Gänseblümchen der Woche (31)

  • Ich selbst bzw. meine Entscheidung, das Studienfach zu wechseln. Im Moment, während der Prüfungsvorbereitung, spüre ich noch mal deutlicher als sonst, was für einen Unterschied es macht, ob ich mich wochenlang mit Themen auseinandersetze, die mich wirklich interessieren oder mit etwas, für das mein Herz nicht schlägt. Die Motivation ist im ersten Fall eine ganz andere. Wenig interessante Pflichthemen, Durststrecken in der Motivation, krankheitsbedingte Einschränkungen im Studium etc. lassen sich leichter aushalten, wenn das Grundgerüst, die Begeisterung fürs Fach, stimmt.
  • die Woche über immer wieder WhatsApp-Unterhaltungen mit Annie
  • ein sehr leckerer Blaubeermuffin gestern als Belohnung für’s Lernen
  • Viele gute Impulse und das Gefühl verstanden zu werden beim Lesen eines Selbsthilfebuchs zu Zwangserkrankungen, das mir meine Therapeutin empfohlen hat. Mit den Jahren habe ich so einige Ratgeber zum Thema gelesen und dachte deshalb ehrlich gesagt, nicht mehr viel Neues erfahren zu können. Tja, (zum Glück) falsch gedacht. In diesem Buch fand ich Erklärungen und Tipps zu einigen meiner Probleme, die mir bisher nirgendwo anders begegnet waren, allen voran zu den mir verhassten Entfremdungsgefühlen und dem Unvollständigkeitsempfinden.
  • Vor rund zwei Wochen kämpfte ich mit intensiven Angstgefühlen und Zwangsgedanken und in Folge dessen für einige Tage dann auch mit depressiven Symptomen und lebensmüden Gedanken (Hallo Kettenreaktion!). Jetzt scheint mir dieses Tief größtenteils überstanden. Ich merke quasi von Tag zu Tag, wie ich mich wieder mehr auf ein gesundes Stimmungs- und Antriebsniveau einpendle.
  • Vier Tage ohne Haare Reißen geschafft. Danach kam dann leider ein Rückfall 🙈 Also auf ein Neues…
  • die letzte Staffel „Sherlock“
  • ein Bild mit Acrylfarben, das mir meine Schwester gemalt hat

Puh, ganz schön viele Gänseblümchen 😉

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So viel zum Thema Trichotillomanie

So viel zum Vorsatz, der Trichotillomanie den Kampf anzusagen: Zwei reißfreie Tage habe ich geschafft, dann kam der erste Rückfall. Läuft.

(*Im Folgenden beschreibe ich den Ablauf des Ganzen und meine Gefühle dabei. Ich bin mir unsicher, ob es für den ein oder anderen triggernd sein könnte, daher an dieser Stelle der Hinweis.)

Gestern hatte ich die Pinzette noch außer Sichtweite geräumt. Damit war ich einem Ratgeber-Tipp gefolgt, den ich sehr sinnvoll finde: mögliche Trigger zu entfernen. Denn der Anblick der Pinzette im Badezimmer hat mich in der Vergangenheit schon öfters zu dummen Aktionen verleitet. Leider kann ich einen anderen Trigger weniger gut vor mir verbergen: Nämlich mich selbst bzw. der Anblick meiner Haare. Als mein Blick beim Abtrocknen nach dem Baden umherwanderte, tauchte der Drang zum Reißen auf.

Du könntest doch eben … Nur dieses eine Haar da, da sieht komisch aus und fühlt sich auch komisch an.

Nein, besser nicht! Du kennst das doch. Es war schon so oft so, dass du nur ein Haar ziehen wolltest und nachher wurden es wieder zig. Fang gar nicht erst damit an, denk an deine Neujahrsvorsätze!

Ach komm, nur eins … Der Druck gerade ist nicht so hoch, da passiert nichts. Du hast das im Griff.

Und schon fand ich mich am Kleiderschrank wieder, in dem ich die Pinzette versteckt hatte und im nächsten Moment schon wie in Trance auf dem Badewannenrand sitzend. Ich riss das „komische“Haar heraus und fühlte mich bald darauf befreit und erleichtert.

So, jetzt solltest du das Ding aber weglegen!

Guck mal, die Haare da stören aber auch. Die könntest du auch noch eben rausziehen und dann aufhören.

Aus „auch noch eben“ wurden dann ungefähr 20 Minuten Haare Rausreißen (zeitlich bei mir ein mittlerer Wert, es gab schon kürzere und längere Episoden). Dabei kam mir der Umstand zur Hilfe, dass mein Mann außer Haus war. Die Gegenwart anderer hält mich nämlich manchmal ab, jedoch leider nicht immer. Das Reißen tut weh? Egal. Die Haut ist nachher gerötet oder ich muss sie aufkratzen oder tiefer bohren, um ans Ziel zu kommen und es blutet dabei? Egal. Erst am Ende meiner haarigen Eskapaden, wenn dieser starke innere Drang abgeklungen ist, fange ich wirklich an zu realisieren, was ich da getan habe und fühle hauptsächlich Scham, Schuldgefühle und je nach Stimmungslage auch Wut auf mich.

