Expo die 1.

Meine Co-Therapeutin hat heute mein Zimmer verwüstet. Und das nicht, weil sie wütend auf mich wäre oder schon immer mal Innendesignerin werden wollte 😉

Das Ganze ist eine Expositionsübung. Es ist jetzt meine Aufgabe/Herausforderung, diese Unordnung mindestens 24 h auszuhalten ohne etwas daran zu verändern. Während ich zuhause oder eben hier in meinem Zimmer je nach Anspannungsgrad mehrmals am Tag Dinge zurechtrücke bzw. in Symmetrie bringe, will ich das nun unterlassen und die Gefühle, die dadurch aufkommen, bewusst durchleben und akzeptieren.

Welche Gefühle das sind? Ich spüre Unruhe, Widerwillen, mich einem fremden (Un-)Ordnungssystem zu fügen und etwas Orientierungslosigkeit. Das Starre, Strukturierte fehlt mir …

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Tipp: Videoreihe zu Zwangserkrankungen

Der Psychotherapeut Professor Dr. Willi Ecker hat auf YouTube ein Projekt gestartet: Eine Reihe mit Informationsvideos zum Thema Zwangserkrankungen verstehen & behandeln. Bisher gibt es acht Videos, in denen u.a. die verschiedenen Untergruppen der Erkrankung, die gängigen Behandlungsmethoden aus der kognitiven Verhaltenstherapie und Theorien über die Krankheitsentstehung erklärt werden.

Ich bin schwer angetan und sage daher: unbedingt reinschauen, falls ihr selbst betroffen seid, zwangserkrankte Angehörige habt oder euch für’s Thema interessiert!

Anbei der Link:

Eure Fragen (1) #Zwangserkrankung

Hallo zusammen,

ich habe mich entschieden, nun doch mehrere statt einen Post zu euren Fragen zu machen, da ich denke, so euren spannenden Fragen besser gerecht werden zu können.

Los geht es mit der Frage von Maskenspiel:

„Mich würde interessieren, was dir bisher am meisten genutzt hat und ob du schon mal ein pflanzliches Medikament ausprobiert hast?“

Oh, dazu könnte ich jetzt viel schreiben 😉 Ich versuche, den Schreibdrang zu zügeln und im Folgenden die Punkte aufzuzählen, die mir am meisten im Umgang mit meiner Zwangserkrankung geholfen haben. (Die Reihenfolge hat keine Bedeutung):

  • Mir Wissen über die Erkrankung aneignen

Damit gemeint ist alles, was ich im Laufe der Jahre von meinen Behandlern gelernt habe, mir durch die Beschäftigung mit Ratgebern und Fachliteratur angelesen habe usw.

Selbst die angsteinflössensten Zwangsgedanken verlieren meiner Erfahrung nach nämlich einen Teil ihrer Macht über einen, wenn man sich klar macht, was sie sind: das Symptom einer Erkrankung, nicht mehr und nicht weniger. Eine Zwangsstörung ist eine Krankheit, für die man als Betroffener genau so wenig etwas kann wie z.B. für Asthma!

Zu wissen, wie diese Erkrankung „funktioniert“, was typische Symptome sind und Begleiterscheinungen, welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt und vieles mehr hilft mir, im Alltag besser zurecht zu kommen und bestimmte Gefühle und Gedanken einordnen zu können. Bei Gesprächen mit Ärzten und Therapeuten kann ich dadurch zielgerichteter nachfragen und darauf achten, dass ich eine gute, adäquate Behandlung bekomme.

 

  • Austausch mit Leidensgenossen

Als Zwangserkrankte hatte ich im Rahmen meiner (teil-)statiönaren Behandlung manchmal das Gefühl, ein Kuriosum zu sein. Viele Mitpatienten hatten Depressionen oder eine Angsterkrankung, aber andere Zwängler? Wo steck(t)en die alle, wo doch schätzungsweise 2-3 Prozent der Bevölkerung betroffen sein sollen? Um so mehr freu(t)e ich mich, wenn ich dann doch mal auf Leidensgenossen traf/treffe. Damit möchte ich auf keinen Fall sagen, dass die Mitpatienten mit anderen Diagnosen unfreundlich gewesen wären, oder kein Verständnis für mich gehabt hätten! Eher im Gegenteil.

