Gedankenwirrwarr, Corona-Edition

Heute ist ein schwieriger Tag. Gestern Abend saß ich auf meinem Bett und musste plötzlich weinen, vorhin vor der Therapiestunde wieder und jetzt am Bahnhof wollen die nächsten Tränen gerne in die Freiheit entlassen werden. Warum? Gute Frage, das weiß ich selbst nicht so genau. (Oder doch?)

Vor kurzem lobten mich die Fachleute meines Vertrauens, wie gut es mir stimmungsmäßig gehe und wie gut ich mich schlage angesichts der Lage momentan. Und jetzt – da fühle ich mich müde, dumpf und einsam.

Ich beschäftige mich intensiv mit meinen Hobbys und Vorhaben, versuche mein Wissen über bestimmte Themen für die Ausbildung zu erweitern. Ich spreche täglich via WhatsApp und Co. mit lieben Menschen, manchmal auch per Videochat, achte auf Struktur und frische Luft. Bisher habe ich mich die meiste Zeit über energiegeladen und gut gefühlt und einiges geschafft, auf das ich stolz bin.

Jetzt dagegen fühle ich mich einsam und vermisse schmerzlich soziale Kontakte jenseits von Telefonaten oder Therapieterminen. Ich will meine Freunde treffen, meine Familie besuchen, das Praktikum machen, auf das ich mich so gefreut hatte, wieder Unterricht haben, planmäßig meinen Abschluss machen – und habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen deswegen.

Ist es nicht undankbar und egozentrisch, sich so zu beklagen, während sich in Ländern wie Italien schreckliche Szenen abspielen oder manche Menschen im Falle einer Infektion um ihr Leben fürchten müssten?

Meine Therapeutin meint: Nein. Dass man den eigenen Kummer nicht herabsetzen soll, nur weil es anderen noch schlechter geht. Typische Therapeutenweisheit, auch in Corona-freien Zeiten. Und ich weiß, sie hat Recht damit. Aber Wissen und Fühlen, nun ja.

Ich finde es schlimm, wie sich die Menschen in den sozialen Medien zur Zeit gegenseitig angiften. Da sind die Rücksichtslosen, die lautstark verkünden, was sie ohne Sorge um ihre Mitmenschen alles weiter tun. Auf der anderen Seite diejenigen, die gefühlt jedem ein schlechtes Gewissen machen, der es wagt, seine Wohnung zu verlassen und Dinge zu tun, die völlig regelkonform und weitestgehend risikoarm sind. Die es am liebsten sehen würden, wenn sich alle 24 h daheim verschanzen, bis die Krise überstanden ist. Dann die üblichen Verschwörungstheoretiker und Intellektuelle, die kritische Gedankenanstöße zur Beschneidung der Grundrechte durch den Staat äußern. Ihre Gedankengänge sind kluge, mit denen mein Geisteswissenschaftlerin-Ich in einigen Punkten konform geht, die aber gleichzeitig in meinen Augen zu theoretisch sind und unnötige Risiken billigend in Kauf nehmen. Dann noch jene, die selbstsicher Katastrophenszenarien ausmalen oder Prognosen aufstellen, als hätten sie eine Glaskugel. Sie machen mir Angst damit, dass sie eine Fortführung der aktuellen staatlichen Maßnahmen bis in den Sommer hinein prophezeihen. (Bitte nicht, dann drehe ich am Rad).

Doch nicht nur in den Medien scheint es mit den Menschen durchzugehen, auch im analogen Leben. In meiner Heimatstadt wurde eine Verkäuferin von einem Kunden körperlich angegriffen – weil sie ihn an die Beschränkungen beim Klopapiereinkauf erinnert hat. Zu mir meinte letztens in der U-Bahn eine (sichtbar alkoholisierte) Dame, sie würde mir „eine klatschen“ (O-Ton), sollte ich ihren Mann anstecken. Aufgrund der vielen Fahrgäste war ich ihm wohl in ihren Augen zu nahe gekommen – was für ihn übrigens kein Problem zu sein schien …

Maßnahme eins zur Selbstfürsorge:

den Nachrichtenkonsum beschränken und keine Diskussionen in den sozialen Medien mehr zum C-Thema lesen.

