Stiller Schmerz

Ich bin gerade auf dem Rückweg vom Treffen mit einer lieben Bekannten, als ich die eingegangene WhatsApp-Nachricht einer Freundin sehe.

„Ich bin schwanger“, schreibt sie. Damit hatte ich nicht gerechnet. Zack, ein paar Minuten später laufen mir still die Tränen.

Bin ich egoistisch, weil ich mich mit meiner Freundin nicht wirklich mitfreuen kann, sondern vor allem Schmerz bei ihren Worten empfinde?

In meinen Zukunftsträumen habe ich mich lange als Mutter gesehen. Doch nun bin ich ü-30, geschieden und chronisch krank. Und selbst wenn ich jetzt gerade eine glückliche Partnerschaft hätte, ich glaube, ich würde aufgrund meiner Erkrankungen trotzdem auf Kinder verzichten aus der Angst heraus, (m)einem Kind nicht gerecht werden zu können.

Damit will ich nicht sagen, dass Menschen mit psychischen Erkrankungen keine guten Eltern sein können! Ich kenne einige Familien, in denen ein oder beide Elternteile seelisch krank sind und man sich gut um die Kinder kümmert.

Aus eigener Erfahrung weiß ich jedoch auch, wie es ist, als Kind eines Elternteils aufzuwachsen, dass seine psychischen Probleme nicht ausreichend im Griff hat. Und ich bin nicht die einzige bin unserer Familie mit dieser Erfahrung. Dieses Trauma möchte ich nicht weitergeben.

Meine Freundin, die selbst psychisch erkrankt ist, hat sich nun anders entschieden, für einen Kinderwunsch. Ich wünsche ihr von Herzen alles Gute, doch Wellen aus Trauer und Neid toben durch mich. Es tut weh zu sehen, wie Freunde und ehemalige Mitschüler eine Familie gründen. Ein ungelebtes Leben, so kommt mir mein Leben manchmal im Vergleich dazu vor.

Happy new year

Ihr Lieben,

für 2022 wünsche ich euch Gesundheit, liebe Menschen an eurer Seite und viele schöne Momente! (Und uns allen ein Ende der Pandemie, auch wenn das wohl leider sehr unrealistisch ist.)

Mein Jahr verlief anders als gedacht. Es begann sehr positiv mit dem Antritt meiner Wunschstelle. Kurz darauf folgte leider unverhofft die erste Depression. Das Frühjahr über ging es mir wiederum gut. Im Sommer dann die Scheidung und im Herbst der langfristig geplante Klinikaufenthalt auf einer Fachstation für Zwangsstörungen. Nach meiner Rückkehr dann die zweite depressive Episode … Zwischenzeitlich immer wieder mal Sorgen um ein krankes Familienmitglied. Kurzum: Es war ein Jahr, an das ich große Erwartungen hatte und das sich dann größtenteils ganz anders entwickelte als angenommen. Kein leichtes Jahr. Daran habe ich jetzt noch zu knabbern und ich denke, es wird mich auch noch eine Weile weiterbeschäftigen.

Nichtsdestotrotz hatte das Jahr auch schöne Momente und Erlebnisse: Treffen mit meinen Freunden, verliebt Sein, Spielen mit den Kindern meiner besten Freundin, Mädels-Tage mit meiner Schwester, Erfolgserlebnisse mit Patienten auf der Arbeit, den liebsten Hund der Welt knuddeln und mehr.

Danke für eure Begleitung und lieben Worte das Jahr über. Kommt gut rüber in 2022 🙂

Nelia

Annehmen

„Wenn ich genug Therapie gemacht habe, werde ich keine/kaum noch Symptome mehr haben.“

„Wenn ich meine neue Arbeitsstelle antrete, wird mir das so gut tun, dass die depressiven Phasen aufhören.“

„Wenn ich meine schwierige Beziehung beendet und die Trennung verarbeitet habe, werde ich genesen.“

Das neue Medikament wird mir helfen, keinen Rückfall mehr zu bekommen.“

„Nachdem ich in der Spezialklinik war, wird es mir so gut gehen, dass ich stabil bleibe.“

In der Genesungsbegleiterausbildung habe ich viel über Recovery, Salutogenese und Co. gelernt. Das wird mir helfen, mich selbst zu heilen.“

So ähnlich sahen meine Gedanken lange aus. Nur noch diese eine Sache schaffen, und dann wird endlich alles gut! Wie schön, wenn es so wäre. Doch es ist nicht so. Leider.

Vielleicht ist es jetzt an der Zeit anzunehmen, dass diese magische Wende der Dinge niemals passieren wird und meine Erkrankungen mich wirklich mein Leben lang begleiten werden. Auch wenn das unfair ist. Auch wenn ich mich so sehr anstrenge. Auch wenn ich mit den Jahren so viel Fachwissen über meine Krankheiten angesammelt habe. Auch wenn … setze beliebigen anderen Punkt hier ein.