Ideen, Fragen, Themenwünsche? #Zwangserkrankung

Am Wochenende möchte ich seit längerem mal wieder eine Art Infobeitrag zum Thema Zwangserkrankung posten. Die Suchbegriffe in der Blogstatistik haben mir dafür schon einigen Input gegeben. Aber ich wollte euch trotzdem noch einmal gerne direkt fragen:

Was würde euch interessieren? Habt ihr Fragen? Interessieren euch meine Erfahrungen mit bestimmten Symptomen, Therapieansätzen, Medikamenten etc.?

Schreibt mir gerne in das Kommentarfeld 😊

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Buchtipp: „Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ von John Green

  • Genre: Jugendroman / Young Adult
  • Originaltitel: „Turtles all the way down“
  • Verlag: Carl Hanser Verlag
  • Seitenzahl: 288
  • verfügbare Formate: Hardcover und e-Book
  • Preis: 20 Euro (für die gebundene Version)

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Worum geht´s?

Die 16-jährige Aza Holmes hatte ganz sicher nicht vor, sich an der Suche nach dem verschwundenen Milliardär Russell Pickett zu beteiligen. Sie hat genug mit ihren eigenen Sorgen und Ängsten zu kämpfen, die ihre Gedankenwelt zwanghaft beherrschen. Doch als eine Hunderttausend-Dollar-Belohnung auf dem Spiel steht und ihre furchtlose beste Freundin Daisy es kaum erwarten kann, das Geheimnis um Pickett aufzuklären, macht Aza mit. Sie versucht Mut zu beweisen und überwindet durch Daisy nicht nur kleine Hindernisse, sondern auch große Gegensätze, die sie von anderen Menschen trennen. Für Aza wird es ein großes Abenteuer und eine Reise ins Zentrum ihrer Gedankenspirale, der sie zu entkommen versucht.

(* Inhaltsangabe und Coverabbildung entstammen der Verlagshomepage.)

Meine Meinung

Mit seinem vorherigen Roman „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ konnte John Green mich begeistern. Obwohl das Buch auch Schwächen hat, liebe ich es und habe einige Passagen bereits viele Male gelesen.

Als ich vor einiger Zeit erfuhr, dass Green dieses Jahr einen neuen Roman veröffentlichen würde, freute ich mich. Als ich mitbekam, dass die Protagonistin ein Teenager mit Zwangsstörung sein sollte und John Green selbst seit Jahren unter dieser Erkrankung leidet, war ich im ersten Moment etwas aus dem Häuschen vor Überraschung und Vorfreude. Dementsprechend hoch waren aber auch meine Erwartungen: Von einem Autor, der selbst betroffen ist, erwarte ich eine realistische(re) Darstellung des Themas als von einem nicht erkrankten. Gleichzeitig sollten Charaktere, Handlung und Schreibstil natürlich auch überzeugen und nicht nur die Umsetzung der Krankheitsthematik. Ist John Green all das gelungen?

Meine Antwort darauf lautet eindeutig: Ja!

Gleichzeitig muss ich aber auch einräumen, dass ich nachvollziehen kann, dass dieses Buch vielleicht nicht für alle Leser so zugänglich ist wie sein Vorgänger und bei manchen aneckt. Warum, möchte ich im Folgenden ebenso erklären wie die Aspekte, die mich begeistert haben.

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„Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ ist handlungsmäßig ein ruhiger Roman. Im Zentrum der Erzählung stehen eindeutig die Charaktere sowie ihre innere Entwicklung, vor allem die von Aza. Die Suche nach dem verschwundenen Milliardär nimmt dem gegenüber einen deutlich geringeren Stellenwert ein. Das hat mich nicht gestört, eher im Gegenteil, denn ich lese sehr gerne Bücher dieser Art. Ich kann aber auch verstehen, wenn der ein oder andere darüber enttäuscht ist, denn der Klappentext lässt auf mehr Action schließen.

Die wichtigsten Charaktere – Aza, ihr alter Schulfreund Davis, der der Sohn des verschwundenen Milliardärs ist, und Azas beste Freundin, Daisy – sind wie schon Hazel und Gus aus dem Vorgänger-Buch sehr individuelle, in Daisys Fall wohl auch spezielle Charaktere 😉 Sie fallen durch ihre Lebensumstände, Interessen und Hobbys, Verhaltensweisen und ihre geistige Reife (Letzteres trifft vor allem Aza und Davis zu) aus der Norm.