Aber manche Symptome oder Erfahrungen können Nicht-Betroffene einfach nicht nachempfinden, genau so, wie ich z.B. nicht weiß, wie sich PTBS-Symptome anfühlen oder eine Psychose. Ein anderer Zwangserkrankter versteht dagegen meistens genau, wie sich beispielsweise der innere Druck zum Ausüben einer Zwangshandlung anfühlt, egal, ob es bei ihm jetzt Waschzwänge sind und bei mir Wiederholungszwänge. Dieses Verständnis, das keine langen Erklärungen voraussetzt, tut manchmal einfach nur gut. Gerade in Bezug auf Zwangsgedanken, für die die Scham zumindest bei mir höher ist als für viele andere Symptome.

Einen möglichen Austauschpartner habe ich allerdings sogar in ziemlicher Nähe: Eines meiner Elternteile hat nämlich auch eine Zwangserkrankung. Dieser Austausch hat mir gerade in der Anfangszeit nach der Diagnose viel Mut gemacht. Motto: „Wenn mein(e) Vater/Mutter damit leben kann, schaffe ich das auch!“

 

  • Mir professionelle Hilfe holen. Wichtig: die Helfer sollten Erfahrungen mit Zwangserkrankungen haben!

Laut Studien vergehen im Schnitt um die 7 Jahre, bis Zwangserkrankte das erste Mal professionelle Hilfe in Anspruch nehmen, weil die Scham für die Zwänge oft sehr hoch ist.

In meinem Fall kommt die Statistik hin: Erste Zwangssymptome hatte ich mit 13, 14 Jahren, den ersten Facharztkontakt plus Diagnose mit 20. Noch mal ein paar Jahre vergingen bis zur ersten stationären Behandlung, die zu meinem Glück auf Zwangserkrankungen zugeschnitten war. Danach begann dann die ambulante Therapie, die bis jetzt andauert.

Meine Empfehlung nach der ganzen Chose: Wenn ihr den Verdacht habt, unter einer Zwangsstörung zu leiden, sucht euch möglichst zeitnah Hilfe! Von allein wird die Krankheit leider in der Regel nicht verschwinden. Stattdessen steigt das Risiko für eine Chronifizierung. Denn je länger man damit wartet, etwas zu unternehmen, um so mehr hat der Zwang Zeit, sich festzusetzen und sich auf immer mehr Lebensbereiche auszubreiten. Ich erinnere mich z.B., dass ich zu Beginn als Teenager nur ein bis zwei Zwänge hatte, einige Jahre später hingegen schon deutlich mehr. Nicht spaßig.

Ich finde es auch wichtig, Therapeuten oder Ärzte zu haben, die Erfahrungen in der Behandlung von Zwangsstörungen aufweisen können. Bei Fachleuten, die diese Erfahrung nicht hatten, fehlte meinem Eindruck nach manchmal an Verständnis für bestimmte Problematiken. Das bewirkte dann widerum Frustration bei mir. Darum bin ich auch sehr froh und dankbar, mit meinem jetzigen Psychiater einen Arzt zu haben, der sich gut in der Materie auskennt und von dem ich mich immer ernst genommen und unterstützt fühle.

Zum Punkt „sich professionelle Hilfe holen“ zählt natürlich auch Therapie. Da ich dazu aber sehr viel schreiben könnte, möchte ich der Übersichtlichkeit halber lieber einen extra Post dafür aufmachen. Das passt dann auch zu der Frage von Ut 😊  In diesem Post werde ich euch dann von (zwangsspezifischen) Therapieansätzen erzählen, die mir geholfen haben, z.B. Expositionsübungen.

