsequenzen, sei es aus Scham gegenüber Familie und Freunden, aus Angst, als schlechte Eltern angesehen zu werden oder anderen Gründen.

Ich denke, gerade bei Vätern/Müttern, die womöglich Alleinverdiener sind und bei Alleinerziehenden ist die Sorge vor möglichen negativen Konsequenzen vielleicht noch mal stärker ausgeprägt. Weshalb der ein oder andere dann eben lieber nicht zum Arzt oder Therapeuten geht bzw. den Gang dorthin lange aufschiebt.

Das Vermeiden oder Aufschieben einer notwendigen Behandlung ist aber weder hilfreich für Genesung der Betroffenen noch für das Klima innerhalb einer Familie, sodass es am Ende im schlimmsten Fall nur Verlierer gibt. Nämlich den/die Erkrankte(n), der unnötig länger leidet und dessen Krankheit sich vielleicht verschlechtert oder chronifiziert, den/die möglichen Partner und das Kind bzw. die Kinder. Das Kind, dessen Risiko ansteigen kann (nicht muss), selbst irgendwann psychisch zu erkranken durch etwaige belastende Erfahrungen, die es vielleicht mit seinem unbehandelten Elternteil macht.Und das alles ist so traurig und unnötig und zum wütend Werden. Wobei wir wieder beim Titel dieses Beitrags wären …

b) Kinder psychisch kranker Eltern mehr Aufmerksamkeit und Unterstützungsmöglichkeiten bekommen

Ich habe den Eindruck, in den letzten Jahren ist in diesem Punkt zum Glück schon einiges in Bewegung gekommen. Das ist großartig.

Was mir persönlich geblieben ist von diesen speziellen Kindheitserfahrungen ist u.a. wie oben schon gesagt, dass Wut mir meist Angst macht. Die Wut der anderen, aber auch meine eigene. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich soweit war, das zu erkennen und noch etwas mehr Zeit, bis ich ernsthaft etwas daran ändern wollte.

Wut ist gefährlich!

Wut ist schlecht!

Wütend sein heißt, die Kontrolle über sich zu verlieren.

Wütend sein führt dazu, andere ungerecht zu behandeln.

Wutanfälle sind kindisch und undiszipliniert und deshalb nicht tolerierbar für mich.

Diese und ähnliche innere Überzeugungen begleiteten mich lange. Sie tauchen auch heute noch öfters in meinen Gedanken auf, obwohl ich inzwischen verstanden habe, dass Wut nicht per se schlecht oder gefährlich ist.

Denn:

Wut kann uns darauf aufmerksam machen, dass eine unserer persönlichen Grenzen gerade übertreten wurde, dass irgendetwas passiert ist, das uns nicht gut tut bzw. einem unserer Bedürfnisse zuwider läuft.

Wut kann uns Energie verleihen, uns gegen Grenzüberschreitungen zu verteidigen und für uns oder Menschen, die uns wichtig sind, für unsere Werte und Ziele, einzutreten.

Wütend zu sein, das bedeutet eben nicht automatisch, sich wie ein cholerisches HB-Männchen aufzuführen oder andere verbal oder körperlich zu verletzen, die Kontrolle über sich zu verlieren etc., wie mir meine Gedanken lange Zeit einreden wollten.

Wahrscheinlich ist es deswegen als Therapiefortschritt zu werten, dass ich vorhin so wütend war, dass ich am liebsten die Tassen beim Abwaschen gegen die Wand geschmissen hätte (was ich aber nicht getan habe 😉). Und vor allem, dass mir dieser Gedanke gerade keine Angst mehr macht.