Aza lernt man dadurch, dass sie nicht nur die Protagonistin, sondern auch die Ich-Erzählerin ist, am besten kennen. Die Ich-Perspektive ermöglicht es dem Leser, einen tiefen Einblick zu bekommen in ihr Leben mit Zwangsgedanken, Zwangshandlungen und den emotionalen Folgen und Begleitsymptomen wie Angst, Panikattacken und Scham. Und dieser Einblick ist wirklich tief. Denn gemeinsam mit Aza wird der Leser immer wieder mit dem konfrontiert, was sie ihre Gedankenspiralen nennt. Das sind meist aufdringliche Gedanken (Zwangsgedanken) zum Thema Krankheit und Infektionsrisiko sowie zwanghaftes Grübeln über die Frage, ob sie wirklich existiert, ob es wirklich ein Ich gibt und was dieses ausmacht. Diese Gedanken verschlingen viel von Azas Zeit und Kraft und veranlassen sie auch zu verschiedenen Zwangshandlungen zur Beruhigung ihrer Angst.

Obwohl ich größtenteils unter anderen Zwängen leide, denke ich doch, an dieser Stelle sagen zu können, dass Green die ganze Zwangsproblematik realistisch und glaubwürdig schildert. Beim Lesen habe ich immer wieder mit Aza mitgelitten und mitgefiebert, mir jedes Mal gewünscht, dass sie es schafft, den Impulsen zu ihren Zwangshandlungen zu widerstehen und konnte es doch so gut nachvollziehen, wenn sie dann doch nachgegeben hat. Der Roman zeigt auf sehr eindringliche Weise, wie das Leben mit einer ausgeprägten Zwangserkrankung ausschauen kann. Diese Eindringlichkeit und die Realitätsnähe waren der Grund dafür, dass ich das Buch nicht an einem Stück lesen konnte. Manche Passagen haben mich emotional so mitgenommen und mich so sehr an eigene Gedanken und Gefühle erinnert, dass ich eine zeitlang Abstand brauchte, bevor ich weiterlesen konnte.

Anhand von Azas Krankheitsverlauf (sie leidet zum Zeitpunkt der Erzählung bereits seit einigen Jahren unter ihrer Erkrankung, hat fünf Jahre kognitive Verhaltenstherapie hinter sich und mehrere Antidepressiva ausprobiert) wird deutlich, dass Zwangserkrankungen leider zur Chronifizierung neigen und bei der Behandlung dann viel Geduld und immer wieder Motivation gefragt ist.

In einigen Rezensionen habe ich gelesen, dass manche Leser das Buch als zu deprimierend oder langweilig wegen der Schilderung von Azas ganzen Gedankengängen erlebt haben. Ich kann das verstehen. Als Nicht-Betroffene(r) oder ohne Vorwissen zum Thema Zwangsstörungen und Angsterkrankungen fragt man sich vielleicht, warum sich da jemand so extrem in seinen Gedanken verliert und so starke Angst dabei spürt. Man versteht nicht, warum Aza so offensichtlich übertriebene, zeitintensive Rituale ausführt und nicht davon ablassen kann. Leser, die selbst unter Zwängen bzw. einer anderen psychischen Erkrankung leiden, oder Menschen, die sich für Psychologie interessieren, fällt es da vielleicht um einiges leichter, sich in Aza hineinzuversetzen und sich auf diese ungewöhnliche Erzählung einzulassen.

Wer dieses Einlassen schafft, wird belohnt mit einem realistischen Einblick in das Thema Zwangsstörungen und gleichzeitig tiefsinnigen Gedanken und Überlegungen zu den Themen Freundschaft, Zusammenhalt und Identität. Auch Humor und Ironie kommen nicht zu kurz und lockern manches auf. Die Liebesgeschichte (ich hoffe es ist kein Spoiler, dass ich das jetzt schreibe …) nimmt in der Handlung einen weniger großen Raum ein und ist ganz unaufdringlich.

(Ein sehr persönliches) Fazit

(mit leichtem Spoiler bezüglich des Endes)

Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken“ ist ein leises, sehr eindringliches Buch über das Leben mit chronifizierter Zwangserkrankung, die Suche nach sich selbst und dem Wert von Freundschaft und Zusammenhalt. Es ist kein Buch, das sich mal einfach so eben runterlesen lässt, sondern erfordert vom Leser die Bereitschaft, sich auf Azas Gedankenwelt einzulassen und Angst und Beklemmung mit ihr auszuhalten. Es ist kein reiner Unterhaltungsroman, sondern ein tiefsinniges Jugendbuch, das man vielleicht nicht dann lesen sollte, wenn man gerade selbst in einem emotionalen Tief steckt.

Ich habe mir sehr viele Textstellen angemarkert – weil sie mich berührt haben, zum Nachdenken brachten, poetisch formuliert waren oder wunderbar in Worte fassten, wie sich das Leben mit Zwangserkrankung für mich in der Zeit kurz nach der Diagnose angefühlt hat und manchmal eben auch noch heute anfühlt. Ich habe mich beim Lesen unglaublich verstanden gefühlt. Danke dafür an John Green!

Das Ende hat mich, ohne spoilern oder übertreiben zu wollen, zum Weinen gebracht, etwas, das mir nicht oft beim Lesen passiert. Es ist nicht das glückliche Ende, das Aza, die so tapfer um Normalität kämpft, meiner Ansicht nach verdient hat, nicht das Ende, das ich allen (Zwangs-)Erkrankten und auch mir selbst wünsche: Heilung. Und doch ist es vielleicht auch gerade deswegen ein realistisches Ende, das trotzdem auf seine Art Hoffnung in sich birgt.