Wütend bin ich nun allerdings nicht, eher enttäuscht von mir. Heute morgen noch stolz im Kalender die zwei geschafften Tage eingetragen und wenige Stunden später dann das.

Meine Therapeutin riet mir für Situationen mit Reißdruck oft, aus der jeweiligen Situation zu gehen, am besten eine Runde rauszugehen. Diesem Rat stehe ich aber kritisch gegenüber: Ich will nicht jedes Mal die Situation verlassen und kann es auch nicht immer (z.B. spät abends). Meine Therapeutin in der Tagesklinik erklärte dagegen, ich solle bei der Trichotillomanie ähnlich wie bei den Zwängen vorgehen, d.h. lernen, den inneren Druck und die Anspannung auszuhalten, die auftreten, wenn ich nicht zupfe, ohne dabei auf Ablenkungen zurückzugreifen Das würde ich gerne, schaffe es aber momentan noch nicht. Mein Arzt erwähnte mal ein Neuroleptikum als medikamentöse Option, wenn ich das Problem anders nicht in den Griff bekomme. Aber diese Möglichkeit habe ich relativ schnell von meiner Liste gestrichen, denn meine Meinung zu Neuroleptika ist: Ja, wenn nötig und eindeutig indiziert, ansonsten nein, danke. Und soweit ich weiß, besteht da bei Trichotillomanie keine Indikation (wer mehr oder Anderes dazu weiß, darf gerne anmerken oder verbessern! ☺).

Was also jetzt tun?

Ich habe mir vorgenommen, erst einmal eine zeitlang Protokoll zu führen, ähnlich wie ich es aus der Therapie gegen die Zwänge kenne. Also aufzuschreiben, wann der Druck zum Reißen auftaucht (Situation), was mögliche innere und äußere Auslöser dafür gewesen sind (Gedanken, Gefühle …), wie hoch die Intensität des Gefühls ist und wie lange es anhält. Den Versuch dazu hatte ich vor ein paar Monaten schon mal gestartet, es dann aber nach kurzem wieder sein lassen. Jetzt noch mal also mit etwas mehr Disziplin, bitte, danke. Das wird mir hoffentlich helfen, Muster besser zu erkennen.

Der nächste Schritt wäre dann zu überlegen, was ich konkret in den jeweiligen Momenten tun kann anstatt zu reißen. In Ratgebern habe ich den Hinweis gefunden, Skills zu verwenden, die mit den Händen zu tun haben bzw. diese beschäftigen, um das Ausreißen quasi auf gleicher Ebene zu ersetzen. Kneten hilft mir zum Beispiel manchmal in diesen Momenten oder mit einem Haargummi herumspielen. Meine Therapeutin schlug noch Handarbeit vor, aber das liegt mir leider so gar nicht. Ein anderer Tipp, den ich gelesen habe: sich auf die Hände setzen oder Handschuhe anziehen (Wobei, Letzteres wäre mir irgendwie peinlich, auch wenn ich allein wäre und es somit niemand sieht …). Noch mehr motorische Skills? Gibt es bestimmt, fallen mir gerade nur nicht ein. Wenn ihr noch Ideen oder Erfahrungswerte habt, freue ich mich über Kommentare!

Ich starte also in Versuch Nummer zwei …

2018 möchte ich

… so viele Prüfungen schaffen, dass ich im Frühjahr 2019 die Zulassung zur Masterarbeit beantragen kann.

… den geplanten Klinikaufenthalt angehen und hoffentlich viel in Sachen Zwänge für mich mitnehmen.

… Yoga für mich und im Kurs weitermachen.

… reisen

… wieder so regelmäßig wie im Sommer Sport machen. Seit Herbst sieht es damit leider sehr mau aus und ich vermisse das positive Körpergefühl, das mir der Sport gegeben hat.

… weiterhin kreativ Sein, da mir das gut tut, einfach zu mir gehört und mein Ventil für so vieles ist.

… der Trichotillomanie konsequent den Kampf ansagen. Im letzten Jahr klappte das leider nur sporadisch. Es gab viele Rückfälle trotz guter Vorsätze, die mir noch einmal verdeutlichten, warum Trichotillomanie zu den Impulskontrollstörungen zählt. Der Impuls erschien mir nämlich phasenweise beinahe übermächtig, ist es aber natürlich nicht. Ich habe für erkannt, dass ich einiges mehr an Kraft und Willen investieren muss als gedacht, wenn ich endlich davon loskommen will. Bisher war ich da nämlich leider sehr inkonsequent. Mit blutergussähnlichen Flecken verunstaltete Beine, der zwanghafte Griff zur Pinzette in Phasen von Stress, emotionalem Aufgewühltsein und Langeweile sollen aufhören.

Also, auf geht’s!