What else?

Bald ist mein Trennungsjahr um und die Scheidung kann offiziell eingereicht werden. Ich will nicht darüber nachdenken.

Mein Heuschnupfen äußert sich stärker als in den letzten Jahren; ich habe das Gefühl, mein allergisches Asthma ist nach langer Pause zurück. Luftnot. Ist vielleicht an der Zeit für ein Asthmaspray. Dumm nur, wenn man wegen sozialer Ängste den Anruf beim Hausarzt aufschiebt. Yeah.

Die Katze meiner Schwester hat seit kurzem Leukose bestätigt.

Mein ALG II-Antrag läuft im nächsten Monat aus und ich muss einen neuen stellen, was meinem Selbstwertgefühl nicht gut tut.

Fazit: Kann die Welt bittebittedanke einen Moment lang stillstehen, bis ich wieder aufgeholt habe?

Maßnahme zwei zur Selbstfürsorge:

Tief durchatmen.

Und ja: Sorgen, Ängste, Wut, Stimmungsumschwünge und Co. dürfen angesichts all dessen da sein.

Meine Hospitationseindrücke

Die als mein Ansprechpartner fungierende Stationsleiterin hat mich freundlich begrüßt. Im Laufe des Tages konnte einige Eindrücke sammeln, mich schon mit einzelnen Patienten unterhalten oder etwas spielen. Vieles war anders, als ich im Vorfeld gedacht habe und es war insgesamt eine lehrreiche und spannende Erfahrung.
Ich habe aber auch gemerkt, dass eine (teilweise) geschützte Station eine andere Welt ist im Vergleich zu den offenen Stationen, die ich aus meiner eigenen Patientengeschichte kenne. Deswegen war ich mir oft unsicher, auf welche Patienten ich von allein zugehen kann, um mich z.B. als Gesprächspartnerin anzubieten oder wie ich mich am besten bei bestimmten Symptomen verhalte, die ich nicht aus eigenem Erleben kenne (Wahnvorstellungen, Aggressivität … ). Um im Ernstfall schnell Hilfe anfordern zu können, wurde ich wie der Rest des Teams mit einem Alarmgerät ausgestattet. Ein Umstand, der mir doch ein ziemlich mulmiges Gefühl machte ebenso wie die Warnung vor einem bestimmten sehr aggressiven Patienten.

Mein persönliches Erfolgserlebnis des Tages war eine angenehme längere Unterhaltung mit einem jungen Mann, der von sich aus immer wieder das Gespräch mit mir suchte. Wir sprachen ein wenig über den Grund für seinen Aufenthalt, aber auch Alltägliches wie Hobbys und Haustiere.

Zwischendurch hatte ich allerdings auch öfters nichts zu tun, sodass ich die FSJlerin beim Bettenbeziehen und ähnlichen Tätigkeiten unterstützt habe, die eigentlich nicht in den Aufgabenbereich eines Genesungsbegleiters fallen.

Als die Stationsleitung am Ende des Tages meinte, sie könne sich mich als Praktikantin dort gut vorstellen, habe ich mich gefreut. Wir sind dann aber beide darin übereingekommen, dass es wahrscheinlich besser wäre, wenn, dann das zweite – statt direkt das erste – Praktikum auf einer geschützten Station zu machen.
Ich möchte gerne erst einmal auf einer offenen Station oder in der Tagesklinik Erfahrungen sammeln, also dort, wo mehr Patienten mit „meinen“ Diagnosen sind, die ich vor dem Hintergrund meiner eigenen Erfahrungen dann vielleicht auch besser unterstützen und ermutigen kann, die sich besser konzentrieren können und wo es auch mehr Gruppen- und Therapieangebote gibt, bei denen ich hineinschnuppern und Ideen für eigene Angebote entwickeln kann. Ich denke, auf einer offenen Station würde es mir leichter fallen, mich erst einmal in meine neue Rolle als Genesungsbegleiterin einzufinden.