(Ich danke dem Hanser Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!)

Angemeldet!

Geschafft – ich habe meine Anmeldeunterlagen für die stationäre Therapie in einer auf Zwangsstörungen spezialisierten psychosomatischen Klinik abgeschickt und warte nun auf Rückmeldung.

Zuvor hatte ich das Ausfüllen der Formulare wochenlang vor mir hergeschoben … Es war mal wieder typisch für mich: Ich weiß, dass mir eine bestimmte Sache gut tut/tun wird, schiebe sie dann aber trotzdem aus Angst immer wieder auf. Mit einem kleinen Anstupser von Seiten meiner Therapeutin in der letzten Therapiestunde hat es nun aber geklappt. Dabei kam auch die Frage auf: Wovor habe ich da eigentlich Angst?

Gute Frage, die ich gar nicht so einfach beantworten kann. Ich vermute, da kommt Verschiedenes zusammen:

  • meine generelle Ängstlichkeit in Bezug auf fremde Menschen und neue soziale Situationen
  • dass sich die Klinik relativ entfernt von meinem Wohnort befindet und mich mein Mann, meine Familie und meine Freunde dann nicht mal einfach so eben besuchen können. Die Fahrtkosten werden auch zu hoch sein, um jedes therapiefreie Wochenende zuhause zu verbringen. Der regelmäßige Kontakt mit meinen Lieblingsmenschen ist etwas, dass mir bei meinen beiden vorausgegangenen stationären Behandlungen oft Mut und Kraft gegeben hat. Darum sehe ich dem Wegfallen davon mit einigem Bauchgrummeln entgegen.
  • widersprüchliche Gefühle und Gedanken in Bezug auf die Therapie dort. Einerseits die blödsinnige Befürchtung, nicht krank genug zu sein (dass die Mitarbeiter denken könnten, was ich dort will, gibt es doch noch Patienten mit schlimmer ausgeprägten Zwängen als bei mir. „Hey, Erde an Nelia: Du hast eine seit 15 Jahren bestehende Zwangserkrankung, eine Angsterkrankung, Trichotillomanie und vier schwere depressive Episoden hinter dir – warum glaubst du, dass das nicht reicht?“). Andererseits aber auch die (ebenfalls blödsinnige) Angst, dass man mir sagen könnte, meine Zwangsstörung ist schon so chronifiziert, dass ich sie nie mehr ganz los werden kann. Oder, dass der Aufenthalt nicht die Verbesserung bringen wird, die ich mir insgeheim trotz aller Angst erhoffe. Wenn es mir dort in der Spezialklinik nichts bringen sollte, wie traurig wäre das denn bitte? Es würde mich sicher ziemlich demotivieren. Wenn, wenn wenn –
  • Und, um es noch widersprüchlicher zu machen: Einerseits will ich die Zwangserkrankung, die Depression und Co. loswerden, andererseits habe ich aber auch genau davor Angst. Die Vorstellung eines zwangsfreien, depressionsfreien Lebens ist wunderschön – und gleichzeitig beängstigend, weil ich so ein Leben nun schon seit Jahren nicht mehr hatte bzw. wenn, dann nur phasenweise. Was bleibt von mir, wenn meine Erkrankungen wegfallen? Welche Eigenschaften gehören zu mir und welche zu meiner Symptomatik? Bin ich überhaupt stark und mutig genug, um mit meinen Gefühlen und dem unvermeidlichen Auf und Ab des Lebens ohne Zwänge, Trichotillomanie und meine anderen ungesunden Bewältigungsstrategien umzugehen?
  • Angst vor den Expositionsübungen, von denen ich weiss, dass sie dort ein wichtiges Fundament der Therapie bilden und mir aller Wahrscheinlichkeit nach sehr helfen werden (das haben sie in der Vergangenheit nämlich schon), aber eben auch mordsanstrengend sind, da man mit seinen Ängsten und schlimmsten Zwangsgedanken konfrontiert wird.

 

Im Nachhinein fällt mir selber auf, in diesem Post steckt verdächtig oft das Wort Angst … Stimmt, da war ja was, hallo Angsterkrankung.

Das liest sich jetzt alles wohl eher recht negativ. Aber ich kann ehrlich sagen, dass ich trotz aller Angst auch mit einiger Hoffnung und Motivation hoffentlich im nächsten Jahr dort hingehen werde.

Hoffnung und Motivation auf/für noch mehr Lebensqualität, mehr Leichtigkeit und weniger Schwere in meinem Leben. Ich möchte lernen, mich selbst anzunehmen, so wie ich eben bin und zu mögen. Ich möchte glücklicher werden, noch mehr leben statt zu überleben oder einfach so vor mich hinzuleben. Tschakka!