 

  • Medikamente

Zu diesem Aspekt findet man viele verschiedene Meinungen und Erfahrungen unter Betroffenen. Ich möchte an dieser Stelle nur meine Erfahrungen schildern, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Das gilt eigentlich für alle Punkte hier – aber ich dachte mir, ich betone es bei dem teils doch heiklen Thema Psychopharmaka noch mal lieber extra 😉

Ich nehme seit der Diagnosestellung ein Antidepressivum aus der Wirkstoffgruppe der SSRI. Zum Einen als Rückfallprophylaxe wegen rezidivierender schwerer depressiver Episoden in der Vergangenheit und dann eben wegen der Zwangsstörung.

(Vielleicht hilft es in diesem Zusammenhang zu wissen, dass ich mehr unter den Zwangsgedanken als unter den Zwangshandlungen leide und dass mehrere meiner Zwangsgedanken um magisches Denken kreisen. In solchen Fällen empfehlen die S3-Leitlinien eine Kombinationstherapie aus Medikament und kognitiver Verhaltenstherapie. Bei anderen Ausprägungen der Erkrankung klappt es mitunter auch ohne medikamentöse Unterstützung! Aber die Frage, ob Medikament ja/nein ist wirklich höchst individuell.)

Ich habe inzwischen mehrere Umstellungen von einem SSRI auf ein anderes gehabt, auch einen Absetzversuch in Eigenregie gegen ärztlichen Rat *hust, war eine dumme Idee*

Meine Erfahrung ist: Das Medikament hilft mir. Es dämpft die Intensität der Zwangsgedanken herunter auf ein Level, das besser auszuhalten ist für mich und mit dem ich, in der Kombination mit Therapie und Selbsthilfe, im Alltag im Großen und Ganzen gut zurecht komme. Bestimmte meiner Zwangsgedanken verursachen nun in der Regel auch kein suizidales Empfinden mehr, wie es in der Zeit kurz vor und nach der Diagnosestellung noch der Fall war.  In diesen be** Zustand von damals möchte ich möglichst nie wieder geraten. Deswegen werde ich auch weiter mein Antidepressivum nehmen, bis mein Arzt und ich irgendwann hoffentlich gemeinsam zu der Entscheidung kommen, dass ich durch Therapie und Co. stabil genug bin, um einen Absetzversuch zu starten.

Neben meinem Antidepressivum habe ich keine andere feste Medikation (es sei denn, man zählt die Eisen- und Schilddrüsentablette mit 😉). Mein Bedarfsmedikament versuche ich, so wenig wie möglich einzusetzen.

Mit pflanzlichen Medikamenten habe ich, bis auf Rescuetropfen, die mir damals nichts gebracht haben, keine Erfahrung. Gerne greife ich aber bei innerer Unruhe am späten Abend auf pflanzliche Schlaftees zurück, z.B. mit Lavendel.

 

  • Komorbide Erkrankungen erkennen und behandeln

Viele Betroffene leiden nicht „nur“ unter einer Zwangsstörung, sondern auch unter einer weiteren oder mehreren anderen psychischen Erkrankungen. Es ist wichtig, dass diese erkannt und ebenfalls behandelt werden, denn ansonsten wird es schwer sein, den Gesamtzustand zu verbessern.

Ein Beispiel:  Hat jemand neben einer Zwangserkrankung auch eine Depression, macht es mitunter Sinn, erst bzw. vorrangig die Depression zu behandeln. Denn wer gerade in einer schweren depressiven Episode steckt, wird kaum die Kraft haben, sich anstrengenden Expositionsübungen etc. zu stellen …

Bei mir ist es z.B. so, dass Depression, Angsterkrankung und Zwangsstörung sich gegenseitig  verstärken können. Darum ist es wichtig für mich, dass in der Therapie nicht nur stur an der Zwangsstörung oder der Depression gearbeitet wird, sondern eben jede Baustelle ggf. Raum bekommt und ich Umgangsstrategien damit erlerne.

 

So, und damit schließe ich den ersten Beitrag der Reihe. Ich bedanke mich nochmals herzlich für eure Fragen! Im nächsten Post wird es dann wie gesagt spezifisch um die Therapie gehen 😊